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Jüdisches Familienblatt · 1886-01-01 · 21 (1886) · p. Seite 80

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1886
Issue
21 (1886)
Date
1886-01-01
Page
Seite 80 (sequence 2)
Language
German
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Lea ging einsam, unbeirrt ihres Weges. Sie mied mit ruhiger Würde jede Annäherung an die Wohlhabenden, auch später, wo Jene, nachdem das Vorurtheil überwunden war, ihr bereitwillig ihre Häuser geöffnet hätten. Die Armen hingegen besuchte sie in deren Hütten, wo sie anfangs mit Widerwillen angestaunt, ihre Gaben mit stumpfer Passivität entgegengenommen wurden, und zuletzt ein willkommener, ja sehnlichst herbeigewünschter Gast wurde. Es verstand es aber auch Niemand so wie Lea, den verwickeltesten, psychologischen Leiden auf den Grund zu sehen und eine weiche, heilende Hand auf die Wunden der Seele zu legen. Mit nie erlahmendem Eifer spendete sie Trost den Bekümmerten, Zuspruch den Muthlosen, Kraft den Schwachen und Allen reichen Segen aus ihrer stets offenen Tasche. Durch energisches Einsetzen ihrer Persönlichkeit und unerschrockenes Handanlegen löste sie oft die schwierigsten Aufgaben der Nächstenliebe, denen die anderen, gleichwohl „gut" genannten Menschen, nicht anders nur mit dem Geldbeutel, beizukommen versuchten. Angesichts so hellleuchtender Eigenschaften und Leistungen begann man mildernde Gründe für ihr Vorleben zu suchen und dieses schließlich ganz mit dem Schleier der Vergessenheit zu umhüllen. Man gewöhnte sich auch nach und nach, was allerdings schwerer fiel, Lea ganz ungestört walten zu sehen, ihr keine Rathschläge zu ertheilen und sie nach ihrem eigenen Ermessen selig werden zu lassen. Ja, so weit ging die Duldung ihr gegenüber, daß man ihr, die nur äußerst selten die Synagoge besuchte und den sonstigen religiösen Gebräuchen nicht augenfällig oblag, doch gestattete, die Kinder der Armen unter ihre geistige Obhut zu nehmen. Die Eltern sahen ihre Kinder warm gekleidet, reinlich und gesittet, auch ohne die geringste Einbuße an religiösem Bewußtsein, heimkehren, und so fügten sie sich gern darin, sie täglich von der Prinzessin unterrichten zu lassen und waren schließlich noch stolz darauf, daß diese mehr verstanden und besser geartet waren, als die Sprößlinge der Reichen, welche ein ihnen unerschwingliches Schulgeld nebst Hauslehrerhonorar aufzubringen vermochten. Der bildhübsche junge Mann mit dem dunkelbraunen Lockenkopf, der jetzt das glänzende Auge, in unsagbarer Rührung, zum Fenster erhob, hatte im Städtchen von Lea's segensreichem Wirken und der unbegränzten Verehrung gehört, die ihr zu Theil wurde, und ein Gefühl des Stolzes schwellte sein junges Herz. Er ließ sich, jede Begleitung ablehnend,- genau den Weg zum Häuschen draußen beschreiben und nun stand er, die Hand auf die hochklopfende Brust gepreßt, vor demselben und wagte es nicht, den Klopfer in Bewegung zu setzen. Da fiel ein Blick von oben herab auf den Jüngling und Lea wäre beinahe zusammengesunken, wenn er, mit einem Satze, nicht hinaufgestürmt und sie in seinen Armen aufgefangen hätte. „Arthur, mein Arthur," hauchte sie in trunkenem Entzücken, und das erste Wonnegefühl nach langen Jahren der Entbehrung, färbte die Wange mit jugendlichem Roth. „Wie schön Du bist, wie groß! Und welche Aehnlichkeit mit Deinem Vater!" „Theuerste Mutter," lächelte der Jüngling unter Thränen, „ich bin gerade neunzehn Jahre alt geworden, kein Wunder also, daß ich nahezu die Manneshöhe erreicht habe — und mit dieser auch das Ziel meiner heißesten Sehnsucht. Nicht wahr, Du verzeihest mir, daß ich Deiner Verfügung und der Abmahnung von Frau Löwy zuwidergehandelt, und jetzt schon gekommen bin? Ich konnte es nicht länger aushalten, besonders seit der Zeit, da ich regelmäßig Deine Briese