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Jüdisches Familienblatt · 1886-01-01 · 22 (1886) · p. Seite 86

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1886
Issue
22 (1886)
Date
1886-01-01
Page
Seite 86 (sequence 4)
Language
German
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— 86 sich auf Beute stürzt, ist er an dem Sarge und mit dem Rufe: „Mein Weib", sinkt er neben demselben nieder. Da liegt er nun der arme, bedauernswerthe Mann schluchzend und jammernd und Niemand kann ihn trösten in seinem namenlosen Unglück, selbst nicht der Anblick seines geretteten Kindes. Und es sammeln sich die Leute des Ortes, denn die Zeit des Leichenbegängnisses ist angekommen. Da wacht der Unglückliche aus seiner Erstarrung auf. Noch einen Blick — einen Blick von unsagbarer Wehmuth und Trauer —■ wirft er auf die Schlafende im Sarge und folgt dann ruhig und gefaßt demselben auf den Friedhof, wo auch meine zwei Lieblinge schlummern. Wieder sind einige Stunden verflossen. Wieder sitzt der arme Ruhelose in gebeugter Haltung auf der Erde, aber nicht nehen einem geliebten Todten. sondern dicht an der Wiege, in dem auch sein ..Herzensjüngelchen" munter und frisch gebettet liegt. Dieses Kind, sein einziger Trost, der ihm geblieben, macht ihn gesprächiger, und er erzählt nun eine kurze, aber traurige Geschichte. (Schluß folgt.) Kesefriichte. 1. geübter üver Aü-ri«g. In der von Professor Arnold Dodelfort in Zürich herausgegebenen Biographie von Konrad Deubler, des oberoesterreichischen Bauernphilosophen, dürfte Folgendes für die Leser Ihres Blattes nicht ohne Interesse sein. Unter den Schriftstellern naturphilosophischen Charakters, mit welchen der Held dieser Biographie in seinen letzten Jahren sich noch in Verbindung setzte, ist an dieser Stelle Eugen Dühring zu nennen. Deubler hatte zuvor Dühring's Schrift: „Der Werth des Lebens" kennen gelernt und sie mit großem Interesse studirt. Das Buch nahm lange Zeit seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Als dann im Jahre 1877 an der Berliner Universität jener Skandal ausbrach, der mit der Maßregelung eines wissenschaftlich hochverdienten Gelehrten und Docenten wie Eugen Dühring es anerkanntermaßen war und noch ist, zum Abschluß kam, jener Streit zwischen dem furchtlosen Privatdocenten und einer ganzen Fakultät, da hielt es den Bauernphilosophen nicht länger; er nahm entschieden Partei für den Gemaßregelten. den Unterdrückten; das lag in seiner Natur, auch wenn er selbst nicht 4 Jahre im Elend gesessen hätte um der Freiheit willen. In diesem Sinne schrieb Deubler im Sommer dieses Jahres an den erblindeten, aus dem Lehrkörper der Berliner Universität ausgeschiedenen Dühring. Allein dies Verhältniß, obschon es jener menschenfreundlichen Theilnahme unseres Bauernphilosophen mitentflossen war, lockerte sich später, um schließlich ganz zu erkalten. Dühring publicirte nämlich (Anfangs der achtziger Jahre) seine Schrift: „Die Judenfrage als Rassen-, Sitten- und Kulturfrage" und stellte sich dadurch als Gelehrter von Rang in die Reihe der Antisemiten-Liga. Deubler. der die übrigen Schriften dieses Autors hochschätzte, vermochte ihm in dieser Kultur- oder besser Unkultur-Frage nicht zu folgen. Er kannte sehr wohl die Fehler und Schwächen der Mehrzahl isr. Abkömmlinge; aber er kannte auch die Tugenden der großen und edlen, der wahrhaft segenwirkenden Juden; er kannte sehr wohl auch die christlichen Wucherer und Blutsauger. die ihm noch viel widerwärtiger waren, als die semitischen, weil sie unter der Heuchelmaske des Christenthums viel Aergeres zu thun sich erlauben, als jene seit Jahrtausenden durch alle Länder gepeitschten Decendenten Jakob's. Deubler verabscheute jeden Rassenhaß: „Die Judenhetze ist wirklich eine sehr traurige Erscheinung in unserer reaktionären Zeit." (Brief an Rengert, 30. Dez. 1880). Diese Worte eines so klaren und tiefen Denkers wie Deubler haben nicht nur gleichen, sondern einen höheren Werth, als die von bekannten Professoren und Berliner Pastoren seit Jahren gegen die Juden angewandten Schmühreden. 