Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1886
- Issue
- 23 (1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- Seite 88 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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88 vor 5 Monaten in das Braun'sche Haus entsendete Schwester Marie eine schändliche Jntrigue eingefädelt und 1000 Gld. für ihr „Gott wohlgefälliges Wirken" erhalten habe. Wenn selbige 1000 Gld. nicht innerhalb 3 Tagen zu Gunsten der jüdischen Ortsarmen im Namen Alois Braun's bei der jüdischen Gemeinde deponirt werden, sei er fest entschlossen, den Prozeß wegen Verleumdung anhängig zu machen und die todtgesagte Theresia Holm zu citiren. Es war gerade am Vorabend des Versöhnungsfestes, als dem Schreiben der Oberin in Sanders' Kanzlei anlangte, sie habe bereits geftern, um sich nicht in Weitläufigkeiten zu verwickeln, jene Summe an die jüdische Gemeinde und m Namen Alois Braun's übermittelt und Schwester Maria aus dem Verbände des Klosters entlassen. „Siehst Du jetzt ein-, Jlka," fragte Sanders, ihr das Schreiben reichend, „welch' schändliches Spiel man mit Dir getrieben?" „Und ich konnte den Worten dieser Unseligen Glauben schenken!" rief Jlka in bitterer Selbstanklage. „Laß es mich von Deinen Lippen hören, Ellimar," bat sie. „daß Du mir verzeihst! Noch habe ich das erlösende Wort nicht gehört." „Möge uns Gott am morgenden Tage der Versöhnung so unsere Sünden verzeihen," sagte der junge Mann, „wie ich Dir vergebe, daß Du gefehlt!" „Dank! Tausend Dank für diese Worte!" rief Jlka bewegt; „morgen werde ich mich mit meinem Gott auszusöhnen trachten und dann, Geliebter, laß uns ein neues Leben frei von Fehl und Jrrthum beginnen, ein Leben, das nur allem Guten und Schönen geweiht sein soll!" „So bist Du mein, ganz mein!" rief Sanders, die Geliebte an sein Herz ziehend; „so ist Deine Sprache Musik meinem Ohr, Balsam meinem Herzen." Und andächtig wie nie in ihrem Leben beteten am folgenden Versöhnunqstaqe Alois Braun und seine Tochter im Gotteshause. Sie verließen dasselbe erst am Schluß der Andacht; Vater wie Tochter hatten während des ganzen Tages vor Gott gestanden; es war ihnen ein Tag der Buße, des Gebets und als sie Abends in weihevoller Stimmung und erleichterten Herzens das Gotteshaus verließen, da war es ihnen, als sei ein höheres Glück, das sie zeither nicht gekannt, in ihre Seelen eingezogen. „Du bist erschöpft?" sagte Sanders, als er seine Braut vor der Thür des Tempels erwartete. „Versöhnt mit Gott," sagte sie, ihm in die Arme sinkend. „Ja, versöhnt mit Gott," wiederholte Alois Braun, der der Tochter Worte gehört. „Möge Alles, was Du Dir ausgebeten, Vater," sagte Sanders, „gnädige Erfüllung finden." „Dank Dir, mein'Sohn," entgegnete tief bewegt Alois Braun, und seinen Arm in den des jungen Mannes legend, wollte er schon den Heimweg antreten, da versperrten ihm zahllose Arme den Weg, die sich an Braun als ihren Wohlthäter drängten und seine Hände mit Küssen bedeckten. „Was wollen die Leute von mir?" fragte Braun verwundert. Jetzt erst entsann sich Sanders, daß er Auftrag gegeben, von jenen 1000 fl. heut Abend 100 fl. an würdige Arme vertheilen zu lassen. Im Nu hatte es sich gerüchtweise verbreitet, daß Braun das Geld gespendet. Er mochte wollen oder nicht, er mußte ihre Dankbezeugungell entgegennehmen und als er endlich das Freie gewonnen, sagte er, beglückt aufathmend: „Versöhnt mit Gott!" — Wenn doch Viele wüßten, welche befreiende und erlösende Kraft in diesen Worten liegt!" * * Ein Jahr war darüber hingegangen. Wieder feierte man den Versöhnungstag und wieder war Alois Braun andächtig im Tempel. Heute hatte er