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Jüdisches Familienblatt · 1886-01-01 · 22 (1886) · p. Seite 84

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1886
Issue
22 (1886)
Date
1886-01-01
Page
Seite 84 (sequence 2)
Language
German
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— 84 — Centnerschwer fiel es Alois Braun bei diesen Worten auf's Herz. Er gedachte seines Sohnes Norbert, von dem man seit Wochen keine Nachricht hatte. Mußte ihm nicht ein Unglück zugestoßen sein, da ihn nicht einmal der Tod der Mutter, von dem er ja wohl Kenntniß haben mußte, zurückgeführt hatte? Derartige traurige Gedanken waren bald verscheucht, als er daheim die festlich erleuchtete Stube betrat. Frau Rosa, festlich gekleidet, kam ihnen schon an der Schwelle entgegen und beglückwünschte den Gatten wie den Schwager auf's Herzlichste. Drinnen im Zimmer saßen drei glückliche Menschen, die Mama Sanders' in der Mitte des Sopha's und ihr zur Rechten und Linken ihre Kinder. Alle erhoben sich und eilten auf die Eintretenden zu, sie gleichfalls zum neuen Jahre zu beglückwünschen. „Es ist dies doch eine schöne Sitte," sagte Alois Braun, nachdem er auch der alten Mama Sanders seinen Glückwunsch ausgedrückt. „Wie wäre es heute bei uns öde und trostlos gewesen, wenn wir, wie seit Jahren, in unverzeihlicher Gleichgültigkeit gegen die Satzungen der Religion geblieben wären. Wennschon man sich damit zu täuschen suchte, es sei veraltet, rituelle Feste zu feiern, das Herz hängt doch an seinen Jugenderinnerungen und sehnt sich zurück nach —" „Das ist schön von Dir, Alois, daß Du das eingestehst," unterbrach Leo, seiner Gattin Stuhl näher zu sich heranrückend. „Ich habe nie begreifen können, wie Du Dich in diesen kalten, freudlosen Leben, das Ihr geführt, wohlfühlen konntest!" „Wer sagt Dir, daß ich mich wohl gefühlt?" entgegnete Alois. „Man spricht nur nicht über jede Seelenstimmung, aber tief innen in der Brust, da mahnet gar oft eine Stimme zur Umkehr und daß es in früheren Zeiten besser gewesen und daß das wahre Glück nicht darin besteht, daß man—" „Lieber Vater," unterbrach Jlka, „Du wirst weich; — laß keine unangenehme Rückerinnerung die heutige frohe Stunde trüben!" — Und dem heutigen Festtag folgte noch einer und noch einer; eine zeither ungekannte Gemüthswelt erschloß sich dem schwer gebeugten Mann. Da kamen und gingen Bekannte und Freunde, die sich lange, lange Zeit von ihm fern gehalten; sie wußten um seine Sinnesänderung und wollten nicht die Letzten sein, ihm ihre Freude ob derselben zu bezeugen. Die kleine Wohnung ward zu enge, all' die Besucher zu fassen. — Das waren nicht die Leute mit hochtönenden Namen, denen zu Liebe er Jahre lang auf allen intimen Verkehr verzichtet, das waren liebe, gemüthreiche Menschen, die treu zu einander standen und es längst vergessen hatten, daß es einen Alois Braun gab, der sich noch vor nicht gar langer Zeit schämte, einer der Ihrigen zu sein. Frau Rosa fiel es auf, daß von Allen, die da kamen und gingen, Niemand der entschlafenen Schwägerin erwähnte. — Sie hatte es offenbar wenig verstanden, sich die Sympathien der ihrer Umgebung Nahestehenden zu sichern. Darum vermißte sie Niemand, nicht einmal ihre eigenen Kinder. Jlka war der Mutter ihres Ellimar in kindlicher Liebe ergeben. Die alte Frau, die so ganz dem Modernen abhold war, wußte dennoch eine Anziehungskraft auszuüben, daß Jung und Alt ihr zugethan war. Was und wie sie sprach, war von einer Weihe und Heiligkeit durchweht, als ob sie eine gottgeweihte Priesterin sei. Auch Tante Rosa verehrte die alte Frau, die nach ihrer Meinung jeder jüngeren als ideales Vorbild gelten konnte. Sie war die Mutter der Armen, die treueste Freundin ihres