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Jüdisches Familienblatt · 1886-01-01 · 26 (1886) · p. Seite 102

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1886
Issue
26 (1886)
Date
1886-01-01
Page
Seite 102 (sequence 4)
Language
German
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— 102 sollten geweihte Hostien mit Ruthen peitschen rc. Fast periodisch sind die Verfolgungen, Plünderung der Häuser und massenhaftes Hinschlachten. Durch Waffen. Qualen, Gefängnis wurde ihnen das Christenthum aufgedrängt, in der Regel vergebens. Kein streitbares Volk hat heldenmüthiger roher Gewalt wider st a nden als diese Wa ffen losen. Die großartigsten Beispiele von beharrlichem Heldenmuthe werden selbst von christlichen Erzählern berichtet. So ging es durch das ganze Mittelalter, auch noch im 16. Jahrhundert suchten die Landesherren leere Kassen aus dem Beutel der Juden zu füllen, noch immer stürmte der Pöbel ihre Häuser, so 1614 in dem wilden Judenaufstand zu Frankfurt am Main. Einige große Gelehrte, Aerzte, Naturkundige erlangten ein Ansehen, welches durch alle Länder Europa's ging, selbst den Christen widcrwillige Achtung einflößte, aber das waren seltene Ausnahmen. Unter diesen Gegensätzen zog sich die unzerstörbare Lebenskraft dieses Volkes in die Form, welche den Juden bis heut geblieben ist. Vom Kaiserrecht privilegirt, vor dem Landrecht hilflos, unentbehrlich und tiefoerhaßt, begehrt und verflucht, in täglicher Gefahr des Feuers, Raubes, Mordes, und wieder der stille Herr über Habe und Wohlfahrt von Hunderten, in unnatürlich abenteuerlicher Stellung und doch in durchaus nüchterner Thütigkeit, mitten unter dem dichtesten Schwarm der Christen und doch durch eherne Schranken von ihnen getrennt, lebten sie ein zwiefaches Leben. Aller Stolz edlen Blutes, großen Reichthums, hoher Talente, die volle Glut südlicher Empfindung, jede holde und jede dunkle Leidenschaft umschloß das Haus, die Familte, die Gemeinde; vor den Christen waren sie kalt, zäh, geduldig, furchtsam, kriechend und lauernd, gebeugt unter tausendjährigem Druck". Zum Schluß dürfte noch folgende Stelle erwähnungswerth sein: „Die Bedeutung, welche der innige Zusammenhang der Juden für den deutschen Handel in einer Zeit hatte, wo schlechte Wege, schlechte Zölle und' eine sehr unwissende Gesetzgebung dem Verkehr dle größten Schranken auslegten, ist noch lange nicht zur Genüge gewürdigt". L. „Von der Weichsel bis zum Dujeper." Unter diesem Titel ist kürzlich in Hannover*) ein Buch erschienen, das insofern auch für uns Interessantes bietet, als es uns eine Schilderung der polnischen Juden giebt, in we'chcm der Verfasser freilich diesen eine Liebe zum Handwerk uitb zu „schwerer Arbeit" nicht abspricht und sie als dem Lande unentbehrlich erklärt, im Allgemeiiien jedoch sich sehr abfällig über dieselben ausspricht und, werk nicht ganz vorurthcilsfrei, ihnen keine volle Gerechtigkeit widerfahren läßt. Ein desto größeres Gewicht haben seine, fast widerwillig von den factischen Verhältnissen ihm abgerungencn, anerkennenden Urthelle über diese ihm verhaßte Race. Bevor wir das die Juden Betreffende in Kürze wicdergeben, möge zuvörderst eine Angabe über die Zahl der verschiedenen Nationalitäten angeführt werden: 1772 1880 Russen t'L Mill. 9 Mill. Polen 63/4 k, 9 n I u d e u 2 ff 27ff Lithauer 2 ff 2 ff Deutsche 17, ff 57. ff Summa 20 Mill. 28 Mlll. Dle Juden (gegen 3 Millionen umfassend) bilden seit alter Zeit den Mittelstand, des im Uebrigen völlig fehlende Mittelglied zwischen Adel und Volk. Sie sind in den größeren Städten in erschreckender (!) Zahl vertreten, — in Warschau mit 120,000, in Wilna mil 45,000, in Berditschcw mit 40,000, in Kvwno mit 28,000, in Bialystock mit 20,000 u. s. w. — die kleinen Marktflecken sind fast aus- *) Helwing'sche Verlagshandlung. 