Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1886
- Issue
- 24 (1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches Utilifl-IU// Hcrausgegeben von Dr. M. Rahmer in Magdeburg. Ich bin ein Jude. — Ein Recept. Erzählung aus dem jüd. Gemeindeleben von Dr. I. Goldschmidt. — Wie ein Minhag entsteht. — Rosegger und der Antisemitismus. — Preis-Räthsel-Aufgaben und Räthsel-Lösungen. LZ9 Ilh bin ein Jude. Von 8. K. in H. Ilh hm Bin Jude! — bange bebt mein ferj, Wie Zions MO bei der Sehnsucht Schmer;. Auf meinem Md seh' ich das Schicksal stelj'n. Trüb' schaut's mich an und wiü nicht von mir getz'n-. Ich kenne diesen thr'anenstuchten Klick. Cr rufet mir Iahrtaufende zurück. Wo meine Ahnen in der Knechtschaft Nacht Zertreten tagen vor der Feinde Macht. Am Jordan. Cuptzrat, an des Tajo Rand Kegegnet' ich dem Klick, fühlt' ich die Kand. Sie war fo kalt wie Uordland's eif'ge Flut; Sie war so heiß wie Wüstensturmes Glut. Da ward mein Der; erstarrt. mein Wb verdorrt: Cin Siecher mußt' ich wandern fort und fort. And wo ich bettelnd bat um Frieden. Kuh'. Trieb man mich fort, sichrem Uerderben zu. Doch wenn uns Gott auch soviel Wden bot. Cr schützte uns vor Untergang und Tod; Denn welchem Dolk gab er solch treues Uerz Und feiten Sinn, noch fester als das Crz? Von diesem Schild gedeckt, trotzt ich der Zeit. Cin stiller Dulder für die Göttlichkeit. — Auch heut' noch schwankt mein Schiss auf wildem Meer, Und seine gochstut wirft es hin und her. Dinab, hinab wiü mich der Strudel zieh'n; Da ruft ein Geist, — und alle Wellen stieh'n! So tost um mich das wilde Weltgewühl; Ich schweige — im Msterblichkeitsgesühl. Doch einst spricht, hoss' ich, wieder das Geschick: Ich gebe dir des Friedens schönstes Glück! Dann steigt die Cngelschaar zu uns herab Und leget Iuda's Kid in's Weltengrab. Ein Reeept. Erzählung aus dem jüd. Gemeindeleben von Dr I. Goldschmidt. Es war nur ein dreiblätteriges, aber doch wunderliches Kleeblatt in dem Hause, welches auf der linken Seite der Straße von Obornik nach Rogasen das letzte war: 3 Doctoren wohnten darin. Eigenthümer des Hauses war Kreisphysicus Dr. P., der den linken Flügel nach der Stadt zu bewohnte; die Kellerwohnung des rechten Flügels bewohnte sein College und Concurrent, der Wunderdoctor Jancovitsch, der allerlei Salben und Tincturen, sowie allerlei Hokuspokus machte; über diesem im rechten Flügel wohnte der — Rabbiner Dr. I. Dr. I. hatte seine Stelle erst vor Kurzem angctreten, er war also, da dies die erste war, noch jung, auch noch unverheirathet, ja noch unverlobt, konnte also mit wenig gestörter Muße, mit dem Rabbikäppchen auf dem Kopfe, über seinen großen Talmudfolianten brüten, sich in dem Labyrinth der Fragen und Antworten, der Parallelen und Entgegensetzungen, der oft nur mit dem größten Scharfsinn entdeckten Widersprüche und ebenso geistreichen Lösungen, wie sie die Lehrer und Schüler der alten babylonischen Hochschulen Jahrhunderte hindurch beschäftigten und im Talmud in reizendster Unordnung protocollirt sind, verlieren und dem ganzen Zauber dieser seit der frühesten Kindheit — seit dem 8. Lebensjahre — von ihm durchschrittenen, wunderbar verschlungenen Gänge hingeben. Er war nämlich damals noch ein sehr strenger Orthodoxer, später, höre ich, sei aus dem „Saulus" ein „Paulus" gelvorden. Der Pauluskeim fleckte aber damals schon in ihm, — wenigstens war ihm die Binde schon von den Augen gefallen, er sah und lvußte nicht nur, was im „Talmud" steht, sondern auch, was in der Welt vorgeht. — Heute störte ihn gewiß keiner in seinem einsamen Brüten, denn es war im December. Draußen zerrte ein rauher Sturm an dem Leichentuche der Natur pietätslos hin und her, schleuderte und zerfetzte die mächtigen Schneemassen nach allen Seiten — wer sollte bei solchem Wetter das letzte Haus der Rogasener Straße aufsuchen? In diesem Bewußtsein der Sicherheit vor jedem Ueberfalle hatte sich unser Rabbiner, Dr. I.. eben eines Paragraphen des großen Maimonides angenommen, der von den „Schildträgern" desselben, dessen Commentatoren, nach den verschiedensten Stellen des Talmud, mit denen er zu collidiren schien, ebenso unbarmherzig hin und her geschleudert und gezerrt wurde, wie draußen der Schnee vom Decembersturme, — eines sogenannten „herben Rambam",*) und ihn gegen die wüthenden Angriffe seiner „Schildträger" zu vertheidigeu gesucht — da klopfte es an seine Thüre und herein stürmte ein schönes, furienhaft aufgeregtes, in ihrer Toilette ziemlich derangirtes, junges Weib. — Dr. I. blickte überrascht auf, Anfangs mißmuthig über solche, ganz unetiquettenmäßige Störung, doch bald sah er, daß es sich hier um einen noch wildern L-turm handelte, als zwischen dem Boden und seinen Commentaren, und seine Verteidigung und Hilfe hier wichtiger sei, als dem schon 600 und mehr Jahre entschlafenen Maimonides. „Verzeihen Sie, Herr Dr.", begann das junge, schöne Weib, sich mit Gewalt zu einiger Ruhe zwingend, „verzeihen *) „Herb" im Sinne von „nicht zusagend", ein technischer Ansdruck der Talmud-Beflissenen für eine „schwierige" Stelle im Halachischen Werke des Ramberni «R. Moses ben Maimon).