Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1886
- Issue
- 24 (1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- Seite 93 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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- 93 — „Es giebt hier nur zwei Wege" — sagte Dr. I., der mit Freuden den Eindruck bemerkte, den seine Worte gemacht hatten — „entweder Sie lassen sich von Ihrem Manne scheiden, dann gehen Sie zu meinem Hausherrn, dem Doctor Mediziner, holen das Zeugniß und tragen es zum Gerichte. Oder Sie lassen sich nicht scheiden, dann — bleibt nichts übrig, als was ich Ihnen verschrieben habe". — „Aber lassen Sie doch meinen Mann einmal rufen!" Sagen Sie Ihm einmal tüchtig die Wahrheit, damit er weiß, was er ist und was ich bin" ... „Wenn er aber nicht kommt?" „Sie können Ihn ja unter der Ausrede rufen lassen, er soll Sie nach Posen fahren, dann wird er schon kommen". „Wie doch die weibliche Rachsucht erfinderisch ist! — dachte Dr. I. Einige Augenblicke sann er nach, dann sagte er: „Nein, liebe Frau, das geschieht nicht. Wenn ich mir irgend einen Nutzen hersprechen könnte, sollte es gerne geschehen. Aber es hätte gar keinen Zweck. Ja noch mehr, nicht nur, daß ich Ihren Mann nicht rufen lasse, er darf auch gar nicht wissen, daß Sie hier gewesen sind, daß Sie irgend jemand von Ihren häuslichen Verhältnissen erzählt haben. Nichts trübt mehr das gegenseitige Vertrauen der Gatten, als wenn Sie einen Dritten ins Vertrauen ziehen. Was Mann und Frau miteinander haben, müssen sie mit einander ausmachen, kein fremder Blick darf in das Allerheiligste der ehelichen Treue eindringen, sonst ist es entweiht. — Folgen Sie mir, und Sie werden Ihre Folgsamkeit nicht bereuen. Gehen Sie jetzt nach Hause, vergessen Sie die erduldeten Mißhandlungen, seien Sie stets sanft und liebevoll gegen Ihren Mann, verletzen Sie ihn besonders nie an seiner Ehre, vergessen Sie Ihren eigenen gewiß berechtigten Familienstolz, ziehen Sie keinen Vergleich zwischen Ihren Eltern und Ihren Schwiegereltern, vertheidigen Sie Ihren Mann und seine Familie, wenn diese von Fremden angegriffen werden, — kurz, seien Sie eine gute, liebevolle Frau, und wenn Sie nicht liebevoll sprechen können, so schweigen Sie liebevoll; Sie werden dann selber bald an der sich einfindenden Zärtlichkeit Ihres Mannes zu der Ueberzeugung kommen, daß Sie — — Ihre heutige Prügel, die gewiß nicht die ersten waren, redlich und ehrlich verdient haben. — Das ist mein Recept. Ein anderes giebt es nicht". — (Schluß folgt.) Wie ei« Minhag entsteht. Von M. Sp. in A. Es mußte etwas Großes im Entstehen sein. In dem kleinen Städtchen N. an der polnischen Grenze, dessen Einwohnerschaft zum größten Theil Israeliten waren, herrschte ungewöhnliche Aufregung. Der Freitag Nachmittag bringt zwar immer reges Leben auf Straßen und Plätze, es kommen die Handelsleute, die „über Land gewesen" zurück, um im Kreise ihrer Familien den Sabbath zu verleben, da giebt es Einkäufe zu machen, besonders für die Küche, die in der trefflichen Bereitung der Sabbathgerichte heute ihre Aufgabe zu lösen hat, und ähnliche Vorbereitungen auszuführen. Selten hat man jedoch die Gelegenheit, ein solches Treiben mit anzusehen, wie es heute die Gasse zeigt. Wo zwei Glaubensgenossen sich begegnen — das passiert heute jeden Augenblick — da bleiben sie stehen, sprechen mit einander, und man sieht es ihrem erregten Gesicht und den lebhaften Gestikulationen ihrer Hände an, daß der Gegenstand der Unterhaltung das ganze Interesse dieser Leute in Anspruch nimmt. Wir dürfen schon dreist nähertreten und lauschen, wir bleiben dennoch unbeachtet. Da haben wir es denn bald erfahren, daß der „neue Raw" Gegenstand der eifrigen Besprechungen ist. Wie die gelehrten Astronomen schon mancherlei über den Kometen, bevor er noch am Himmelszelte glänzt, ihren Zeitgenossen mitzutheilen wissen, so können auch diese minder gelehrten Leute bereits viele von dem zukünftigen Stern, der am Himmel dieser altehrwürdigen