Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1886
- Issue
- 20 (1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- Seite 77 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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„Laß mich, laß mich!" bat Alois, seine Hände aus denen des Bruders befreiend und schnell zur Thür sich wendend. Als er diese geschlossen, sagte Leo zu den Frauen: „Ja, laßt ihn; ich kenne das! Er ist jetzt zu mächtig erregt, um unter uns sein zu können. Was sein Herz jetzt bewegt, hat er mit sich und seinem Gott auszumachen!" Nach etwa einer Viertelstunde kam Alois Braun wieder herein. Er schien noch erregt, doch hatten sich seine Züge geglättet; stiller Frieden lag auf der hohen Stirn. „Wie anheimelnd schön das hier ist," sagte er, einen Blick durch die Zimmer werfend; „Alles licht und sonnig, fast möchte ich sagen, daß es mir hier besser gefüllt, als in dem großen Stadthause!" „Jedenfalls werden Sie hier ruhiger leben, als dort," sagte Frau Rosä. Das alte Sprichwort: „Besser eng und wohl, als weit und weh" ist ein Wahrwort. Man setzte sich zu Tisch. Jlka schien unruhig, sah oft nach dem Fenster und betheiligte sich wenig an der sehr lebhaft geführten Unterhaltung. Was hatten sich die Brüder nicht Alles zu sagen. Alois' Gesicht war wie von innerer Seelenfreude überstrahlt. „Was Ihr doch für gute Menschen .seid!" sprach er. „Wahrlich, es geht doch nichts über das verwandtschaftliche Gefühl! — Wie habe ich mich gefürchtet, heute die öde, unheimliche Wohnung zu betreten und nun ist es mir, als fände ich hier ein kleines Paradies!" „Und den Garten hast Du noch gar nicht gesehen," rief Claire. „Und die schöne Laube," vollendete James. „Da werden wir fleißig arbeiten, Väterchen, Jlka will uns französischen und englischen Unterricht geben und ich glaube, sie dürfte es besser verstehen, als der langweilige Hofmeister, der, anstatt sich mit uns zu beschäftigen, Romane las." „Die Kinder," sagte Alois, zur Schwägerin gewendet, . werde ich wohl in die öffentliche Schule schicken müssen; Gouvernante und Erzieher kosten zu viel Geld!" „Ich ziehe auch aus anderen Gründen den öffentlichen dem Privatunterricht vor," entgegnete Frau Rosa; „die Kinder werden selbstständiger, ihr Lerneifer wird mehr angeregt, ihre Fehler und Untugenden lassen sich leichter beseitigen." „Tantchen, Du willst doch nicht sagen, daß wir Fehler und Untugenden hätten?" fragte verletzt die muntere Claire. „Darüber ein anderes Mal, mein Kind," entgegnete ernst die Tante. „Ihr werdet selbst im Verkehr mit anderen Kindern aufleben und Euch sicher nicht nach der Zeit zurücksehnen, da Ihr allein lernen mußtet!" XVI. Eine kleine Wolke. „Da kommt er endlich!" rief Jlka, die keinen Blick vom Fenster gewendet hatte. Wer konnte der „er" anders sein als Dr. Sanders. Freudestrahlend trat er bald hernach ein. Kaum gönnte er sich Zeit, Onkel Leo zu begrüßen. Er fühlte Jlka's fragenden Blick auf sich gerichtet, sah die Unruhe in ihrem ganzen Wesen und konnte sich die kleine Genugthuung nicht versagen, sie, die ihn monatelang an sich und ihrem besseren Selbst hatte zweifeln lassen, für einige Momente auch in Zweifel zu versetzen. „Sprich, Ellimar," flüsterte sie ihm zu, „keine Nachricht?" „Nicht die erhoffte!" sagte er kurz. „So ist Dein Freund nicht energisch vorgegangen," entgegnete sie ganz fassungslos. „Stellt er Bedingungen?" „Keine!" erwiderte Sanders. „Und das sagst Du mir in so gleichgültigem Tone?" rief Jlka, immer bleicher werdend. „Was kann er wollen?" „Er geht einfach auf Deinen Vorschlag bezüglich der Abfindung nicht ein," sagte Dr. Sanders. „So rede doch," drängte