1886. 328 S. Verantwortlicher Redaeteur Dr. Rahm er. Magdeburg. Druck von schließlich von ihnen besetzt. Sie haben den gesummten Groß- und Kleinverkehr in Händen und sind die Träger des Handwerks und Gewerbes. Eine Ausweisung dieses gewinnsüchtigen (?), aber klugen, ausdauernden und gewerbfleißigen Volkes würde dort zu Lande eine unausfüllbare Lücke reißen. Es muß hervorgehoben werden, daß der polnische Jude sich nicht allein mit dem Geldgeschäft, mit Schachern und Wuchern jeder Art besaßt, sondern daß er auch zu schwerer Körperarbeit, zum Schmiede-, Maurer- und Zimmermannshaudwerk greift. Eine seiner Hauptbeschäftigungen ist ferner das Fuhrinanirsgewerbe. Die meisten Posthalter in polnischen Landell sind Juden, und außerhalb der Poststraßen vermittelt den Verkehr über Land fast ausschließlich das Judensuhrwerk. y Trotzdem die Juden dem polnischen Landvolke geistig weit überlegen sind und Dank ihren kirchlichen Einrichtungen sämmtlich eine gewisse Schulbildung besitzen, so erhebt sich doch selten einer von ihnen über den Durchschnitt seiner Stammesgenossen und erklimmt eine höhere soziale Stufe. Sie leben nach der Väter Weise fort und haben bei dem gegenseitigen Wettkampf in allen Erwerbszweigen und bei den unverhältuißmäßig starken Familien durchweg mit bitterer Noth zu kämpfen. Die größte Gewandlheu, die äußerste Sparsamkeit — ihre Nahrung besteht fast nui* aus Brot und Zwiebeln — die ärgste Knauserei bezüglich' ihrer 'Kleidung schützt sie nur vor dem nackten Elend. Die Armuth auf dem Lande ist so allgemein, daß der Umsatz si.h -nur innerhalb geringer Wertste bewegt; an jedem größeren „Geschäft" sind oft ganze Gemeinden betstelligt. Schlimm ist es, wenn ein polnischer Jude einen Ausblick über die chinesische Mauer thnt, welche das Zarenreich umschließt. Sobald er unsere freien Verkehrsverhältnisse und unseren größeren.Wohlstand kennen lentt, daun zieht es ihn mit Gewalt dorthin, er wundert aus nach Westen dem lockenden Gewinne nach." Auflösung der Urersruthset in Nr. 24. I. Sedom, Amora (rückwärts Modes, Aroma; darin enthalten : Mose, Edom, Rom, Arom (cnx), Omar Rama, Amor.) II. ‘HS '"IL - Peripherie. III. Olive, Viole. Richtige Lösungen sandten ein: а. Die Leserinnen: Olga Cohen in Crefeld, Emma Rosenstein in Lüneburg, Martha Scheidet in Gumbinnen, Meta Kahn in Salmünster, C. Horowitz in Crefeld. б. Die Leser: Hugo Kahn in Würzburg, I. Liepmannssohn in Minden (i W.), I. Singer in Frankenthal, Leopold Horowitz in Crefeld, Semmy Philipp in Lüneburg, Gustav Stiebet in Straßburg (W.-Pr.), L. Cohen in Rees. — Zum Theil richtig gelöst: Eckmann in Nienburg, a. W. (I u. II) und S. Cohnhoff in Düderstadt b. Göttingen. (I.) Vom Brandenburger RäthsellClub (Hx. Kk.) gingen folgende Lösungen ein: I. Sedom und auch Amora wende: Aroma, Mode ohne Ende! Edom und Rom und Amor find't Wohl jeder Löser nun geschwind. II. Ist Furcht, Pari, nur erst gefunden; Wird leicht Psri-xlrsris verbunden. III. Aus der Olive ich erschaue Viole flugs, die schämig blaue. Die Preise bestimmt das Loos für die A. 1 Martha Scherbel in Gumbinnen. 2. Meta Kahn in Salmünster. 3. C. Horowitz in Crefeld. B. 1. I. Singer in Frankenthal. 2. Semmy Philipp in Lüneburg. 3. Der Brandenburger Räthsel-Club. Briefkasten. Auguste B. in Breslau. Ihre Lösung ist geistvoll, schießt aber über's Ziel hinaus; vielleicht machen Sie 'zu Ihrer Lösung ein — Räthsel. Herr E. in N. Letzteres gilt auch für Sie. . D. Wolfs. Magdeburg. Verlag von Robert Friese, Leipzig.

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