ganz besonderen Grund, seinem Gott zu danken. Die letzte Schuld war getilgt, als reiner Mann stand er wieder da; Niemand konnte sagen, daß er durch ihn einen Kreuzer verloren. Der einst ersehnte Adel war ihm zwar immer itoch nicht geworden, aber der Adel der Gesinnung und echter Religiosität war jeder seiner Handlungen ausgeprägt und sicherte ihm die Hochachtung all' derer, die sich ehedem, als er falschen Göttern nachjagte, verächtlich von ihm abgewendet. In Ellimar Sanders' Hause war gerade am Rosch haschonoh ein neuer Weltbürger einpassirt. Das Glück der jungen Ehegatten schien ein beneidenswerthes. Die Tante Rosa wäre so gerne bei Jlka gewesen, doch auch im Hause der Tochter erwartete man ein frohes Ereigniß, sie mußte bleiben; — aber der Onkel ließ es sich nicht nehmen, bei seinem kleinen Neffen Gevatter zu stehen. „Er ist ein ganzer Prachtkerl!" sagte er, als man ihm das Kind zeigte, „ähnelt fernem Großvater auf ein Haar!" Und sich an seinen Bruder wendend, fuhr er fort: „Sag', Alois, bist Du nun zufrieden?" „Mehr als zufrieden," entgegnete Alois tief bewegt; „ich bin versöhnt mit meinem Gott und erkenne ihn freudigen Herzens als den Allvater an, von dem alles Gute kommt." Ende. Die Ausgewiesenen. Ein Zeitbild von A. Spei er in Heinebach. (Schluß.) Ich bin kein Deutscher, sondern ein Russe und bin in einem Dorfe unweit Petersburg geboren. Um jedoch dem lästigen Militärdienst zu entgehen, eilte ich über die Grenze und ging nach Preußen. O, wie herzte mich die Mutter, als ich in einer stürmischen Octobernacht mit meinem Vater fortging. Nie habe ich diesen tieftraurigen Abschiedsblick vergessen, nie ihre Mahnungen, aber auch nie diese liebevollen Augen wieder gesehen; sie starb bald nach meiner Abreise, gewiß aus Gram über mich, wenn der Vater mir auch eine andere Todesursache angab. Auch meinen Vater sah ich nur noch einmal seit jener Zeit, er starb zwar ^rst im vorigen Jahr. Wie oft in jener stürmischen Nacht nahm er mich, der ich doch bald erwachsen war, aus seinen Arm und trug mich eine Strecke, mich fest an sich drückend. Er sprach fast gar nicht und wir gingen immer weiter, nur als wir einen Wald nahe der Grenze passiren mußten, stand er still. Es war ein ergreifender Augenblick. Die zerrissenen Wolken ließen für einige Minuten den vollen Mond hervortreten und so konnte ich das gramdurchfurchte Gesicht meiues lieben Vaters genau betrachten. Stürmisch warf ich mich an seine Brust und schluchzte heftig. Er aber sagte mit einer von Weh und Weinen durchzitrerter Stimme: „Jetzt, mein lieber Samuel, naht die Trennung. Dort, wo die einzelnen Bäume stehen, ist die Grenze. Mit Empfehlungen an edle Glaubensbrüder bist Du sorglich ausgestattet und dennoch verlasse Dich nicht auf Menschen, sondern auf Gott. Er, der tn Sturmnöthen uns beisteht, wird auch in Lebensstürmen Dein Schild sein". „Vater zieh' heim zur Mutter, tröste sie und tröste Dich, Gott wird mich nicht verlassen." Noch einige Augenblicke hielten wir uns umschlungen, dann — das Herz wollte mir zerspringen — trennte sich der Sohn von dem Vater, vielleicht aus ewig. Ich weinte noch lange, dann trocknete ich meine Thränen, zog elnen schäbigen, zerrissenen und zersetzten Wams an, wie ihn die polnischen Betteljungen jener Gegend tragen und erwartete den Tag. Er brach an und ohne Schwierigkeiten gelangte der Betteljunge, für den man mich hielt, über die Grenze. Nach mancherlei Plackereien kam ich glücklich nach Breslau und fand auch in dem Hause eines begüterten und edeleu Glaubensgenossen bald Aufnahme. Zwei Jahre gab mir der Edele nicht nur Alles, was zum Leben gehörte, sondern er ließ mich auch unter-