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Jüdisches Familienblatt · 1886-01-01 · 26 (1886) · p. Seite 100

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1886
Issue
26 (1886)
Date
1886-01-01
Page
Seite 100 (sequence 2)
Language
German
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100 — Unterschied der Confession, Jedem, der wahres Streben und ernsten Willen an den Tag legt." Der Professor empfahl sich dankend und ließ die beiden Freunde allein. Viel hatten sie sich zu sagen und zu erzählen. Wie staunte der Fremde, wenn der Graf von feinen Studien, seinen Erfolgen, seinen Reisen, seinem Leben in der großen Welt sprach. Wie glänzten die Augen des Grafen, hörte er von seiner Jugend erzählen, von den kindlichen Erreichen, die sie verübt, von seiner Mutter, die er über Alles geliebt hatte und die ihm so früh entrissen wurde. Nicht müde wurden sie. immer wieder und wieder wußten sie sich tvichtige Momente ihres Lebens ans dem Gedächtnis; znrückznrnfcn und verklärt und glücklich sahen sie einander an. die wieder vereinten Jugendfreunde. Viele Stunden vergingen im gemeinsamen Austausch der Erlebnisse, doch konnte der Graf sich nicht länger der angenehmen Unteihaltung hingeben; es harrte seiner noch die Erlediguitg vieler Pflnl ten, Deitl Freunde dte Hand reichend, sagte er in herzlichem Tone: „Nach kurzer Zht trete ich einen mehrwöchentlichen Urlaub an, den ich zu einer Reise ausnützen wollte, doch diesmal gehen wir vereint in die Heimath, um noch einmal die Stätte zu besucyen, an der unsere sorglose, glückliche Kindheit verflossen ist. noch einmal wollen wir an den Gräbern unserer theuren Eltern beten und dann gestärkt und muthig in die Welt gehen, jeder an den Platz, den die Vorsehung für ihn bestimmt, jeder von uns wird es sich feierlich geloben, stets den Menschen nützlich zu sein, ihnen zu halsen und somit in dem Sinne unserer edlen Mutter und Wohlthüterin zu handeln, die es sich zur Aufgabe gemacht hat. auf den Geist und das Herz aller derer veredelnd einzuwirken, in deren Mitte sie gelebt hatte. Ist es uns gelungen etwas zur Besserung und Förderung unserer Brüder beizntragen, mitzuhelfen, segensreichen Ideen, die zur allgemeinen Wohlfahrt der Menschen dienen, Bahn zu brechen, dann haben auch wir ein edles Ziel im Lebe i erreicht." Der sterbende Schlemihl. i. Dem kleinen Jacob mochte es heute ganz gleichgiltig erscheinen, aus welchem Grunde man ihn „Schlemihl" nannte. War seine Ungeschicklichkeit und Unbeholfenheit schuld daran, daß man ihm den besagten Titel gewährte, oder verdankte er ihn seiner von Jedermann willig anerkannten Fähigkeit, dem Glücke auf das allergeschickteste aus d«n Wege zu gehen — genug daran, es war ihm, wie schon erwähnt, ganz gleichgiltig, denn für den kleinen Jacob war heute, vielleicht etwas vorzeitig, aller Tage Abend geworden. Der Todescandidat denkt nicht an Würden und Auszeichnungen. Es würde wohl nicht gestattet sein, von dem Umstande Aufhebens zu machen, daß es dem kleinen Jacob gerade vor einem Festtage beschieden war, das unangenehme Ereigniß, das uns Allen bevorsteht, zu erleben; die Hervorhebung dieses Umstandes wird aber thunlich erscheinen, wenn bedacht wird, daß damit ein neuer Beweis für die Schlemihl-Qualität des kleinen Jacob geschaffen werden soll. Morgen sollte er nämlich dreizehn Jahre alt werden und die Erreichung einer derartigen Altersstufe ist bekanntlich für jüdische Knaben von besonderer Wichtigkeit. Denn dieser Geburtstag bedeutet für einen solchen die feierliche Endgrenze zwischen Kindheit und Mannesalter und ist sehr folgenschwer. Von diesem Tage an werden die Eltern von keinerlei Verantwortung mehr für seinen Wandel getroffen; an diesem Tage erhält er ein eigenes Folium im großen Hauptbuche Gottes, und der Erzengel Gabriel, der Saldo-Contist des Himmels, schreibt ihm darauf die frommen Thaten gut und belastet ihn mit den Sünden. Es ist nur gebührlich, daß der Knabe an einem solchen Tage reichliche Geschenke