Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Familienblatt · 1886-01-01 · 22 (1886) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1886
Issue
22 (1886)
Date
1886-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/6492351-9579404-9574284--0626-9574285
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Hcrausgegeben von Dr. M. Rahmer in Magdeburg. c tj. Versöhnt. Original-Roman von Ida Barber. (Fortsetzung.) — Die Ausgewiesenen. Ein Zeitbild von A. Speieo in Heinebach. — Lesefrüchte. 1. Deubler über Dühring. 2. Salomon über Freitag's „Soll und Haben". — Allerlei für den Familienx) ) tisch: i cC): Aus Rußland. — Räthsel-Aufgaben und Räthsel-Lösungen. Versöhnt! B2 Original-Roman von Jda Barber. (Fortsetzung.) „Gesegnet sei die Stunde, Tochter, da ich Dich an mein Herz drücke," sprach feierlich die alte Frau. „Ich sah es ja kommen, daß Du zu meinem Eli zurückkehrest, haltest ihm ja Dein Herz gelassen und das seine mitgenommen! Daß sich aber meine Hoffnung so bald erfüllt hat, dafür, Kinder, laßt uns Gott danken!" Und herzlich umarmte sie Sohn und Tochter, immer halblaut Gebete murmelnd. „Netti," rief sie dann die alte Dienerin. „Gott hat mir ein großes Glück erwiesen; ich muß heute mehr thun, als ich sonst zu thun Pflegte. Gehe zu der armen Brandes, die mir gestern klagte, sie habe nichts, den Zins zu zahlen; sage ihr, sie soll sich nicht grämen, ich werde Alles begleichen und wenn sie morgen nach Schul' zu mir kommt, soll sie ihren Buben mitbringen, damit ich ihm seinen neuen Anzug gebe!" — Und als die Dünerin sich entfernt, sagte sie: „Nun, Kinder, müßt Ihr mir erzählen, wie das Alles gekommen! Ich weiß, bei Gott ist Alles möglich^ daß Ihr aber so bald Eurem Ziele zusteuern würdet, hätte ich nicht gedacht." Nun erzählte Jlka, was sie gelitten, wie sie schon in Venedig eine Annäherung versucht, wie Ellimar sie damals verschmäht habe, wie das Familienunglück hereingebrochen und mittelbar zu ihrem Glücke geworden sei. — „Nun bekommt aber der Ellimar,* fuhr sie fort, „eine Frau, die ihm nichts in's Haus bringt; „sagen Sie mir, Mutter, ob Sie sie dennoch mit Liebe empfangen werden?" „Mein Kind." erwiderte die würdige, alte Frau ernst, „mein Sohn braucht sich kein Goldvögelchen zu suchen; er soll eine wählen, die ihn glücklich macht. Du hast ihm zu Liebe einst das Elternhaus verlassen und auf Glanz und Reichthum verzichtet, das war mir ein Beweis, daß Du ihn erkannt hast; wir haben Dich damals nicht gefragt: Tochter, was bringst Du mit? Warum sollten wir es heute thun? Nur eines, mein Kind, mußt Du mir versprechen," setzte sie feierlich hinzu: „Diene Deinem Gott von ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzem Vermögen! Thust Du das, so wirst Du ein braves Weib sein und eine glückliche Mutter werden! Führst Du aber ein Haus, in dem man Gott nicht die Ehre giebt, dann, Tochter, fehlt auch die rechte Weihe und Einigkeit! Dann leidest Du selbst und findest weder Freude in glücklichen, noch Trost in trüben Tagen!" „Ich verspreche es Dir, Theure," rief Jlka schluchzend, indem sie der entschlafenen Mutter gedachte, auf die die Worte der alten Frau nur zu gut paßten. Als sie endlich, nachdem man alles Weh und Leid, das sich inzwischen abgespielt, durchsprochen, mit der Bitte hervortrat, die Mutter möge den heutigen Abend in ihrer Familie verleben, entgegnete diese: „Gern, meine Tochter, folge ich Eurer Einladung; zwar glaubte ich noch vor einer Stunde, nicht die Kraft zu haben, auch nur meine Armen, die ich sonst Jontof bei mir speisen lasse, bewirthen zu können, aber ich sehe, Freude giebt Stärkung!" , Feierlich ernst erhob sie sich, öffnete ihr Schreibpult, suchte da lange zwischen alten Pbpieren, dann die Tochter zu sich rufend, sagte sie: „Mein Kind! Ich bin eine alte Frau und meine Tage sind gezählt; ich weiß nicht, ob Gott der Herr mich bald abrufen wird, ob er mir das Glück gönnen wird, mich Eures Glückes zu freuen und Dir mit Rath und That beizustehen! Wenn ich einst nicht mehr bin, halte dieses Büchlein, das ich Dir als Festgeschenk heut gebe, zu Rathe und in Ehren! Ich habe in dasselbe an allen wichtigen Gedenktagen» meine Ansichten und Betrachtungen niedergelegt. Du wirst da keine große Gelehrsamkeit finden, all' das, was ich mit schlichten Worten sagte, ist gewiß von Andern viel schöner gesagt worden, aber Du wirst lernen, wenn Du dieses Buch durchsiehst, im Glück nicht jubeln, im Unglück nicht verzagen, Dich fest an Deinen Gott und seine Güte halten; Ich habe noch immer gefunden, daß die, die fest auf ihn bauen, in ihren Hoffnungen nicht getäuscht werden!" XVI. Rosch haschono. Am Abend herrschte im Braun'schen Hause ein Fest so feierlicher Stimmung, daß selbst die Kinder fragten, ob man denn heut ein ganz besonderes Fest feiere. „Ein seltenes und schönes Fest," entgegnete Tante Rosa bewegt. „Euer Vater kehrt wieder zu seinem Gott zurück, er hat sich mit seinem Bruder versöhnt, und Jlka ist die glückliche Braut Ellimar Sanders, und Rosch haschono ist es in der ganzen Gemeinde Israels. * Arm in Arm gingen Alois und Leo Braun Abends in's Gotteshaus. Das war ein Flüstern in den Reihen der Männer und Frauen, als hieß: Braun, der Meschumed. der Goi! Die Einen meinten, es sei gar nicht wahr, daß er übergetreten, die Andern, das Unglück sei über ihn heceingebrochen und habe ihn darüber aufgeklärt, daß man nicht ungestraft seinen Gott verleugnen dürfe. Alois Braun wußte von dem Allen nichts, er betete andächtig und schaute nicht nach rechts, nicht nach links. Noch nie in seinem Leben hatte er den Gesang so erhebend, die Worte des Vorbeters so ergreifend gefunden. Er war einer der letzten, der das Gotteshaus verließ, und als ihm beim Hinausgehen manch warmer Händedruck gespendet wurde und selbst die Vorsteher der Gemeinde zu ihm kamen und ihre Freude aussprachen, ihn, den verloren Geglaubten, wieder in ihrer Mitte zu sehen, da war er so ergriffen, daß er sagte: „Hätte ich Geld und Gut, ich wäre jetzt in der Stimmung, eine Stiftung für religiöse Zwecke zu gründen! Nie habe ich so lebhaft wie heut erkannt, welch eine Wohlthat in dem vertrauensvollen Aufblick zu Gott liegt." „Erziehen Sie Ihre Kinder zu gläubigen, thätigen Menschen," sagte ihm einer der Vorsteher, ein alter Mann mit schneeweißem Barte, „so wirken Sie in gleichem Sinne!"

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.