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Jüdisches Familienblatt · 1886-01-01 · 25 (1886) · p. Seite 97

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1886
Issue
25 (1886)
Date
1886-01-01
Page
Seite 97 (sequence 3)
Language
German
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— 97 — Meine Familie dem mächtigen Geschlechts der Grafen K. gedient. Von Vater auf Sohn hatte es sich fortgepflanzt und die armen Juden, sonst von den großen Herren verhöhnt, waren in dem gräflichen Hause geachtet, und gern ließen sich die hohen Herren von dem sogenannten Faktotum rathen und belehren. Bald zog nun der Graf mit seiner wunderschönen Gemahlin und einein dreijährigen lieblichen Knaben in das Schlößchen ein. Nun begann für mich und die Meinen eine glückliche Zeit. Während mein Vater mit dem Grafen aus die Jagd ging oder ausritt, unr dessen Güter in Augenschein zu nehmen, X versah meine Mutter Küche und Haus und außerdem den x kleinen Ausschank, den die Eltern eingerichet hatten. Die Gräfin und nrehr noch ihr kleiner Sohn fanden Gefallen an mir, und so wurde ich oft in's Schloß geholt. Ich beschäftigte mich gern mit dem Kleinen, war sein Pferd, fuhr mit ihm -aus, fertigte für ihn allerlei Spielzeug und beaufsichtigte ihn auf Spaziergängen. Oft erzählte ich ihm Märchen, die der Knabe außerordentlich gern hörte. Die Gräfin fand Freude au unserm lustigen Treiben und war glücklich, wenn der Knabe, angeregt durch mich, kluge Antworten gab, oder Verstand verrathende Fragen stellte, die aus dem reizenden Kindermund sich besonders gut anhörten. Die hohe Frau überhäufte mich mit Güte, sie war auch der gute Engel derer, die nothdürftig. krank und leidend waren. Täglich ging sie hinab zu den Armen, half ihnen und stand jedem mit Rath und That zur Seite. Deshalb war sie von Jung und Alt hoch verehrt, ja man nannte sie die „heilige Frau"; so schön, so rein, so gut war sie, so verklärte ein innerer Friede, ein inneres Glück ihre Züge und verlieh ihr etwas Ueberirdisches. Zu Hause beschäftigte sie sich viel mit Wissenschaften. Besonders war es die Arzeneikunde, die sie lebhaft interessirte. Mein Vater. verstand auch etwas davon, er kannte viele heilsame Kräuter und wußte sie aufzufinden und anzuwenden und jahrelange Hebung und Ueberlieferung von den Eltern oder von weisen Männern und Frauen, wie man sie soviel m früherer Zeit fand, hatten fern Wissen bereichert. Sie unterhielt sich dann oft mit ihm und Beide hatten das Glück, vielen Leidenden zu helfen. Auch bat sie öfters meinen Vater, ihr über irgend einen philosophischen Grundsatz Aufklärung zu geben und freute sich dann über die tiefe Kenntniß und das klare Urtheil. welches er besaß. Viel Belehrendes theilte ihr mein Vater aus dem Talmud mit und die hohe Frau lernte das Buch der Bücher verstehen und begreifen und dasjenige Volk achten, das für die tiefen, wahren Ideen, die darin enthalten sind, tausend Tode erlitten hatte. Mit mir begann mein Vater schon früh den Talmud zu studiren. Jahrelang war dies das einzige Buch, aus dem ich lernte und mein Wissen schöpfte. Voll Stolz glänzten tue Augen meines Vaters, wenn ich ein besonders schwieriges Problem gelöst hatte und auch mich ergriff immer mehr die Begeisterung für dieses Studium, welches mein späteres Leben nach dem Wunsche meines Vaters ausfüllen sollte. Die Gräfin war schon einige Mal auf mich aufmerksam geworden, sie staunte über mein schnelles Fassungsvermögen und über mein gutes Gedächtniß. Es bereitete ihr Vergnügen, mich manchmal in ihr Heiligthum, ihr Bibliothekzimmer, zu führen, und gern beantwortete sie die vielen Fragen, die ich an sie richtete. Sie zeigte mir griechische, lateinische Bücher, erzählte mir von weisen Männern des Alterthums, deren Schriften noch heute von allen Gelehrten bewundert werden und die schon vor Jahrhunderten für Ideen gekämpft hatten, die erst heute verstanden und gewürdigt werden. Sie erzählte mir von fremden Ländern, von verschiedenen Völkern, von ihrem Leben und Treiben und ihren Beschäftigungen, sie lehrte mich die Gestirne am Himmel unterscheiden, belehrte mich über die Erscheinungen der Natur, deren Ursachen und Wirkungen. Sie erschloß meinem Geiste