bekommt, so etwr eine Cylinder-Uhr, einen Cylinderhut und ähnliche, die Männlichkeit darthuende Dinge, und dann licst und singt er in der Synagoge einen hebräischen Abschnitt, den Niemand versteht, auch er nicht, und von dem alle Welt auf das lebhafteste gerührt wird. Der kleine Schlemihl sollte keinen Abschnitt lesen und von Geschenken wäre wohl auch nichts eingelangt, aber er starb doch nicht gern. Aber Se. Majestät der Tob stellt keine Fraget,, und es wird sein müssen; das weiß Schle nihl. denn seine eigene Brust rasselt cs ihm deutlich zn un) der Herr Gemeinde-Arzt bestätigt cs unwirsch. Auch Frau Lilienfeld, die kluge Frau und Qnartiergeberin Schlemihl's, auch Frau Lilienfeld weiß, daß cs mit Schlemihl zur Neige geht. Sie läßt ihn in der kleinen Kammer schlafen, in der sie ihre Zwiebel aufbewahrt, und sie erhält für ihre-Menschenfreundlichkeit aus der Waisenkasse der Cultusgemeinde eine kleine monatliche Belohnung. Schlemihl hatte ihr nun vorgestern rinetl Zettel geschrieben, und er that es mit schönen, großen Buchstaben: „Hier ist ein reines Bett zu vermiethen" — damit ist sein Belt gemeint, nnt> es wird von Schlemihl nur tactvoll sein, wenn er sich beeilt, ein Bett zu verlassen, auf das man wartet .... Frau Lilienfeld wirft nur selten einen Blick zu ihm herein, denn sie hat keine Zeit. Heute ist nämlich Freitag und morgen darf inan nicht kochen oder backen, so muß man heute verrichten, was morgen zu thun untersagt ist. Uebrigens sind die Blicke der Frau Lilienfeld für Schlemihl nicht nvthwendig — er hat Alles, was er braucht; aus dem Sessel neben ihm ein Glas Wasser, neben demselben weißes Salz, von dem er ab und zu ein wenig zu sich nimmt, um den Husten zu bekämpfen. . . . Sonderbar; in vergangenen Tagen fühlte Schlemihl nicht eben allzu große Sympathie für Frau Lilienfeld, aber heute erscheint ihm ihr rlnttitz so schön und gut, und wenn sie die Thür öffnet, so düucht es ihm, als guckte die kleine Elsa von der Vorsteherin herein, und er sieht blonde Locken wehen und blaue Augen auf sich blicken, und er hört die süße Musik eines kindlichen Lachens. Bei näherem Zusehen bemerkt Schlemihl aber, daß er sich geirrt habe, und daß er verlassen sei. Es darf wohl nicht bezweifelt werden, daß ein einsames Sterben in den meisten Fällen ziemlich unbequem ist; von schluchzenden Verwandten umgeben, stirbt es sich unstreitig behaglicher, man klammert sich fester an das scheidende Leben, und die Seele erlischt sozusagen in Gesellschaft. Aber Schlemihl ist. wie gesagt, allein; nur die Zwiebeln an der Wand bilden seinen stummen Gesellschafter. Und diese Zwiebeln starrt er denn auch an und zählt sie, nnd wenn er damit fertig ist, zählt er sie abermals Dabei denkt er nach, wie es gewesen ist und wie es sein werde, morgen, übermorgen, später ... Es ist ihm so wehmüthig um's Herz, aber da lächelt er plötzlich, denn er hört wieder: Kling! kling! — die kleine Elsa lacht; und jetzt vernimmt er ganz genau: „Du armer Schlemihl!" Die kleine Elsa hat es gesagt. Sie war die einzige gute Person, die er kannte, denn sie sprach mit ihm so einfach und lächelnd, und einmal lieh sie ihm sogar ihr schönes Märchenbuch. Wie er das Buch liebte! und am besten gefiel ihm die Geschichte von dem häßlichen Entlein, das so lange gequält und gescholten wurde, bls es auf einmal ein schöner Schwan geworden war, den alle Welt liebte und verhätschelte. War er doch selbst solch' ein gequältes Entlein, nur mit dem Unterschiede, daß er nie hoffen durfte, jemals ein geachteter Schwan zu werden. Aber kann mal! das den Leuten verargen? Wer sollte für diesen unbeholfenen und ungeschickten Knaben mit dem fahlen Gesichte und den dünnen Lippen Zuneigung empfinden? Nein, Schlemihl konnte keine Sympathie erregen — er wäre ja sonst nicht / Schlemihl gewesen. Er war wirklich ein geborener Schlemiel, denn seine Eltern entstammten demselben altadeligen Geschlechte. Das war so gekommen.

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