Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1886
- Issue
- 26 (1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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^2«. Jüdisches 1886. -4^- Zur Itotfrlinltmig«. Krlehrung für dir israclitischk Jugend. E-ch T L^NUlku-Kis// Herausgegeben von Dr. M. lahmer in Magdeburg. Erreicht. Erzählung von Jda Oppenheim. (L:hluß). — Der sterbende Schlemihl. — Lesefrüchte. Jesuiten und Juden um j0i3. __ Kon der Weichsel bis zum Dujeper. — Preisräthsel-Lösungen. Erreicht. Erzählung von Jda Oppen he im-Thorn. (Schluß.) Sorgfältig prüfte der Piofessor den jungen Mann und war von den außerordentlichen Kenntnissen desselben überrascht. Gleich stellte er ihn seinen andern College» vor, welche, nachdem sie den Fremden kennen gelernt halten, sich lebhaft für ihn zu interessiren begannen. Einstimmig beschlossen sie, ihn als Zuhörer der Universität einzuverleiben. Nur weniger Jahre bedurfte es und der Schützling des Professors rechtfertigte durch ein glanzendes Examen, sowohl in Sprachen, als in Naturwissenschaften, die von ihm gehegten Erwartungen. Er hatte es auch verstanden, sich all' seine Sludicngtnossen zu Frrundrn zu machen. Alle nahmen leb haften Antheil an seinem Geschick und keiner hatte ein Vorurthcil gegen ihn. Sie bewunderten seine Energie, seinen außerordentlichen Fleiß und liebten ihn seines bescheidenen Wesens wegen. Jcht war ihm noch der Wunsch geblieben, sein Wissen, welches er sich so schwer und mühsam errungen hatte, zu verwcrthen. Vielfach hatte er sich um .eine passende Stellung bemüht, doch immer stellten sich ihm Hindernisse entgegen. Oft war es knr Jude, der zurückgedrängt wurde, oft auch der russische Unterthan dem einheimische Bewerber vorgezogen wurden. Zu gleicher Zeit verbreitete sich die Nachricht, daß der russische Gestützte K. in einiger Zeit in L. cintreffeu würde. Es ging demselben ein bedeutender Ruf voran. Er war nicht nur berühmt durch seinen altadligen Namen, durch seine Stellung, sondern auch durch sein bedeutendes Wissen, durch seine gediegenen Schriften, durch das lebhafte Interesse und durch die Begeisterung für Kunst und Wissenschaft. Er hatte schon oft Gelegenheit gehabt, aufstrebenden Talenten mit Rath und That zur Seite zu stehen und ihnen aufzuhelfen. Der Professor beschloß nun, ihn um eine Audienz zu bitten, um seinen Schützling zu empfehlen. Diese Audienz wurde bewilligt. Am nächsten Morgen ging der Professor in Begleitung deH jungen Mannes zu dem Gesandten. In dem eleganten Hotel angelangt, wurde er, nachdem er seine Karte abgegeben hatte, sofort vorgelasseu. Der Graf begrüßte ihn in leutseliger Weise. „Ich freue mich/ sagte er, den Professor mit einer eleganten Handbewegung zum Sitzen einladend, „Sie persönlich kennen zu lernen, denn ich habe mit großem Interesse Ihre Werke gelesen, mich gern in Ihre Ideen vertleft und regen Antheil an Ihrem Schaffen genommen. Es würde mich freuen, Ihnen nützlich sein zu können und bitte Sie, mir Ihr Anliegen vorzutragen." Durch den freundlichen Empfang angenehm überrascht und ermuthigt, begann der Professor in kurzen Worten die Lebensgeschichte seines Schützlings zu erzählen. Gleich beim Beginn der Rede, als der Professor den Namen des Gebnrtsdorfes nannte, wurde der Graf aufmerksam und sah forschend bald den jungen Mann, bald den Erzähler an. Je weiter der Professor in seiner Rede fortfuhr, mit je mehr Spannung und Interesse folgte ihm sein Zuhörer und ehe derselbe noch geendet hatte, ging der Gesandte hastig zu seinem Schreibtisch und entnahm aus eurem Fach desselbeu eiu kleines Etui. Es öffnend, wandte er sich an den jungen Mann und fragte mit zitternder Stimme: „Kennen Sie diese Frau?" „Ach," rief derselbe, nachdem er kaum einen Blick auf das auf Elfenbein gemalte kleine Bild' geworfen, „das ist ja meine gnädige Gräfin, meine Wohlrhäterin!" „Dann kenne auch ich Dich!" rief der Graf, den Fremden umarmend, „ich bin der Sohn der Wohlthäterin, Dern Schüler. Dein Freund! Viele Jahre sind oahingegangen, seitdem ich Dich zum Abschied umarmte.* Wie oft sehnte ich mich nach Dir, nach unserm lieben, kleinen Dörfchen, rrach Deinen Eltern, nach meinem vereinsamten Vaterhaus. Doch neue Eindrücke verwischten gar bald die Erinnerung der schön zusammen verbrachten Zeit meiner Kindheit, und gar viel mußte ich lernen und arbeiten. Mein armer Vater hatte mich oft besucht, er hatte seit dem Tode seiner treuen Gattill nimmer Ruhe noch Rast. Fortwühreild machte er Reisen, besuchte ferne Länder, er kam immer, um mich auf kurze Zeit zu sehen und mir dann wieder „Lebewohl" zu sagen. — Als ich zwanzig Jahre all war, verlor ich ihn. Er wünschte an der Seite meiner Mutter zu ruhen und mit vieler Mühe gelang es mir. ihm Len Wunsch zn erfüllen. Als ich nun vor den zwei Gräbern stand, die das Theuerste bargen, was ich aus der Welt besessen, da überkam mich die Ecmnernng. Längst vergangene Tage voll Lust und Glück stiegen in meiner Seele auf und zugleich die Sehnsuchl nach Dir, den ich meinen liebsten Freund genannt und den ich doch draußen in der Welt so ganz vergessen halte. Ich forschte nach Dir, doch Niemand konnte mir sagen, wohin Du Dich geweildet hast, und was aus Dir geworden ist. Ein glücklicher Zufall ist es, der uns Beide zusammengeführt hat und Dir soll Dein Wunsch erfüllt werden, Du sollst eine Stellung einnchmen, die Dich befriedigen wird, in welcher Du den Menschen in edelster Weise nützen kannst. Vorläufig bleibst Du bei mir." Dem überraschten Professor übergab der Graf eine große Summe Geldes, indem er sagte: „Ihnen, edler Mann, danke ich für die Güte, Theilnahme und Freundschaft, die Sie meinem Freunde erwiesen haben. Nehmen Sie dieses Geld und helfen Sie allen denen auf, die arm an Mitteln sind und die den inner» Drang in sich fühlen, zu lernen und sich der Wissenschaft zu weihen. Geben Sie es Jedem, ohne