Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1886
- Issue
- 22 (1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- Seite 85 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 85 — Stich durch's Herz, heute und immer, so oft ich es nun seit Jahren auch gesehen habe, wenn sie die „beiden Beine" nimmt und durch das Zimmer humpelt. War sie doch früher, ehe die furchtbare Krankheit ausbrach, so flink wie ein Eichhorn gewesen, und nun ist sie so unbeholfen wie ein Fisch auf dem Trockenen. Plötzlich über Nacht war die Krankheit gekommen, nicht Arzt und Professor konnten helfen, das rechte Bein mußte fallen, fallen durch die Säge des Chirurgen, daß auch nicht einmal so viel übrig blieb, um ein künstliches an die Stelle bringen zu können. So sind nun schon seit der Zeit vier Jahre verflossen, doch die Zeit, die sonst Balsam für den Unglücklichen ist, hat keine Heilung gebracht. Neue Schicksalsschläge folgten — dort auf dem Friedhofe, dem ich jetzt gerade gegenüberstehe, ruhen unsere zwei Knaben, sie waren im zarten Kindesalter gestorben. Zweimal in der Woche gehe ich an ihrem Grabe vorbei und es ist mir eine Wonne, dann immer die Wunde von neuem aufzureißen und mich auszuweinen. Und weiter gehe ich, ein Wold nimmt mich auf. noch eine kurze Strecke und ich bin in Beisenfeld, dem Ziele meiner Wanderung. So während ich das Einst und Jetzt vor meinem inneren Auge passiren ließ, gewahrte ich kaum etwas von Erschöpfung, obgleich ich zuweilen fußtief in den Schnee sank, bemerkte kaum, daß es noch kälter geworden, wenn dieses nicht mein von erfrorenem Hauch des Mundes ergrauter Barl mir kund gegeben hätte. Erst jetzt, als ich in's Schulzimmer trat und mich behagliche Wärme empfing, wurde die Audienz meiner gramerfüllten und sorgenschweren Gedanken verabschiedet. Nun will ich dem lieben Leser oder der lieben Leserin auch verrathen, daß ich der Lehrer Hiob aus Börnebach bin, der hier in Beisenfeld wöchentlich zweimal Religionsunterricht zu ertheilen hat. Der Unterricht ist beendigt und ich gehe an den Bahnhof, um mit dem Zuge nach Hause zu fahren. Noch eine halbe Stunde und ich bin wieder bei den Meinigen. Da — ein Pfiff, der Zug fährt ein und ich bin noch eine große Strecke vom Bahnhof entfernt. Selbst die meterlangen Schritte helfen mir nichts, der Zug fährt ab und ich habe das leere Nachsehen. Da stehe ich nun und wische mir trotz der Kälte den Schweiß ab, der durch das rasche Gehen in Tropfen auf meinem kahlen Scheitel perlt. Schnell mache ich Kehrt und beschließe nochmals auf „Schusters Rappen" nach Hause zu „reiten". Heute ist ja Mondschein und ich bin immer noch eine Stunde früher dort, als wenn ich den nächsten Bahnzug benutzen wollte. Wie besorgt werden die Meinigen sein, habe ich doch niemals den Zug versäumt, aber heutigen Tages ist ja Alles falsch, da kann man selbst seiner Uhr nicht mehr trauen. In vollem Glanze stand der Mond am nächtlichen Himmel. Das fahle Licht dieses Nachtgestirn's warf allerlei gespenstische Schatten und ich schreite, ein einsamer Wanderer in der großen Schneewüste, immer weiter, näher nach der Heimath. Noch eine kurze Zeit und ich sitze im warmen Stübchen um den Theetisch im Kreise meiner lieben Familie. O, glücklich, wer ein Heim besitzt, wer da weiß, er wird dort von den Lieben so sehnsüchtig erwartet! Welch' ein Glück ist es dagegen, wer arm und elend, unstät und flüchtig umherirren muß, wer nicht weiß, wohin er den sorgenschweren Kopf niederlegen soll! So ganz diesem Gedanken nachhängend, schreite ich weiter. Eben an einem verrufenen Kreuzweg höre ich Wimmern — oder ich habe mich getäuscht! Mit anhaltendem Athem lausche ich, das Haar sträubt sich mir in die Höhe — es ist keine Täuschung, es ist wirklich ein weinerliches Stimmchen das jich höre. Noch einige Augenblicke horche ich nach der Gegend, aus welcher das Weinen kommt, dann ist Alles still. Und weiter gehe ich und nach wenigen Sekunden habe ich das dichte, jetzt über und über mit Schnee belastete