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Jüdisches Familienblatt · 1886-01-01 · 25 (1886) · p. Seite 96

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1886
Issue
25 (1886)
Date
1886-01-01
Page
Seite 96 (sequence 2)
Language
German
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— 96 — Frau Dr., eine Geschichte nach der andern zu erzählen hatte. Dabei hatte er nie Durst, so oft ihn der Doctor Rabbiner auf der fast vierstündigen Fahrt, wenn sie an einer Bierwirthschaft vorbeikamen, auch fragte: ob er sich nicht mit einem Gläschen stärken wolle? Am Ende wollte er seinen Fuhrlohn nicht dadurch verkürzen". — Die ganze Szene, die die Frau seines Kutschers ihm an dem stürmischen Wintertage bereitet hatte, trat nun wieder lebendig dem Dr. I. vor die Seele, und gar zu gerne hätte er von seinem Rosselenker etwas über sein jetziges häusliches Leben erfahren. Aber er wollte nicht daran rühren, und er begnügte sich damit, Rochem Wolfs heitere Stimmung für den besten Beweis einer glücklichen Häuslichkeit zu nehmen. — Die Fahrt war glücklich vollbracht, die Einkäufe besorgt, Dr. I. hatte vor dem Hause feines Schwiegervaters halten lassen, da erwartete ihn ja ein süßeres Willkommen, als in seiner noch einsamen Wohnung. Einige mitgebrachte Kleinigkeiten wurden abgeladen, während unser Bräutigam die Küsse seiner Braut auf sich entladen ließ. Doch er unterbrach dieselben, als er sah, daß Rochem Wolf eben nach Hause kutschiren wollte: „Es steht geschrieben: Du sollst den Lohn eines Miethlings nicht bis zum Morgen bei Dir übernachten lassen", — sagte er, und fragte Rochem Wolf nach dem Preise der heutigen Fahrt. „Herr Dr." — sagte Rochem Wolf — „Sie haben meiner Frau diesen Winter ein Recept verschrieben, mit dem bin ich noch im Rückstände, nehmen Sie die heutige Fuhre für Ihr Recept!" — „Dieses Recept hat also gut gethan?" „Sehr gut, Herr Doctor". — „Run dann meinetwegen — gute Nacht, Rochem Wolf". „Gute Nacht. Herr Doctor".- „Was für ein Recept hast Du der Frau des Rochem Wolf verschrieben?" — fragte neugierig die Braut, die zugehört hatte. — „Ein Recept, mein Kind, das Du — nie brauchen mögest-ein Recept gegen — „erkranktes Eheglück". Erreicht. Erzählung von Jda Oppenheim. Durch die Straßen der Universitätsstadt B. ging ein junger Mann von etwa 24 Jahren. Seine Füße, seine Kleider waren bestäubt, sein wirres Haar hing ihm bis in den Nacken herab, man sah es ihm an, daß er eine ungewöhnlich lange Fußreise gemacht haben mußte. Krankhaft hielt er sein kleines Ränzel in der Hand und ziellos schritt er hastig durch die Straßen der lebhaften Stadt. Bei jedem größeren Gebäude blieb er stehen und fragte in gebrochenem Deutsch nach dem Namen desselben. Niemals schien ihn jedoch die Auskunft zu befriedigen, denn ein Schatten der Enttäuschung flog über sein intelligentes Gesicht, traurig wandten sich die großen Augen wieder ab und eilig ging er weiter. Nach längerer Wanderung blieb er plötzlich vor einem großen massiven Gebäude stehen und wieder wandte er sich, um Auskunft bittend, an einen der Norübergehenden. Die flüchtig gegebene Antwort lautete: „Die Universität." „Erreicht," rief der junge Mann freudig aus. Schnell sprang er die Stufen hinauf und stand im nächsten Augenblick dem erstaunten Portier gegenüber. „Was wünschen Sie, wohin wollen Sie?" fragte dieser. „Dort hinein will ich," rief der Fremde flehend aus. „Lernen, lernen will ich!" Den Portier mit aller Kraft bei Seite schiebend, stürzte er die Treppen herauf und die erste Thür öffnend, befand er sich in einem der Hörsäle der Universität. Bei dem Geräusch wandten die Studenten die Köpfe um, und schon wollten sie sich über die seltsame Erscheinung des Fremden durch Trampeln und Pfeifen luftig machen, als der Portier, welcher hinter ihm drein gestürzt war, dem Professor zurief: „Herr Professor, ich glaube, dieser Mensch ist