Sohnes, den sie zu allem Guten befähigte, die sorgsamste Hausfrau. „Ihr Rath," sagte die Tante zu Jlka, „kann Dir in Allem maßgebend sein, wenn ich nicht bei Dir bin!" Zum ersten Male seit mehr als 20 Jahren hatte Alois Braun die Feiertage fern dem Geschäfte verlebt. „Alle, die den Jontof entweihen," sagte Leo, „haben schwerlich mehr, als die, die nach Gottes Vorschrift leben. Der Mensch ist kein Lastthier, das ewig schleppen und ziehen kann; in ihm ruht das Verlangen, sich eins zu fühlen mit, der Gottheit, von Zeit zu Zeit seinem bessern Selbst zu lebeu!" „Das will ich von jetzt ab," sagte Alois willig, der seitdem er Umgang mit dem Bruder hatte, weich wie ein Kind geworden. Und als nun doch die Trennungsstunde schlug, da standen ihm helle Thränen in den Augen. Von Rührung überwältigt, vermochte er kaum zu sprechen. „Laß gut sein," sagte Leo, der wohl erkannte, wie es in des starken Mannes Brust arbeitete; „danke mir nicht und rege Dich nicht auf; was ich Dir gethan, ist Bruderpflicht!" „Du hast Dich aber meinetwegen arm gemacht!" sprach Alois; „wie Du jetzt von mir gehst, bist Du in Deinem Geschäft gehemmt, hast —" „Kennst Du nicht den Vater dort oben," unterbrach ihn der Bruder zuversichtlich; „der alte Gott wird mich nicht verlassen, wie er noch Keinen verlassen, der fest auf ihn gebaut." „Nun, in drei Jahren hoffe ich Dir Alles mit tausend Dank zurückzuerstattcn," sagte Alois, den Bruder zum Abschiede noch einmal in seine Arme schließend. „So Gott will," entgegnete Leo. Still war es wieder, nachdem die lieben Verwandten davon waren, in der eben noch so belebten Wohnung. Als Alois Braun und seine Kinder vom Bahnhof zurückkehrten, war es ihnen, als müßten sie Onkel und Tante, die es verstanden hatten, ihnen so lieb über den herben Wechsel hinüberzuhelfen, noch in jedem Winkel suchen. Doch sie waren fern und nun galt es, sich auch ohne Mithilfe guter Menschen finden und behaupten. Jlka war unermüdet von früh bis spät thätig; sie führte das Haus unterrichtete die Kinder und theilte ihre freie Zeit zwischen der Sorge für das Wohlbefinden des Vaters und des Geliebten. Sanders drang darauf, sobald als thunlich die Civiltrauung erfolgen zu lassen, doch Jlka, wohl fühlend, daß sie dem Vater unentbehrlich, bat ihp, sie noch einige Zeit im Vaterhause zu lassen. Zudem waren kaum vier Wochen seit dem Tode der Mutter vergangen. „Haben wir nicht," tröstete sie ihn, „noch ein langes, reiches Leben vor uns, ein Leben, das uns für Alles. was wir gelitten, entschädigen muß, wenn es hienieden eine Gerechtigkeit giebt?" _ (Schluß folgt.) Die Ausgewiesenen. Ein Zeitbild von A. Speier in Heinebach. Weit und breit lag über Feld und Wald des Winters Leichentuch ausgebreitet. Ringsum war kein lebendiges Wesen zu sehen, die Flur war wie ansgestorben, denn mit dem Schnee war auch eine grimmige Kälte ins Land gezogen. Nur dann und wann flog ein Rabe, vor Hunger laut krächzend, nach dem nahen Dorfe. Sehnsüchtig folgte ich mit meinen Augen dem Fluge des schwarzen Bettlers; -ja noch weiter fliegen meine Gedanken, fast bis an's Ende des Dorfes. Dort steht ein kleines Haus und darin waltet „die züchtige Hausfrau", mein Weib, die Mutter der Kinder, die Mutter meiner beiden Blondköpfchen. Wie baten die kleinen Plappermäulchen so innig, heute doch nicht fortzugehen. Meine Frau hielt mich aber nicht zurück, denn sie weiß ja, daß es „der Weg der Pflicht" istz den ich gehen muß. Vorsorglich hatte sie Alles für die Reise geordnet und nun sitzt sie in der Sophaecke mit einem Strickzeug beschäftigt. Neben ihr stehen ihre „zwei Beine", wie sie mit einer Art Humor ihre beiden Krücken benennt. Ach! es gehl mir ein

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