immer neue Welten und mehr und mehr fühlte ich den Drang m mir, zu lernen und zu forschen. Mehrere Jahre des Glückes und des eifrigen Studiums folgten nun für mich. Der Umgang mit einer so hochbegabten Frau übte täglich neue Reize auf mich aus. Ich lernte mit eisernem Fleiß und hatte die Genugthuung, von ihr zum Lehrer ihres Kindes ernannt zu werden. Zusammen genossen wir die herrlichen Schöpfungen der Geistesheroen der alten und neuen Zell. So lebten wir glücklich mit einander. Ein Jeder gab und empfing, gleiche Bestrebungen und gleiche Ideale förderten unser harmonisches Zusammenwirken. Fast möchte ich mit den alten Griechen sagen: „Die Götter neideten uns unser Glück". Eine pestartige Krankheit war in den naheliegenden Ortschaften ausgebrochen und auch unser kleines Dorf sollte nicht von derselben verschont bleiben. Mit wahrer Selbstverleugnung nnd Aufopferung ging die hohe Frau, begleitet von meinem Vater, in die Hütten der Kranken. Ohne Scheu, ohne Angst half sie mir unermüdlicher Geduld und Ausdauer. Nie war sie mir reiner und edler erschienen, nie habe ich sie mehr verehrt, als in der Zeit, da sie nur der Pflicht lebte, den Leidenden zu helfen. Die Epidemie hatte ihren Höhepunkt erreicht und begann allmählich nachzulassen, nur Wenige erkrankten noch und schon glaubte man frei aufathmen zu können, als der grausame Tod noch ein Opfer forderte. Sie, die Allen geholfen, sie, die sich für Alle aufgeopfert hatte, erkrankte plötzlich so heftig, daß keines Menschen Macht sie hätte retten können. Die Krankheit griff mit solcher Gewalt um sich, daß Alle aus Furcht vor Ansteckung ihre Nähe flohen. Meine Mutter nahm den kleinen Grasen zu sich. Mein Vater und ich theilten sich in der Pflege der Unglücklichen, da der Graf zufällig einige Tage vorher eine wichtige Reise antreten mußte. Alle unsere Bemühungen, sie zu retten, blieben erfolglos. Ehe man den entsetzlichen Gedanken fassen konnte, war sie eine Beute des grausamen Todes geworden. Einige Minuten vor ihrem Ableben schien es, als würde eine Besserung eintreten. Sie rief uns zu sich und sagte mit Heller Stimme: „Grüßet die Meinen, ich segne sie. Euch danke ich für Eure Treue." Nach einer Weile richtete sie sich auf und flüsterte mit fast gebrochener Stimme zu mir gewandt: „Strebe Du und mein Sohn darnach, hohe und edle Ziele zu erreichen." Dann sank sie um. — Nach wenigen Minuten drückte mein Vater ihr die schönen Augen zu und ich küßte unter heißen Thränen die kalte Hand. — Erlaßt mir die Schilderung unseres Schmerzes, den Gram und die Verzweiflung des heimgekehrten Gatten, sowie des nun verwaisten Sohnes. Eine Art Melancholie bemächtigte sich des Grafen, das jähe Unglück schien seinen Geist umdüstert und seine Thatkcaft gelähmt zu haben. Wochen vergingen, ehe er aus seiner Lethargie erwachte. Eines Tages ließ er meinen Vater zu sich kommen und theilte ihm den Plan mit, auf Reisen zu gehen. Er wollte hinaus in die Welt, denn der Ort, an welchem er sein Theuerstes verloren hatte, war ihm verleidet. Der junge Graf sollte in eine berühmte Erziehungsanstalt kommen. Es war ein traurig kalter Herbstmorgen, als der junge Grafensohn mich noch einmal zärtlich umschlang und mir Lebewohl sagte. Der Abschied des Grafen war für die Meinen und mich ein tief schmerzlicher. Ec reiste ab, mit dem Versprechen, Nachricht zu senden, doch nie hörten wir etwas von ihm und seinem Sohne. Wie gern wäre auch ich ihnen gefolgt, wie heiß sehnte auch ich mich in die Welt hinaus, um meinen Durst nach Wissen zu befriedigen. Mich hielt jedoch die Kindespfücht zurück. An meinem Vater nagte der Schmerz um die verlorene Wohlthäterin. Die Aufregungen der letzten angestrengten Zeit, die vielen schlaflosen Nächte hatten seine Nerven in hohem Grade angegriffen Nach einiger Zeit stellte sich ein Augenübel ein und bald war mein Vater der Sehkraft beraubt. Mir lag es nun ob, ihm das Unglück, welches er mit unendlicher Geduld und Sanftmuth trug, zu mildern. Ich versah das Geschäft, arbeitete vereint mit meiner Mutter, las ihm in den Mußestunden vor und suchte ihn zu zerstreuen und zu erheitern. Der Tod erlöste ihn nach langem

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