erhielt, aus denen mir Dein Bild, treu und wahr, wie ich es jetzt finde, entgegenstrahlte. Solch eine Mutter zu besitzen und doch fern von ihr sein zu müssen, das war hart und schwer zu ertragen. Aber kommen mochte ich doch nicht, bis ich nicht das Ergebniß meiner Thätigkeit Dir zu Füßen legen konnte. Und so arbeitete ich denn mit Aufgebot aller meiner Kräfte und es ist mir gelungen, ein paar Jahre von der herben Prüfungszeit abzuschneiden und meine Examina zu beschleunigen, so daß ich jetzt genügende Zeugnisse meiner Befähigung für den zukünftigen Beruf aufzuweisen vermag." Eine Regung männlichen Selbstgefühls hob seine ganze elastische Gestalt. „Ich will Arzt werden, eine Professur erlangen, und mein Mütterchen soll noch Ursache haben, sich ihres Sohnes zu freuen. Aber Du mußt mir gestatten," rief er, sie leidenschaftlich umschlingend, „Dich mit mir zu nehmen, Dir in meinem, will'S Gott, selbstgeschaffenen Heim, ein warmes Nest zu bereiten und Dir. durch meine heiße Liebe, einigermaßen Ersatz zu bieten für all das Leid, das Du Überstunden für die traurige Vergangenheit von der mir Frau Löwy sa viel erzählte." Daß Lea auf diesen Vorschlag einging, bedarf wohl kaum noch hinzugefügt zu werden und eben so wenig, daß sie im Zusammenleben mir ihrem herrlichen, all ihre Erwartungen übertreffenden Sohn und der ihr befreundeten Familie zu neuem Leben erwachte. Ein ungeahntes Glücksgefühl zog in ihr Herz und ließ es in erneuerter Jugendfrische pulsiren; und blickte sie auf ihren Sohn, der in Gesinnung und practischer Bewährung, ein echter Jude, zu den höchsten akademischen Ehren und später zu einer hervorragenden Stellung in wissenschaftlichen Kreisen sich aussch wang, so fühlte sie sich, zum ersten mal in ihrem Leben, reich und stolz, wie — „eine Prinzessin". Versöhnt! Original-Roman von Jda Barber. (Fortsetzung.) Jlka war dem Umsinken nahe, doch raffte sie sich auf, um das jetzt von Sanders entfaltete Telegranm, das er dem Onkel Leo reichen wollte, zuerst in ihre Hände zu bekommen. Mit fliegendem Athem las sie: „Gras Zandos soeben bei Gericht erklärt und in Gegenwart von zwei Zeugen beglaubigen lassen, daß er seine Gattin Gräfin Jika Zandos frei giebt und in die Scheidung willigt. Da er sich heute noch nach Alexandrien einschifft, sind die Formalitäten schnell und rechtskräftig vollzogen worden." Als wäre sie von einem schweren Alp befreit, athmete Jlka erleichtert auf. „Wie konntest Du mich nur so ängstigen!" sagte sie fast vorwurfsvoll zu Sanders. „Vergieb," rief dieser jetzt, sie in seine Arme schließend und mit Küssen bedeckend. „Ich wollte mir die beseligende Gewißheit verschaffen, daß Du die Lösung dieser Ehe wirklich —" „Du konntest zweifeln, daß ich sie wünsche?" unterbrach ihn Jlka. „Ellimar, wie wenig kennst Du mich! Dein Zweifel beleidigt mich fast." „Sanders hat ein Recht," sagte Alois Braun, „Dich für unbeständig zu halten, aber zu Deiner Ehrenrettung, meine Tochter, muß ich ihm sagen, daß Du damals von uns beeinflußt wurdest. — Jlka wußte nicht, daß Sie, als sie krank darnieder lag, täglich bei uns vorsprachen; sie hatte keine Idee, daß —" „Ich weiß das Alles von ihr selbst und glaube ihr," unterbrach fast feierlich Or. Sanders. „Ihre Tochter ist heut wieder frei," setzte er nach einer Pause hinzu; „ich frage Sie, ob Sie sie mir zum Weibe geben wollen! Aus Ihren Händen will ich sie empfangen und ich verspreche Ihnen, sie so glücklich zu machen, wie nur —" „Mein Sohn, mein theurer Sohn!" unterbrach ihn Alois Braun, ihn in seine Arme schließend; „bedurfte es dieser Frage? Bin ich nicht glücklich, Dich den Unfern nennen, Dir die Zukunft meines Kindes anvertrauen zu können! Und Du, meine Tochter," fuhr er, sich an Jlka wendend, fort, „wirst Du mir vergeben, daß ich störend in

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