Gemeinde strahlen wird, erzählen. Der Kernpunkt aller Erörterungen ist die religiöse Stellung des erwarteten geistlichen Oberhauptes. Wird er „fromm" sein? heißt die Kardinalfrage. Hypothesen, auf dieses oder jenes Gerücht gestützt, werden aufgestellt, besprochen, ergänzt, erweitert, bis es einem Gegner mit dem Aufwande seines ganzen Scharfsinnes gelingt, diese Hypothese zu entkräften. Zur näheren Charakterisirung der geführten Gespräche mögen nur die Angaben gestattet sein, daß die erdrückende Majorität der Gemeindemitglieder Am-haarazim waren, zweitens, daß ihnen die Bescheidenheit abging, das zu erkennen, welch' letztere Angabe, vielleicht mit dem Hinweise, daß sie ein aus der ersteren mit logischer Konsequenz folgendes Resultat sei, von einem erfahrenen Leser als überflüssig zurückgewiesen wird. Wenn auch die Astronomen damals schon genau anzugeben wußten, zu welcher Zeit sich ein Komet zum ersten Mal am Himmel zeigt, so hätten auch gelehrtere Leute als unsere N.'schen Baal' battim schwerlich auf Stunde und Minute, bei der Unregelmäßigkeit der Fahrgelegenheiten (Eisenbahnen gab es noch nicht), die Ankunft des neuen Raw bestimmen können. Wenn nun schon die Aufregung auf der Straße unsere Verwunderung in Anspruch genommen, wie würden wir staunen, wenn wir in das Haus des ersten Vorstehers der Gemeinde, oder besser in dessen Küche blickten. Da hat die biedere Hausfrau, unterstützt von ihrer Köchin und der gefälligen Nachbarin alle die Gerichte zu bereiten, die den Raw morgen nach abgehaltenem Gottesdienst, dem durch die zu erwartende Predigt eine höhere Weihe bevorsteht, laben sollten. Das Küchenkollegium konnte aber trotz der Beschäftigung mit den wichtigen internen Angelegenheiten sich durch Absendung eines bereitstehenden Adjutanten, die wichtigsten Ergebnisse der draußen geführten Debatten und etwaige Nachrichten über das Eintreffen des Erwarteten zukommen lassen. Lag doch besonders der letztere Punkt völlig im Interesse der Vorsteherfrau und ihrer Assistenten, denn der Vorsteher der Gemeinde war ja der erste, der das Glück haben sollte, den neuen Raw in seiner Wohnung zu empfangen. Endlich erschien der Langersehnte, von den neugierigen Blicken der Straßenpatrouillen gemustert und bis vor die Wohnung des Vorstehers begleitet, wo der Wagen anhielt. Lassen wir unfern Raw beim Vorsteher von der anstrengenden Reise ausruhen. Es wurde Rausch Chaudesch gebenscht an dem Sabbath der Amtseinsctzung des jungen Rabbi. An diesem Sabbath wird bekanntlich vor Verkündigung des Neumonds ein besonderes, die Mitte um einen glücklichen Monat enthaltendes Gebet (Jehi rozaun) mit besonderer Inbrunst gesagt. Kaum hatte der Chasen das übliche Gebet für das Wohl des Landesherrn vorgetragen, als plötzlich die ganze Gemeinde wie auf Commando Kehrt machte und, das Gesicht der Thüre zugewandt, mit kräftiger Stimme das Jehi rozaun zu sagen begann. Unser junger Rabbiner, der in sein Gebet vertieft auf seinem Ehrenplätze stand, hatte anfangs überhaupt nicht die Richtungsveründerung seiner Gemeinde bemerkt. Da, als er zufällig von seinem Gebetbuche aufblickte, ward er inne. wie alle Anwesenden ihm den Rücken zukehrten. Er konnte sich diese plötzliche „Wendung" nicht erklären und behielt darum seine alte Richtung. Aber er konnte auch aus dem Murren und dem geheimen Zischeln der Gemeindemitglieder erkennen, daß seine Ausnahmestellung allgemeine Unzufriedenheit hervorgerufen. Nach dem Einheben der Thora bestieg er die Kanzel und hielt seine Predigt. Aber die schönsten Stellen seines Vortrages, mußte er bemerken, machten auf die Zuhörer auch nicht den geringsten Eindruck. Was sollte man sich von einem Raw vorpredigen lassen, der nicht einmal wußte, daß man beim Jehl rozaun sich umdrehen müsse. Nachdem der Gottesdienst beendet, verließ der Rabbi in Begleitung des Vorstehers die Synagoge. Er bat ihn um Auskunft über die ihm ausgefallene Störung des Gottesdienstes bei der Neumondsverkündigung. Da kam er schön an. Mit