Dorngestrüpp erreicht. Doch keinen Laut vernehme ich und keine Spur irgend eines lebenden Wesens beobachte ich. Aber dort liegt ein schwarzer Klumpen dicht am Chausseegraben. Jst's ein Mensch, ist's ein Thier oder ist es nur ein Phantom meiner aufgeregten Phantasie! Ich stehe abermals still, mache einige Schritte vorwärts — stehe wieder, und nochmals höre ich ein Stimmchen, gleich dem Lallen eines Säuglings. Jetzt aber nicht mehr gezaudert und mit wenigen Schritten stehe ich neben dem schwarzen Klumpen. Und was sehe ich? Ein Mensch, ein Weib mit einem dünnen Tuche bedeckt, sitzt in gebeugter Lage an einem Prellstein und in ihrem Schoße liegt dick und dicht mit Tüchern verhüllt ein Kind. Es lebt, und fängt eben wieder an weinerlich zu lallen. Schnell lege ich es nieder, denn meine nächste Sorge gilt nun der beklagenswerthen Frau. Ich rüttele sie, um sie aufzuwecken, doch es gelingt mir nicht, ich reibe sie mit Schnee, mit meinen wollenen Handschuhen, auch das hilft nicht, sie ist — tobt, ein Opfer der Kälte, eine Beute des Winters. Nun nehme ich wieder mein Kind in die Arme. Wie unschuldig mich die schwarzen Aeuglein anlugen! Glückliche Kindheit! Sie geht am Tode vorüber und merkt es nicht, sie verliert das Theuerste auf Erden und weiß es nicht. Könnten wir es nur festhalten dieses glückliche Kindesalter mit seiner Unschuld, mit seinem leichten Sinn, aber es enteilt, als hätte es Flügel. Aus dem Knaben wird ein Mann, aus dem Mädchen ein Weib und des Lebens Stürme fangen an zu wehen, zu brausen und zu toben. Dann kommen die Schiffbrüche des Lebens, die schon so Biele in das Todesschattenthal führten, so Biele auf den Grund des Verderbens senkten. Und wunderbar! Das schwache Weib steht in des Lebens Stürmen meist wackerer da, als der starke Mann. Wenn ihm sein Kind geblieben ist, hat es ja nichts verloren. Armes Weib! Auch Du hattest aus dem Unwetter nichts retten können als Dein Kind, und selbst als der Tod Dir und Deinem Kinde entgegentrat, hast Du dem Gewaltigen Dich zwar preisgegeben, aber Dein Kind mußte er Dir lassen. Wie sorgfältig es nur eingewickelt war! Ein großer mit weichem Flanell gefütterter Kattunmantel umwickelte mehrmals das kleine Wesen, obgleich es auch in warmen Windeln gebettet war. Selbstverständlich sah ich all' dieses erst zu Hause, dem ich so rasch als es der Schnee und die kleine Last zuließ, entgegen eilte. Meine zwei Töchterchen schlafen doch schon, aber mein Weib sitzt am Fenster und schaut durch die Scheiben mit sehnsuchtsvollem Erwarten. Und nun bin ich zu Hause immer noch zeitiger, als wenn ich auf den Zug gewartet hätte, aber ich bin aufgeregt, sie merkt es, fast noch früher als das Bündel, das ich auf den Armen trage. „Was ist geschehen, lieber Mann?" „Mir nichts, aber draußen im Schnee liegt ein erfrorenes Weib und hier habe ich ihr Söhnchen, das uns unseren kleinen Leopold ersetzen soll". Schrecken malt sich in den Zügen meines Weibes und hastig nimmt sie den Kleinen mir ab. Noch um 8 gehe ich hinaus in die Nacht und hole mit Hilfe einiger Arbeiter das todte Weib in mein Haus. Und obgleich abermals Rettungsversuche angestellt werden, es ist zu spät, der Tod hatte sein Opfer gefunden. — Drei Tage waren inzwischen verflossen und das junge jüdische Weib, denn ein solches ist es, ruht im engen letzten Häuschen, ganz in weiße Linnen gehüllt. Nicht gar weit davon liegt in der Wiege sein Knabe und lächelt mit meinem jüngsten Töchterchen, das von der Wiege gar nicht weichen will und sich in naiver Unschuld so herzlich freut, daß der „Leopold" vom Himmel wiedergekommen ist. „Nicht wahr, liebe Mama, das Leopoldchen hat mit der armen Frau getauscht, die kommt nun in den Himmel und der Bruder bleibt wieder bei uns", hat es soeben gesagt. Da mit einem Male wird die Thür, ohne erst anzuklopfen, aufgerissen und auf der Schwelle erscheint ein Mann. Sein Bart ist struppig, sein Blick stier und starr. Jetzt machen diese starre Augen eine Bewegung und mit einem Satze, wie ein wildes Thier