2. Salomo« üver Areilag's „Soll ««d Kaven«. Ludwig Salomou sagt in seiner „Geschichte der deutschen Nationallitteratur des XIX. Jahrhunderts" über Freytag's „Soll und Haben" u. A. folgendes: „Mit der Schilderung des Geschäftes allein vermochte der Dichter aber noch kein vollständiges Bild des tüchtigen und arbeitsamen Bürgerstandes zu entwerfen, er mußte auch noch wirksame Gegensätze daneben stellen, und diese suchte er auf der einen Seite im Edelmanne, der nicht zu arbeiten braucht, weil er sich ererbten Besitzes und vieler Vorrechte erfreut, auf der anderen Seite im gaunerischen Speculanten, der nicht arbeiten will. Leider ist er hier in der Wahl der Figuren nicht glücklich gewesen, jener Herr von Rothsattel, den er uns vorführt, ist nur eine Ausnahme, durchaus nicht der Typus eines deutschen Edelmaunes, noch ist so saus phrase, wie es nach der Darstellung des Verfassers der Fall sein würde, der Jude der Typus des arbeitsscheuen Schmarotzers. Seit dem Auftreten eines Rothschild, Meyerbeer, Bendemann, Auerbach und vieler Anderer, ist der große Antheil, den der deutsche Jude an der deutschen Culturarbeit genommen hat, nicht mehr wegzuleugnen, so wenig, wie die Thatsache verhüllt werden kann, daß die Sucht, ohne Arbeit reich zu werden, ebensowohl in christlichen, wie in jüdischen Kreisen zu finden ist". Ludwig Salomou ist nicht, wie man etwa voreilig seinem Namen nach schließen könnte, jüdischer Abstammung, sondern Sohn eines protestantischen Pfarrers; sein obenerwähntes Werk, das in jeder Beziehung ein vortreffliches genannt zu werden verdient, sei allen Freunden einer gerechten, vorurtheilslosen Kritik bestens empfohlen. Allerlei für den Familientisch. Aus Wtchkand. Ein tragi-komisches Stückchen ist hier einem „Melamed" passirt. Am Seder-Abend, als Fest der Befreiung aus Egypten, sitzen wir bekanntlich „alle angelehnt", ,kuloiiu messubin“ wie ein „König" auf seinem Throne. — Diese bei den russischen Juden hierfür übliche Phrase benutzend, telegraphirte ein hiesiger, auswärts fungirender Talmud-Lehrer: „Meine Schaaren entlassen, die Reisekosten beisammen, ich reise „König" zu sein." — In Rußland, wo der Nihilismus spukt, geschieht nun nichts Eiligeres, als mit Aufgebot aller Polizeimacht den gefährlichen Thronprätendenten Numero sicher hinter Schloß und Riegel zu bringen. Doch welche Ueberraschung, als sich herausstellte: unter den „Schaaren" seien die „Schüler", unter den „Reisekosten" das „Lehrhouorar" und unter dem „Königsthron" der „Sederstuhl" gemeint! iith sei-Ausgaben. I. Zmei Worträthsel. Von A. Spei er in Heinebach. 1. Mit Kopf bin ich als Dichter bekannt. Ohne ihn werd' ich setzt viel genannt. 2. Mit Kopf werd' willkommen ich bald geheißen, Doch ohne ihn war ich Herrscher aller Reußen. II. Arithmetisches Uathsel. (Hebräisch). Von 6. in R. Wie oft das erste Zeichen in dem zweiten Und dieses in dem dritten steckt, Das will ich Dir hier ganz genau bedeuten: „Das vierte Dir's sofort entdeckt." Das Ganze kann der „Hahn" Dir zeigen; Doch rächst Dn's nie, wenn's Dir nicht eigen. Auflösung der Riithsel in nur. Ur. I. Vornamen. (Vorn — Amen.) II. T2 (Zeuge). Eid. “1K (Dunst). TK (Unglück). Verantwortlicher Redacteur Dr. Rahmer, Magdeburg. Druck von L. D. Wolfs, Magdeburg. Verlag von Robert Friese, Leipzig.

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