Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1886
- Issue
- 24 (1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- Seite 92 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 92 — Sie, ich wollte eigentlich zu dem Dr. Mediziner nebenan gehen, aber ich dachte mir, ich will es doch früher mit unserem Dr. Rabbiner Prokuren". Dr. I. mußte unwillkürlich lächeln, doch das Weib fuhr fort: „Lachen Sie nicht. Herr Dr., ich habe von meinem Manne, von dem Schuft, dem schlechten Kerle, dem Taugenichts, Prügel bekommen, er hat mich blau und grün geschlagen, mit seinem Peitschenstock, wie ein Pferd traktirt, er hat mich hin und her geschmissen, sehen Sie hier am Kopfe das Loch, das ist von der Bettkante, hier sehen Sie, Herr Dr.", — und dabei riß sie sich das Tuch und die Jacke von ihrer Taille, und entblößte die blendend weißen, aber von tiefblauen, zum Theil blutigen Striemen strotzende Schultern vor den Augen des erschreckten Rabbiners, — „hier sehen Sie, Herr Dr., wie er mich zugerichtet hat, dieser elende Hund, mich, sein Weib, — sein Weib" — wiederholte sie in unbeschreiblicher Empörung, — „sein Weib" — sagte sie zum dritten Male, indem sie zusammenzuckte und schnell ihre Toilette wieder in Ordnung brachte — „Arme Frau", sagte Dr. I., „aber" — „So schändlich hat er mich zugerichtet, dieser Schubiak, dieser Pferdeknecht; aber er soll mir dafür büßen. Darum wollte ich zu dem Dr. Mediziner gehen und mir ein Zeugniß geben lassen, wie unmenschlich er mich zerschlagen hat, mich, mich zerschlagen hat", schrie sie, wüthenden Nachdruck auf das Wort „mich" legend,- „Und mit dem Zeugniß?" „Mit dem Zeugniß wollte ich ihn verklagen, dieser elende Hund muß bestraft werden, mich soll er nicht wieder schlagen, seine Mutter kann er schlagen, seinen Vater kann er schlagen, aber ich laß' mich nicht schlagen, der muß drei Monate Gefängniß bekommen" — „Und haben Sie schon das Zeugniß?" — „Das Zeugniß? Nein, darum komme ich ja zu Ihnen, Herr Dr." — „Ich soll Ihnen das Zeugniß ausstellen, daß Ihr Mann Sie mißhandelt hat?" — „Nein, Herr Dr., das nicht, Sie sind ja kein Dr. Mediziner. Aber ich dachte, zu diesem habe ich ja immer noch Zeit, und so wollte ich sie bitten, sie möchten so gut sein, und — meinen Mann einmal rufen lassen, und ihm tüchtig die Wahrheit sagen, daß er" — „Wer ist denn Ihr Mann?" „Sie kennen ihn noch nicht, Herr Dr.? — Er heißt Nochem Wolf, ein gemeiner Pferdeknecht, ein schmutziger Kutscher, er fährt jede Woche nach Posen,' damit ernährt er sich, er stammt aus einer ganz gemeinen Familie, er kann sich glücklich schätzen, so eine Frau bekommen zu haben, wie ich bin, aus einer so feinen Familie, mein Vater hat noch nicht im Gefängniß gesessen, wie seiner — das alles möchten Sie, Herr Dr., ihm sagen, da wird er sich schämen und mich in Zukunft nicht mehr schlagen. Wollen Sie das, Herr Dr.? Sonst gehe ich hinüber zu dem Dr. Mediziner!" Das war nun freilich ein „interessanter Fall" für den Dr. Rabbiner, wie er ihm in seiner kurzen Praxis noch nicht vorgekommen. Doch machte er sich schnell gefaßt an die Diagnose, und begann vor Allem mit seinen Percussionen und Auscultationen in der „Herzgegend". „Liebe Frau", — sagte er, — „haben Sie denn sonst ihren Mann lieb?" Sie erröthete tief. . . „So — fuhr Dr. G. fort — ich weiß genug. Aber noch eins — ich bin zwar noch nicht verheirathet, aber ein Doctor darf sich nicht geniren: „hat ihr Mann Sie lieb?" „Wie kann er mich lieb haben, wenn er mich so mißhandelt?" — „Nein, ich meine das anders, nicht ob er S i e lieb