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Jüdisches Familienblatt · 1886-01-01 · 23 (1886) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1886
Issue
23 (1886)
Date
1886-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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■U 23. Jüdisches 188«. Hcrcmsgegeben von i>r. M. Nahmen in Magdeburg. -*N^~ Zur Unterhaltung u. Belehrung für Hie israelitische Jugend. -Vf B-rsöhnt. Inhalt: Schluß., Original-Roman von Iba Barber. (Schluß.) — Die Ausgewiesenen. Ein Zeitbild von A. Speier in Heinebach — Lesefrüchte. 1. Macaulay über die jüd. Religion. 2. Aus Nürnbergs Vergangenheit. 3. Und er soll dein „Narr" Aus der Schule. — Scherz-Rechenexempel. — Räthsel-Aufgaben und Räthsel-Lösungen. Versöhnt! « Original-Roman von Jda Barber. (Schluß.) Einst da Sanders, von seinen Berufsgeschäften heimkehrend, Jlka nicht wie gewöhnlich ihn am Fenster erwartend fand, eilte er beunruhigt die Stiege hinan. Die Dienerin sagte ihm, sie sei vor kaum einer Stunde ausgegangen. Auf ihrem Schreibtisch fand er einen Brief, den er eilig erbrach. Sie schrieb: „Geliebter! Eine Sterbende ruft mich, daß ich ihr in ihrer letzten Stunde beistehe. Es ist jene unglückliche Marie Dinray, von der ich Dir erzählt. — Ihr Vater hat sie verstoßen: sie hat, fürchte ich, Gift genommen; beunruhige Dich nicht, wenn ich heute später nach Hause komme!" Sanders wußte, wo jenes unglückliche Mädchen wohnte; er hatte ihr oft genug in Jlka's Aufträge Geld gesendet. Eilig schritt er der Wohnung zu. Die redselige Hausmeisterin erzählte ihm, daß das Kind bereits gestern gestorben sei, die junge Mutter in heftigen Krämpfen liege und wohl schwerlich davon kommen werde. Oben angelangt, fand er Jlka am Bette der Kranken. Mühsam richtete Letztere sich auf. „Wenn ich ihn nur noch einmal sehen könnte," flüsterte sie. „Ich mag nicht von dieser Erde scheiden, ohne seine Verzeihung erbeten zu haben!" „Soll ich ihm telegraphiren, daß er komme?" fragte Jlka. „Es wird zu spät sein," entgegnete die Sterbende; „ich fühle es, das Gift wirkt; meine Stunden sind gezählt, — bis er kommt, bin ich längst —" Die Sprache versagte ihr; fest biß sie die Lippen auseinander, um ihren Schmerz zu verwinden. „Wen meint sie?" fragte Or. Sanders. „Ihren Vater," entgegnete Jlka. „Und von Norbert keine Spur? Auch sie kennt seinen Aufenthalt nicht?" forschte Sanders. „Er schrieb ihr, wie sie mir mittheilt, daß er sich nach Melbourne eingeschifft, dort sein Glück zu versuchen!" Die Leidende richtete sich wieder äuf, sie schien nach Athem zu ringen, noch eine letzte Anstrengung zu machen, sich zu verständigen, doch erschöpft sank sie in die Kissen zurück, noch ein minutenlanger Kampfe— sie hatte ausgelitten. — „Ihr ist wohl," sagte Or. Sanders bewegt. Jlka schwieg; ihre Gedanken irrten weit ab zum fernen Bruder, zu dem unglücklichen Vater des Mädchens, zu all' jenen Verlorenen, die, so gern sie vielleicht möchten, nicht die Kraft finden, sich zu rehabilitiren. „Laß uns gehen," sagte Sanders-, als er sah, wie mächtig Jlka erregt war, „der Anblick einer Leiche ist für Dich —" „Sag' mir," unterbrach sie ihn, „hier im Beisein dieser Dahingeschiedenen, Ellimar, hast Du den Tod der Theresia Holm auf Deinem Gewissen? Ich habe Dich nie danach gefragt, denn da ich Dich hernach als den edelsten und besten Menschen erkannt, wollte ich jenes Verhältnisses nicht gedenken, das Du einst —" „Gut. daß Du darauf zurückkommst." nahm Dr. Sanders das Wort," ich mochte Dir nicht unaufgefordert davon sprechen. wir hatten auch wohl zeither Wichtigeres und Besseres zu discutiren, indeß zu Deiner Beruhigung fei es Dir gesagt, jene Theresia Holm, die einen 16jährigen Gymnasiasten in ihre Netze zu locken wußte, ist nicht in eine Parallele mit dieser Unglücklichen zu stellen, die den Verführungskünsten eines notorischen Wüstlings zum Opfer fiel." „Aber auch sie hat sich das Leben genommensagte wehmüthig die junge Frau. „Wer sagte Dir das?" unterbrach unwillig Or. Sanders. „Ihre eigene Mutter," entgegnete Jlka. „Komm, Theure." entgegnete Or. Sanders, „es ist hier Angesichts der Todten nicht der Ort, Dir nähere Details mitzutheilen. Wenn Du mich aber durch die Radialstraße begleitest, zeige ich Dir ein Geschäft, in dem die ehemalige Theresia Holm als Gattin eines soliden Handschuhmachers amtirt. Ich erfuhr es erst jetzt, da ich erst jetzt der mehr als 10 Jahre lang Vergessenen nachforschte." „Also sie hat sich nicht getödtet?" fragte Jlka immer noch ungläubig. „O, wie mir ein Alp vom Herzen fällt!" fuhr sie fort, sich innig an Ellimar anschmiegend; „ich mußte Dir ja gehören, darüber waltete ja in mir, seitdem ich Dich wiedergesehcn, kein Zweifel, doch, so oft es mir recht wohl in Deiner Nähe war, trat das Bild jener Unseligen wie ein Störenfried zwischen Dich und mich, als hätte sie noch ein Recht auf Dich, das sie nur streitig machen müßte!" „Um Dich also zu beruhigen," entgegnete Sanders, „wirst Du sie selbst sprechen müssen und aus ihrem Munde hören, wer sie sei! Ich bezeichne Dir den betreffenden Laden; Du gehst hinein und wirst, indem Du etwas kaufst, schon das Gespräch so zu leiten wissen, daß Du ihren Familiennamen erfährst!" „So hätte die Schwester Marie, die mir Deine Treulosigkeit , das Elend der Unglücklichen, ihre Verzweiflung, ihren Tod mit allen Details ausmalte, einfach — gelogen?" fragte Jlka. „Das hat sie und bei Gott," fuhr Sanders mit drohend erhobener Stimme fort, „ich bin dieser Creatur, die durch ihre Einflüsterung an all' unseren Elend schuld ist, eine Revanche schuldig! Aus den Büchern Deines Vaters geht hervor, daß sie 1000 Gld. erhalten hat! Das ist ein Sündengeld, das sie zurückerstatten muß, sie und die Oberin, denn Beide sind im Bunde, werden sonst angezeigt!" Vergebens suchte Jlka, als sie auf dem Heimwege waren, Or. Sanders von jener Idee abzubringen; er wollte ein Exempel statuiren und den Frömmlern, die unter der Maske der Wahrheit und christlichen Liebe die Saat des Unfriedens streuen, das Handwerk legen. Zu Hause angelangt, schrieb er der Oberin, daß die

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