geisteskrank, trotz meiner Abweisung erzwang er sich den Eintritt." „Nein, nein, ich bin nicht wahnsinnig," unterbrach der Fremde den Diener, „nur müde, todtmüde. Gehe schon monatelang von Rußland zu Fuß hierher, will lernen, will den Professor hören." Nachdem er diese Worte mehr herausgestoßen, als gesprochen hatte, sank er von Schwäche überwältigt nieder. Mitleidig hoben ihn einige Studenten auf. andere eilten fort, um etwas zu seiner Erquickung zu bringen. Nach und nach begann der Fremde sich zu erholen. Der ganze Vorgang hatte sowohl auf den Professor, als auch auf seine Hörer eine große Wirkung geübt. Die leidenschaftlichen Worte des armen, todtmüden, von Hunger und Entbehrung ganz entkräfteten Menschen klangen noch in jedem Herzen nach. Der Professor wandte sich daher voll Theilnahme an den jungen Mann, der sich inzwischen durch die Bemühungen der Studenten vollständig gekräftigt und erholt hatte, und fragte in fast väterlichem Tone: „Woher kommen Sie und zu welchem Zwecke haben Sie die lange Reise gemacht?" „Laßt mich Euch erzählen," begann der Fremde, einen dankbaren Blick auf den Professor und seine Schüler werfend. „Doch nicht in deutscher Sprache, denn hierin kann ich mich am wenigsten gut ausdrücken. Russisch ist meine Muttersprache, aber auch in neugriechischer und französischer Sprache kann ich Euch Auskunft geben." „So rede denn in französischer Sprache, mein Sohn," erwiderte lächelnd der Professor. Ohne sich irgendwie zu besinnen, erhob sich der Fremde und begann in schöner, fließender Form mit gewandtem Ausdrucke den erstaunten Zuhörern seine Geschichte zu erzählen. „Ihr habt wohl nie von dem kleinen Dörfchen gehört, welches im Innern Rußlands liegt und den schönen Namen „Vereinigung" führt. Dort war es, wo ich vor 24 Jahren das Licht der Welt erblickte. Es ist ein kleiner Comdex von elenden Bretterhäusern, der kaum den Namen „Dorf" zu tragen verdient. Mein Vater erzählte, daß es zu einer Zeit ein schönes, stattliches Dorf gewesen wäre, welches zu Füßen eines Schlosses erbaut wurde. Das Schloß, ebenfalls ein Bretterhaus, war dadurch berühmt, daß es kurze Zeit der Aufenthaltsort der mächtigen Kaiserin Katharina gewesen war. Die dortige Bevölkerung hatte nämlich die Kaiserin in großer Noth direct um Hilfe angefleht. Pestartige Krankheiten hatten den größten Theil der Bewohner weggerafft, viel Mißernten und Ueberschwemmungen brachten die übrigen Leute um Hab' und Gut.' In größter Bedrängniß hatten sie sich an die Kaiserin gewandt. Diese wollte selbst in die Gegend reisen, um mit eigner Hand das Elend zu lindern. Als die Großen des Reiches den Plan der Kaiserin vernahmen, sandten sie eilig Tausende von Arbeitern in die dortige Gegend uub ließen mehrere kleine Ansiedelungen bauen. Die größte derselben war um das Schloß herum erbaut worden, welches zur Aufnahme der Kaiserin in einen kleinen Feenpalast umgewandelt wurde. Die Kaiserin sollte nicht durch den Anblick des nackten Elends verletzt werden. Katharina kam, widmete sich ganz den Bewohnern; sie half, wo sie nur konnte, um die Noch zu verringern; sie wurde wie eine Heilige verehrt. Mit dem Bewußtsein, sehr viel für ihr Volk geleistet und wie eine echte Landesmutter für ihre armen Untergebenen gesorgt zu haben, verließ sie die Gegend. Aus all' den kleinen Häuschen glänzten ihr zum Abschied freundliche Lichter entgegen und meilenweit hörte sie noch immer die begeisterten Rufe ihrer, durch sie glücklich gewordenen Unterthanen: „Es lebe unser Mütterchen Katharina! Heil der mächtigen Kaiserin!" Jahrelang blieb das Schloß dann verödet, bis einmal mein Vater den Befehl erhielt, dasselbe mit einigen Arbeitern wiederherzustellen, um cs für den Wohnsitz eines russischen Grafen cinzurichten. Mein Vater kannte den Grafen von Kindheit an, denn schon seit einer Reihe von Jahren hatte

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