Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1886
- Issue
- 21 (1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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utilifi*!/#// Herausgegcben von Dr. M. Rahmer in Magdeburg. Die Prinzessin. Eine Erzählung von Agathe Meisels. (Schluß.) — Versöhnt. Original-Roman von Ida Barber. (Fortse — Ehehindernisse oder die alten Jungfern. — Unfrommer Wunsch. — An so manchen „Frommen". — Wofür? Von Max Wein ' Räthsel-Aufgaben und Rälhsel-Lösungen. (Fortsetzung.) berg. Die Prinzessin. "0 Eine Erzählung von Agathe Meisels. (Schluß-) All einem schwülen Sommertage hielt, zum großen Erstaunen der Bewohner von Z., ein Wagen vor Feilchenfeld's verschlossenem Hause. Eine verschleierte Dame entstieg demselben, und allsobald umringten sie Gruppen von Neugierigen, die verblüfft zuschauten, wie die kleine behandschuhte Hand an dem Thore rüttelte. Nach wiederholtem, vergeblichem Bemühen, Jemandem aus dem stillen Hause herauszuklopfen, wandte sich Leu, — denn sie war es, — befremdet um, und der Nächststehende erkannte das bleiche, immer noch schöne Gesicht und wich bestürzt zurück. „Gott im Himmel, die Prinzessin!" Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die sensationelle Nachricht durch die Reihen der Gaffenden. „Was will sie hier?" Vielleicht ihren Theil von der Erbschaft fordern. Ihr sauberer Mann hat sie gewiß sitzen lassen, und nun soll das jüdische Geld aus der Noth helfen". So tönte es durcheinander. „Nein, sie kommt, gewiß um den Todestag der Eltern zu erfahren, damit ihr Mann Kaddisch sagen kann", höhnten wieder Andere. „Aber eine Unverschämtheit ist es doch, nach Allem was vorgefallen, sich noch hier blicken zu lassen", darüber waren Alle einig, und Jeder empfand diesen vermeintlichen Trotz gegenüber der öffentlichen Meinung wie eine persönliche Injurie. Lea, die nicht wußte, was das Gemurmel hinter ihr zu bedeuten habe, doch aber sich zu wundern begann, keine Auskunft zu erhalten, wandte sich an eine neben ihr stehende, alte Frau mit der höflichen Frage, ob sie nicht wisse, wo Herr Feilchenfeld oder seine Gattin sich gegenwärtig befänden. „O, gewiß weiß ich es", sagte die bissige Alte, „und kann es Ihnen auch mittheilen. Sie sind beide auf dem Friedhofe, dort wo Andere an ihrer Stelle lieber sein sollten". Lea wankte und wäre umgefallen ohne die Hilfe einiger Frauen, bei denen, wie bei den Meisten, ihre verstörten, fahlen Gesichtszüge und die von Fieberschauern geschüttelte Gestalt einen plötzlichen Rückschlag in der Empsindung bewirkten. „Sie hat genug zu tragen", hieß es jetzt, „und man muß ihr das schwere Leid durch böse Reden nicht noch versalzen und verpfeffern", und mehr als ein mißbilligender Blick traf die boshafte Alte, deren scharfe Zunge schon des Unheils genug im Leben gestiftet. Lea wurde in das neu erbaute, verhältnißmäßig reinliche Einkehrhaus und in einem bequemen Zimmer zu Ruhe gebracht. Ein Rückfall ihres erst vor wenigen Monden überstandenen Leidens war nach dieser erneuerten gewaltigen Erschütterung zu befürchten. Ihre starke Natur überwand indeß diesmal den Krankheitsstoff, und schon nach einigen Tagen konnte sie das Bett verlassen. Ihr erster Spaziergang galt dem Friedhof. Einige Tage später schrieb sie an Esther den ersten Brief seit ihrer Abreise aus Paris. Nach einem kurzen Bericht ihrer Reiseerlebnisse, hieß es dann weiter: „Jetzt bin ich hier und bleibe hier. Ich habe in diesem Orte Nichts, Niemand, an den mich auch nur das vorübergehende Interesse des Momentes bindet. Aber zwei Gräber sind's, die mich unwiderstehlich hier festhalten, die mir in unauslöschlichen Schriftzügen, in dumpfen Tönen von der Zusammengehörigkeit mit denen sprechen, in deren Mitte sie erstanden, die mir ein deutliches Wahrzeichen sind, von der magnetischen Schwerkraft der Scholle, in der man einst gewurzelt." * Nahe dem Friedhofe steht ein kleines, offenbar erst vor wenigen Jahren errichtetes Häuschen, das in seiner einfachen, zierlichen Bauart und durch einen gewissen Anstrich vornehmer Abgeschlossenheit, den Eindruck des Fremdartigen, in dieser Umgebung, hervorbringt. Fremdartig durch den reichen Blumenschmuck an den Fenstern, der blendenden Weiße der Gardinen, zumeist aber durch die weibliche Gestalt, die man, näher kommend, zwischen dem dunklen Grün der Blattpflanzen gewahren kann. Sommer und Winter und zu jeder Tagesstunde kann man dies schöne, trotz der Jugendlichkeit der Contouren, schneeweiße Haupt über irgend eine Arbeit gebeugt sehen. Die plastische Reinheit der Stirn, der Ausdruck heiterer Ergebung auf diesem Antlitz, das wie von Innen heraus beleuchtet erscheint, der milde Glanz der wunderbaren, von langen Wimpern überschatteten Augen und der Schmerzenszug auf der lächelnden Lippe, der allein Zeugniß ablegt von vergangenen, stürmischen Tagen und überstandenen Kämpfen, dies Alles, das einmal erschaut, nicht so leicht wieder vergessen werden kann, läßt den Vorübergehenden unwillkürlich anhalten und einen Blick scheuer Bewunderung zum Fenster hinaufsenden. Und Viele gehen jetzt an diesem sonst einsamen Platze vorüber, zum Theil dem Antriebe der Neugierde, zum Theil einem tiefergehenden Interesse folgend. Nicht Wenige überschreiten die Schwelle der Eingangspforte, die sich Jedem aufthut, der als Bittender ihr nahet. Manche kommen ohne jeden persönlichen Grund, nur um die Prinzessin zu sehen, Einige auch, um aus ihrem Anblick Kraft für den Kampf um's Dasein zu schöpfen. „Die Prinzessin" — längst schon hat der Name aufgehört, als höhnendes Epitheton zu gelten, seit geraumer Zeit ist er sogar allen Ernstes zum Ehrentitel, zur Bezeichnung des wahren, inneren Adels gestempelt. Anfangs war dem wohl nicht so. Da war Lea so vielen Anfechtungen und Gehässigkeiten ausgesetzt, daß sie, trotz ihrer Ahnungslosigkeit, zuletzt den Geist erkennen mußte, der diese Ausstrahlungen erzeugte. Die Leute wichen ihr scheu auf der Gasse aus, erwiderten ihren Gruß nicht und verboten den kleinen Kindern, die durch ihr still-trauriges Wesen angezogen, zuerst den unsichtbaren Wall durchbrachen und sich ihr näherten, jeden Umgang mit „Ihr", deren Namen man nicht einmal gern nannte.