hat, sondern ob er eine Andere, Frau oder Mädchen, lieb hat?" „Herr Dr., — nein, so schlecht ist er nicht, alles Böse kann man dem schlechten Kerl nachsagen, aber s o schlecht ist er nicht". Die Diagnose war günstig und auch zu Ende, denn den Puls brauchte er nicht zu fühlen, auch nicht die Z u n g e zu besehen — die hatte Dr. I. ja schon kennen gelernt. — ..Also, liebe Frau", sagte Dr. I. — „Sie wollen gerne bei Ihrem Manne bleiben, wenn er Sie nur nicht wieder schlägt" - „Gewiß". „Und nun soll ich Ihnen ein Recept verschreiben, damit Sie keine Schläge mehr von Ihrem Manne bekommen?" „Ja, Sie sollen ihn rufen lassen, und chm sagen, daß er ein gemeiner Mensch ist". „Liebe Frau, Sie sind die Kranke, und ich bin der Doctor, ein rechter Doctor fragt nicht den Kranken, was dieser verschrieben baben will. Nun geben Sie Acht, ich will Ihnen eine Medicin verschrieben, die schmeckt sehr bitter, wird aber ganz gewiß wirken. Ich will Ihnen diese Medizin gleich eingeben. Hören Sie: Sie haben die Schläge von Ihrem Manne sehr ehrlich verdient, Sie sind ein schlechtes Weib!" „Herr Dr."- „Es ist Medizin, sie schmeckt bitter, aber es ist das einzige Mittel, das Ihnen helfen kann". „Aber, Herr Dr., ich ein schlechtes Weib?" — „Ja, Sie sind gegen Ihrem Mann ein schlechtes Weib. Wenn sie ein gutes Weib wären, würden sie nicht so schlecht von Ihrem Manne sprechen". „Von meinem Manne?" Sie kennen noch nicht Nochem Wolf, aber fragen Sie nur die Nachbarn, fragen Sie nur seine eigene Mutter, da werden Sie hören, wer Nochem Wolf ist". „Wenn Sie eine gute Frau wären, so müßten Sie sich mit Ihren Nachbarn, ja mit der eigenen Mutter ihres Mannes herumzanken, sobald Sie etwas schlechtes von diesen über Ihren Mann hören. Sie müßten sagen: wie kommt Ihr dazu, meinen Mann schlecht zu machen, Ihr seid schlecht, Ihr seid nicht werth, daß Ihr von ihm sprecht! So müßten Sie sagen, auch wenn Sie fest überzeugt sind, daß all' das schlechte Gerede wahr ist. Wenn Ihr Mann sehen wird, daß Sie ihn so in Schutz nehmen, daß Sie ihn nicht nur lieben, sondern auch achten und ehren, daß Sie seine Ehre vertheidigen, dann gebe ich Ihnen meine Hand darauf, daß er nie wieder so ehrlos handeln wird, sein Weib zu mißhandeln". „Glauben Sie, Herr Dr.?" — erwiderte zögernd die Frau. „Gar keine Frage. Sehen Sie, ich war nicht dabei, aber ich will Ihnen genau sagen, wie Sie zu Ihren Schlägen gekommen sind. Ihr Mann kam müde nach Hause, hat mit Ihnen grob gesprochen, das haben Sie sich nicht gefallen lassen, haben ihn einen Grobian, einen schlechten Kerl und Gott weiß was genannt, ihm alle Ihnen bekannten Schlechtigkeiten von ihm und seiner Familie und Ihre eignen seiner Familie vorgeworfen, ein Wort gab das andere und schließlich kamen die Ohrfeigen und dann der Peitschenstiel rc. Stimmt das?" — „So ungefähr ja. Aber warum soll ich mir seine Grobheiten gefallen lassen? Wie soll ich denn mit ihm sprechen? Wie Du hineinrufst" .... „Warum? Weil Sie seine Frau bleiben wollen. Wie Sie sprechen sollen? Wie eine gute Frau: „Mein Kind, Du bist müde, komm herein! reg' Dich doch nicht so auf! Was willst Du denn? Sags doch nur, es soll ja gern geschehen" und dergl., oder wenn Sie das nicht können, schweigen Sie, bis Ihr Mann sich an die dampfende Schüssel gesetzt hat — die muß natürlich bereit stehen. Thun Sie das, und Sie können sicher sein, Sie brauchen nie mehr weder einen Doctor Mediziner, noch einen Doctor Rabbiner". „Das geht schwer" — sagte die nachdenklich gewordene Frau. „Recht mögen Sie haben, aber ob ich es fertig bringe?" —