Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1886
- Issue
- 23 (1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- Seite 89 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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richten. Da starb er. — Zum zweiten Male batte ich nun einen Vater verloren und weinend saß ich noch auf dem frischen Gräbeshügel, als Alle sich schon längst entfernt hatten. Doch warum verzage ich. sagte ich mir, „Er, der in Sturmesnöthen uns beisteht, wird auch in Lebensstürmen dein Schild sein". Da legte sich eine Hand leise auf meine Schulter, ich drehte mich um, und Lea, des Todtengräbers zwölfjähriges Töchterlein stand vor mir. „Ich kenne Dich", sprach sie schüchtern, „Du bist Samuel Griesheim und weinst um den guten Mann, der da — sie deutete auf das frische Grab — drunten liegt. Komm mit mir. wir sind auch aus Rußland.,. Du kannst bei uns bleiben". Willig folgte ich dem guten Kinde. Und ich blirb im Vaterhause Lea's jahrelang. Da starb ihre Mutter und — heute sind es zwei Jahre — auch ihr guter Vater. Daß wir — Lea und ich — uns liebten, mag der alte Mann schon längst gemerkt haben, einige Stunden vor seinem Tode gab er uns seinen Segen. Und sie ward mein Weib, mein eugelgutes, braves Eheweib. — Schluchzen erstickte seine Stimme. — Nach einem Jahre schenkte sie mir ein Söhnchen, hier liegt es in der Wiege und lächelt mich an und weiß nichts von dem großen Schmerz, der um bereitet worden ist. Alle kleinlichen Sorgen wäre i mit dem Erscheinen dieses kleinen Knaben gewichen und auch in geschäftlicher Beziehung ging es besser, wir konnten sogar unsere kleine Spezereihandlung erweitern. Da — wie ein Blitzstrahl aus heiterem Himmel kam der Ausweisungsbefehl, binnen vier Wochen Preußen zu verlassen. Ich lief zur Behörde zu Diesem und Jenen, um den schrecklichen Befehl rückgängig zu machen, doch nur eine Verlüngerungsfrist von 14 Tagen war Alles, was ich erreichte. Nun ging es an's Verkaufen und Versteigern der Maaren und der wenigen Habseligkeiten. Und als ich die Schulden von dem Erlös bezahlt hatte, war uns nur wenig noch geblieben. Zum Gottesacker lenkten wir nun unsere Schritte, um von unseren Lieben Abschied zu nehmen. Gesegnet sind die Todten, die hier ruhen, mehr als die Lebenden, haben sie doch, wenn auch nur ein einziges Plätzchen zum Eigenthum; man gönnt es ihnen und weist sie nicht fort, wie die Lebendigen. Das waren meine Gedanken an jenem Tage. Dann nahmen wir im Herzen Abschied von den theuren Entschlafenen und ich wandte den Blick nach Osten, nach dem Lande meiner Väter und nahm auch von den dort ruhenden Lieben im Geiste Abschied. Und wir zogen fort von der Heimath in die Ferne, wohin, wußten wir nicht. Es ist ja das Verhängniß Jnda'svon uralten Zeiten her, daß es ziehen muß, hierhin und dorthin, bald in einzelnen, bald in großen Schaaren. — Wir hatten nichts mehr, denn das Wenige, was wir besaßen, nahm noch unmittelbar vor unserem Wegzuge ein angeblicher Gläubiger meines verstorbenen Schwiegervaters durch den Gerichtsvollzieher in Besitz. Nur noch einige Kleinodien von unseren Eltern waren unser einziges Eigenthum und so gerne wir dieselben als thcures Andenken auch behalten Hütten, wir konnten es nicht; die bittere Noth gab es nicht zu, ich verkaufte endlich das Allerletzte, es war der Trauring meines Weibes. — Abermals überwand den Armen die Rührung im Gefühle des Andenkens an eine bessere Zeit. — Endlich fuhr er fort: Aber auch der Erlös ging zur Neige. Und jetzt half nichts mehr. Der Hunger ist stärker als Stahl und Eisen, er bändigte auch unser Schamgefühl. In einem Dorfe in der Nähe von C. war es, als ich mit meiner Frau in das Haus eines Glaubensgenossen trat, um eine Gabe zu erheischen. Sprechen konnten wir nicht, nur schluchzen. Wir besuchten nur das eine Haus, obgleich uns eine ansehnliche Gabe verabreicht worden und verließen dann das Dorf. Da erst kam uns die Sprache wieder und meine Frau begann: „Lieber, wir wollen uns trennen, mein Herz