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Jüdisches Familienblatt · 1886-01-01 · 24 (1886) · p. Seite 94

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1886
Issue
24 (1886)
Date
1886-01-01
Page
Seite 94 (sequence 4)
Language
German
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keineswegs freundlicher Miene ward ihm bedeutet, daß das Umdrehen beim Recitieren des bez. Gebetstückes ein alter Minhag sei, und der offenherzige Vorsteher gab unverhohlen seiner Verwunderung darüber Ausdruck, daß der Rabbi durch sein Benehmen die Unbekanntschaft mit diesem Minhag, von dessen Wichtigkeit die ganze Gemeinde überzeugt sei, offenbart habe. Wir brauchen nicht die Gefühle des jungen Rabbiners zu schildern, der gleich am ersten Tage seines Wirkens in der Gemeinde, sagen wir es mit dem richtigen Worte — als ein „Neuer" galt, der den „heiligen" Minhag nicht beobachte. * * * In dem Wirkungsorte des Rabbiners wohnte ein alter Mann, der schon seit Jahren einer Lähmung wegen sein Wohnzimmer nicht verlassen konnte. Bei den Gemeindemitgliedern erfreute er sich wegen seiner scharfen Zunge keiner besonderen Beliebtheit. Diesem alten gelähmten Manne machte derjunge Rabbiner, der seiner Gemeinde in der Ausübung aller Pflichten der Humanität als Vorbild zu gelten bestrebt war, in der nächsten Woche einen Krankenbesuch. Er fand einen verständigen, schlichten Greis, der zwar äußerlich gern einen gewissen Sarkasmus zur Schau trug, welcher aber in der Lebhaftigkeit der Unterhaltung bald einer stillen Heiterkeit wich. Man unterhielt sich über dieses und jenes und kam endlich auf die Intelligenz der Gemeinde, den Gottesdienst und zuletzt auch auf den eigenartigen Minhag zu sprechen, über dessen Entstehung der Rabbiner gern Näheres von dem Greis zu erfahre» wünschte. Da erzählte der Alte lächelnd: „In meinen jungen Jahren befand sich das betreffende Gebetstück, auf eine Holztafel gemalt, an der Westwand der Synagoge, beim Recitieren dieses Gebetes wandte sich dann gewöhnlich die Gemeinde um und las es von der Tafel ab, nun ist bei der Renovation des Gebäudes allerdings die Tafel verloren, aber das Umdrehen nach derselben ist geblieben und hat sich in der Anschauung der Gemeindemitglieder als ein besonderer Minhag festgesetzt. Ich hatte nicht die Autorität in der Gemeinde, sie von dem Ursprung des vermeintlichen Minhags zu überzeugen!- Als nach vier Wochen wieder der Neumond verkündigt wurde, soll der Rabbi nicht der einzige gewesen sein, der sich beim Neumondsgebet den Anblick der Westwand versagte. Rosegger und der Antisemitismus. Seitdem der gefeierte steirische Dialekt'Dichter Rosegger in nicht mißzuverstehender Weise seinem Abscheu gegen das wüste Treiben der Antisemiten Ausdruck gegeben, wurde ein Haberfeldtreiben gegen Rosegger in Scene gesetzt. In Zeitungen und Versammlungen wurde er des Verrathes an der „deutschen Sache" geziehen, als Renegat und „Judenknecht" hingestellt, und zu Hunderten flatterten Schmäh- und Drohbriefe in das stille Heim des Poeten, der sich plötzlich im Mittelpunkte einer überaus lärmenden Agitation befand. Wir fanden nun jüngst in einem Grazer Blatte folgendes interessante Eingesandt Roseggers: „Auf die in antisemitischen Blättern gegen meine Person fortgesetzten Zank- und Stünkereien lasse ich mich nicht ein. Nur ein einziges Beispiel, statt deren zehn, von der unglaublichen Kampfesweise dieser Partei will ich hier endlich bemerken. Am 2. und 16. August 1885 veröffentlichte das „Obersteirerblatt" zwei mit H. v. T. gezeichnete Artikel gegen mich, in welchen behauptet wurde, daß ich, besorgt um meinen Judenzeitungs-Ruhm, meine Ueberzeugung umschwenkte, daß ich von der Moral polnischer Schacherjuden angekränkelt sei, daß ich seit Jahren tief sinke, worüber man noch Vieles sagen könne re. Als Schreiber dieser sauberen Dinge, welche eine wahre Hetze gegen mich zur Folge hatte, wurde der Antisemit und deutsch-nationale Dichter Herr Adolph Hagen entlarvt. Aus Anlaß meines Aufsatzes „Sonderbare Erfahrungen" („Heimgarten", Maiheft 1886) kam mir am 20. Mai ein Schreiben von Herrn Adolph Hagen injMarburg zu, das die niedrigen Angriffe gegen mich auf eine köstliche Weise zu motiviren sucht.*) „Ich glaube, mit dieser Genugthuung kann ich zufrieden sein. Ich hoffe, daß vorstehendes Bekenntniß eines Reumüthigen der Epilog ist zu einer langen Reihe von Angriffen, die man in einer so unwürdigen Weise gegen meine Person geführt hat. Wenn nicht — mir ist es gleichgiltig. ich habe Besseres zu thun, als mich um das Treiben dieser merkwürdigen Partei noch weiter zu kümmern. . P. K. Rosegger." *) Wir verschonen unsere Leser mit der Wiedergabe dieses Schreibens,worinH.indem Dialect-DichterR. einen Gegner der deutsch-notionalen Denkweise erblickt. Das allein, giebt er jetzt an, sei das Motiv seines Angriffs auf R. gewesen. Red. \ Riithfel - Aufgaben. | I Mn Preis-Rath sel für unsere Leserinnen. Von I. Kaufmann in Essen. Rings Stille herrscht, kein Baum, kein Strauch. Steht da. wo einst wir Beide standen, Wir gingen auf in Asch' und Rauch Durch Pech ein kläglich End' wir fanden. So man uns aber wendet beide, Sich ändert auch der Worte Sinn Aus Trümmern steigt ein Duft, und Freude Bereitet's jeder Leserin. Gar Vieles liegt darin verborgen: Ein Mann, ein Volk, und Staat, und Stadt, Sogar ein Gott, der vielleicht morgen Mit süßem Duft berauscht dich hat. . im. II. Hrbr.-deutsches Mort- und Sitben-Räthsel. Als Preisräthsel für unsere Leser. * Bon C. in R. Willst Du, was im Weltenraume Großes schwebt und Kleines, messen? — Geh' zum schwerbelad'nen Baume, Nimm davon, was gut zum Essen. Wenn Du paarweis' es verbunden, Wird das beste Maaß es geben, Mittelst dessen bald gefunden Groß' und Inhalt dieser Wesen. III. Deutsches Kogogryph. Von 6. in R. Wird Paläftina's Lob erzählt, Auch eine Pflanze dann nicht fehlt, Die als bescheiden hier zu Land Bei Jung und Alt ist wohlbekannt, Setzt man den Kopf ins Herz hinein Und tauscht die Konsonanten fein. NB. Wer Anspruch auf einen der je 3 Preise macht — sei es Leser oder Leserin — hat auch die richtige Lösung des Räthsels Nr. IH bis zum 18. d. Mts. einzusenden. Auflösung der Wthsel in vor. Ur. 1. Bauch. Baruch (Prophetenjünger). 11. j'Tp} (Versuchung) |Vp (Monat Siwan). Verantwortlicher Redacteur Dr. Rahmer, Magdeburg. Druck von L. D. Wolfs, Magdeburg. Verlag von Robert Friese, Leipzig.

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