Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1886
- Issue
- 25 (1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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J6. 25« Jüdisches 1886« /#// Hcransgegeben von ür. M. Rahmen in Magdeburg. Zur Unürhaltung u. Kklehrmg für die israelitische Jugend. ‘“•Vttfwiff ♦ Recept. Erz ähluug au^ dem }i*b. Gemeindeleben von Dr. I. Goldschmidt. (Schluß). — Erreicht. Erzählung von Iba Oppenheim. — Statistik. — Ernst Scherenberg. — Räthsel-Aufgaben. Ein Recept. Erzählung aus dem jüd. Gemeindeleben von Dr. I. Goldschmidt. (Schluß.) ll. Die junge Frau hatte sehr nachdenklich zugehört, sie schien in ihren: Geiste den Worten des Geistlichen noch zu lauschen, als dieser nicht mehr sprach; endlich entwanden sich einige Thränen ihren Augen und sie sagte: „Ich will Ihr Recept pünktlich gebrauchen. Wenn es nützt, soll es mir picht leid thun, daß ich zuerst zu Ihnen und nicht zum Herrn Kreisphysicus gegangen bin. — Nun aber will ich doch zu diesem gehen und mir, kein Zeugniß, aber ein Recept, verschreiben lassen, denn mein Rücken schmerzt mich sehr". — „Gehen Sie lieber zu unserem Wunderdoctor in der Kellerwohnung, der für solche Schäden gute Hausmittel hat. Der untersucht und fragt auch nicht viel, — der Kreisphysicus dagegen ist eine Klatschblase, und wenn mein Recept wirken soll, dann gehört dazu . . . Verschwiegenheit". Die Frau ging zum Wunderdoctor, Doctor I. zu seinem Maimonides zurück, um nun auch hier das begonnene Friedenswerk fmtzusetzen, die Angriffe des „Rabed" und „Lechem Mischne"*) durch eine neue Auslegung der in's Feld geführten Talmud-Stellen zurückzuweisen. Aberda wollten die Gedanken nicht mehr beisammen bleiben. „Du großer Maimonides" — murmelte der so Zerstreute vor sich hin — Du warst auch ein Doctor, Leibarzt des Sultans Abtadhal in Kairo, aber Du hast doch Dein Metier auch verstanden. Ich pfuschere aber da in Dingen herum, die ich gar nicht verstehe, verschreibe Rccepte in Ehehändeln — und ich habe noch nicht einmal eine Frau".und nun nahmen die Gedanken Reißaus und in rasendem Galopp waren sie durch die Rogasener Straße, durch Sturm und Schneegestöber hinunter gerannt auf den Markt zu einem, natürlich — schönen, lieben Mädchen, die er in Gedanken schon oft als trauliche Ehehälfte mit einer Flickerei in der Hand sich gegenüber gesetzt hatte, während er an einem von seinen Commentatoren zerfetzten „Maimonides" oder „Joseph Caro**) „die Kunst" der geistigen Flickerei übte. Nun wurde ihm die Einsamkeit, die ihn vorhin so erfreute, bald zum Ueberdruß, und plötzlich fiel ihm ein. daß ihm ja noch einer der wichtigsten Commentatoren des Maimonides, der „Schaar hamelech"***) fehlte, den ein anderer Talmudist der Oborniker Gemeinde, in dessen Nachbarschaft freilich das Mädchen seiner Ideale wohnte, in seiner Bibliothek besaß. Es war die reine Jdeenasfoziation, für die „niemand nichts kann". Den Commentar mußte er sich doch holen, natürlich augenblicklich, mochte es noch so sehr stürmen und schneien: wo es sich um eine Richtigstellung des großen *) Commentatoren des Maimonides, Rabed, ebenfalls Anfangsbuchstaben von Rabbi Abraham ben David. **} Verfasser eines andern Codex: Schulchan Aruch. ***) „Königsthor". Maimonides handelte, konnte so ein bischen Schneegestöber nicht ins Gewicht fallen. Dem Gedanken folgte bald die That, hinunter ging es nach dem „Königsthor", — aber der Mensch denkt und Gott lenkt; an dem Hause des Talmudisten grüßten ihn im Fenster so anziehend 2 Augen und ein lächelnder Mund, daß es ihm schon der große Maimonides verzeihen mußte, wenn er auf dem Gange nach dem „Königsthore" einen kleinen Umweg machtedie Götter des Olymp stehen miteinander im Bunde: unser Doktor hatte im Reiche Hymens ein Recept verschrieben und Amor bezahlte ihm das Honorar. — III. Monate sind inzwischen vergangen: Dr. I. und Fräulein K. B. haben sich schon vor mehr als einem Vierteljahre als Verlobte empfohlen. Sturm und Schneegestöber sind längst vergessen, Nochem Wolf und seine mißhandelte Frau haben dem Dr. I. kein weiteres Zeichen ihres Daseins in seine Bräutigams-Seligkeit hineingezogen, auch der große Maimonides war jetzt erbarmungslos den Angriffen seiner Gegner überlassen, das herrliche, von den Fachmännern vielbewunderte „Königsthor" blieb uneröffnet — unser Dr. I. hat nun andere Schlachten zu schlagen: das Heim, in welches er Diejenige führen wollte, die jetzt das Glück seines Lebens ausmachte, nach seinem bescheidenen Einkommen so schön als möglich zu gestalten, sein Junggesellenmöblement zu vervollkommnen, die Küche einzurichten rc., lauter Dinge, von denen er freilich blutwenig verstand und die ihm darum auch herzlich schwer wurden. Solche Dinge schiebt man gerne auf die lange Bank, bis es nicht mehr aufgeschoben werden kann. So hatte es auch unser Doctor Rabbiner gemacht; schon waren die Einladungen zur Hochzeit versandt und sein Junggesellenleben war noch immer unverändert. Jetzt war kein Aufschub mehr möglich, aber — neue Verlegenheit: die Ernte war da, kein Wagen zu bekommen, nach Posen, der nächsten Großstadt mit ihren großen Möbellagern, zu fahren. Die Eisenbahn ging dazumal noch nicht. In der Noth blieb nichts übrig, als — auch Nochem Wolfs Gespann für eine Droschke erster Güte zu nehmen, wofür sie sonst eben nicht galt. Nochem Wolf, als er hörte, der Doctor Rabbiner wolle nach Posen fahren, um Möbel einzukanfen, ließ alles stehen und liegen und spannte schon an. — Die Fahrt ging herrlich von statten, es war ein heiterer, wolkenloser Sommertag, und wer nicht weniger heiter und fröhlich zu sein schien, das war Nochem Wolf, der Kutscher. Die lustigen Melodien aus dem „Jomim nauroim Machsor" sang er mit, wie es schien, aus Ehrfurcht gedämpfter Stimme vor sich hin, und gegen seinen Fahrgast war er, was ihm sonst gerade nicht nachgerühmt wurde, die Höflichkeit und Zuvorkommenheit selbst. Wenn Dr. I. einige Worte an ihn richtete, so wußte er das Gespräch so zu wenden und fortzuspinnen, daß er von der seltenen Herzensgüte und Wohlthätigkeit des Herrn B., des Vaters der zukünftigen *) Liturgie der hohen Festtage.