bricht mir, wenn ich Dich betteln sehen soll". Ich machte Einwände, obgleich ich dasselbe Gefühl für mein liebes Weib hatte. Doch sie bestand darauf. — Wieder ein Abschied fürs Leben. Ach! hätte ich doch der Guten nicht nachgegeben, nur in diesem Falle nicht, sie lebte dann noch und; wäre bei mir.' Acht Tage waren seit unserer Trennung vergangen, da schrieb sie mir unter „postlagernd" einen Brief nach C., worin sie mir anzeigte, daß sie mich dort am folgenden Tage treffen wollte. Da saß ich denn an diesem bestimmten Tage am Bahnhof in C. und erwartete mit Ungeduld den Zug. Wie pochte mir das Herz, als er endlich einfuyr! Welch' unermeßliche Freude bei allem Leid empfand ich, Frau und Kind jetzt wieder an die Brust drücken zu können! Der Zug entleert sich nach und nach und mein Auge suchte sehnsuchtsverlangend in der Menge: mein Weib, mein Kind waren nicht ausgestiegen. Eine Wolke legte sich auf meine Augen und ich wanke zurück in die Stadt. Und nochmals stehe ich auf dem Perron, hoffend, daß mit dem letzten Zuge die Ersehnten kommen sollen; immer banger wird es mir und mich verzehrt bald die Ungeduld. Jetzt endlich fährt der Zug ein. Es giebt wohl trübe Stunden im menschlichen Leben, aber eine unangenehmste ist ängstliches Harreu auf ein liebes Wesen, das eintreffen soll und doch nicht eintreffen kann. Ich war jetzt, als meine Frau wieder nicht kam, einer Ohnmacht nahe. O, wenn doch die Post geöffnet wäre, vielleicht ist ein Brief da. Aber die Post ist geschlossen und ich suche mein Nachtquartier auf. Lange, lange wachte ich, erst gegen Morgen schlief ich ein. Allerhand wirre Träume umgaukelten mich, endlich kam Klarheit in das Traumgewirr. Ich sah meine Frau im Schnee stecken, ermüdet von der weiten Reise. Sie versucht, sich daraus emporzuarbeiten, doch es geht nicht. Ich höre sie beten und rufen: so hilf Du mir doch Samuel! Da wachte ich auf. Und ich verrichtete mein Morgengebet so inbrünstig, wie wohl noch nie in meinem Leben. — Die Post ist nun noch mein Hoffnungsanker. Aber kein Brief ist da, so oft ich des Tages anfragte. Noch einen Tag will ich warten, wenn dann kein Brief kommt, suche ich Frau und Kind, und wenn ich bis an's Ende der Welt gehen müßte. Der Morgen bricht an und ich sitze in der kleinen Gaststube beim Kaffee. Der Zeitungsträger bringt eben die Zeitung und legt sie auf den Tisch. Mechanisch greife ich darnach. Kaum habe ich sie einige Minuten in der Hand, da fällt mein Blick auf eine Stelle, die mir das Blut zu Eis gerinnen macht. Ich lese: „Gesteru fand man zwischen Börnebach und Altersheim die Leiche einer jüdischen Frau. In ihrem Schoße lag in warmen Tüchern eingewickelt, ein Kind, noch lebend". Ich sank um, mußte mich aber bald wieder erholt haben, denn ich fand noch Zeit den Zug zu erreichen und fand hier — Weiter kam der Erzähler nicht, und eilt herzerschütterndes Stöhnen drang aus seiner Brust. Armes Weib! Du hast jetzt einen Ruheplatz gefunden, welchen die Menschen Dir nicht gegönnt haben. Wird Dein beklagenswerther Mann auch bald Ruhe finden? Kejefrüchte. 1. IRacaulay über die jüd. Religion. In Macaulay's „kritischen und historischen Aufsätzen (deutsch von Möllenhoff I. Bd.) finde ich in dessen kritischer Besprechung von John Miltons „Verlorenes Paradies" die bedeutsamen Aeußerungen über die jüdische Religion, die bei der hohen Achtung, die Macaulay in der Weltlitteratur einnimmt, hier wohl eine Wiedergabe verdient: „Die Geschichte der Juden ist die Erzählung eines forddauernden Kampfes zwischen einem durch die furchtbarsten Weihen geschützten reinen Deismus und dem seltsam berückenden Verlangen, einen für die Sinne wahrnehmbaren Gegenstand der Anbetung zu haben. Vielleicht hat von alle den untergeordneten Ursachen, denen Gibbon die schnelle Verbreitung des Christenthums zuschreibt, während das Judenthum kaum je einen Proselyten gewann, keine eine so mächtige Wirkung gehabt, wie jenes Bedürfniß. Gott, der Unerschaffene, der Unergründliche, der Unsichtbare, zog nur wenige Verehrer