Jlka, „ich vergehe vor Aufregung! Wie war der Gang der Unterhandlung?" „Was habt Ihr denn?" fragte jetzt Onkel Leo, dazwischentretend. „Ich habe," entgegnete vr. Sanders, „einen Collegen in Venedig beauftragt, mit Graf Zandos zu verhandeln. — Jlka war bereit, um die Sache abzukürzen, und weil sie voraussah, daß der Graf vielleicht eine Summe verlangen würde, auf all' ihren werthvollen Schmuck zu seinen Gunsten zu verzichten. Nun schreibt mir mein , Freund, daß der Graf ihn gar nicht vorgelassen, obgleich er zweimal bei ihm war; er schrieb ihm, um was es sich handle, daß die Scheidung notariell und gerlchtlich beglaubigt sein müsse; — vom Grafen kam acht Tage lang keine Antwort, wohl aber eine vom dortigen Gericht, die mir Freund Selbio, da er meine Unruhe kennt, soeben telegraphisch mittheilt." (Fortsetzung folgt.) Otto von Leixner über den „Phiidon. Der bekannte Litteraturhistoriker O. v. Leixner urtheilt über Mendelssohn's „Phädon" wie folgt: „Der „Phädon" ist, wie jedes andere echte Geisteswerk, nicht nur ein Buch, er ist ein Mensch, d. h. das reine Ergebniß des Innern, die lebendige That eines idealen Geistes, der nicht nur zur Uebung denkt, sondern seine Gedanken erlebt hat. Und diese Eigenschaft ist es, welche allein den Buchstaben lebendig macht; sie allein ist es, von welcher bleibende Wirkungen ausgehen können. Nur wahre, selbsterworbene Ueberzeugungen können die Seelen der Leser ergreifen, und Mendelssohn war in tiefster Seele von der Wahrheit des Unsterblichkeitsgedankens überzeugt. Diese Ueberzeugung durchdringt auch seine ganze Weltanschauung und seine sittlichen Grundsätze; deshalb sind seine Schriften heute vielleicht noch eben so nutzbringend, wie damals, weil sie gegen die flache Aufklärung zu Felde ziehen, welche nur zerstören und spotten, nicht aber aufbauen und begeistern kann. In unfern Tagen, wo wieder einmal ein seelenmordender Rationalismus und neben ihm eine starre Glaubenstyrannei ihre Häupter erheben, ist es doppelt nöthig, immer und immer wieder auf jene Geister hinzuweisen, welche als Priester des Einen und Ewigen ihrem Zeitalter die lauterste Menschlichkeit zur Pflicht gemacht haben. Die Geschlechter der Menschen welken hin; die Worte ihrer Genien bleiben zum Erbe, mit welchem die Enkel weiterschaffen können. Aber die Gedanken müssen zu Thaten werden, die edelste Menschlichkeit, deren Gebote sie enthalten, muß als die leitende Macht hinaustreten in das Gewirr des Daseins; sie muß, wo jetzt Glaube dem Glauben, Selbstsucht der Selbstsucht gegenüber stehen, ihr versöhnliches Wort sprechen. Der Geist, welcher den „Nathan" und den „Phädon" schuf, ist kein Irrlicht, sondern eine Flammensäule, welche Himmel und Erde, Gott und Menschheit vereinend, vor uns dahinschwebt, um uns aus den Wirrnissen einer Zeit zu führen, die alles Ideale zu tödten sucht. Und die Jugend ist es vor Allem, welche ihre Blicke nach ihr wenden und sich die sittliche Begeisterung wieder erwecken soll, um, wenn sie einst zur Mannheit gereift, das Wort von der Menschlichkeit, Liebe und Duldung zur That zu gestalten!" Ans dem Prophetenbuch in der Kinderstube. Daß jene weltberühmte, am letzten Paffahtage in den Synagogen verlesene prophetische Schilderung von den Merkmalen der messianischen Zeit einst in der Kinderstube eines württembergischen Landpfarrers seine Erfüllung finden würde, hat sich Jesaias, trotz seines Prophetenblickes, wohl nicht träumen lassen. Und doch ist das der Fall. In dem jüngst herausgegebenen Nachlaß des namentlich als Dichter von Kinderliedern hochgeschätzten, früh verstorbenen Pfarrers Carl Schmidt ein findet sich nämlich auch das folgende: