Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1886
- Issue
- 20 (1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- Seite 76 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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schmerzender Lebenskraft verbrauchen. So wanderte Sie von Stadt zu Stadt, von Land zu Land. Doch nicht die in den ersten Sonnenstrahlen erglühenden Bergkuppen der Schweiz mit ihren eisstarrenden Gletschern und tiefblauen Seeen, nicht die wunderbaren Kunstgebilde in den Galerieen von Venedig und Florenz, nicht die ehrwürdigen Ruinen auf Rom's historischen Boden, vermochten ihr die Brust zu weiten und sie zu erheben aus der engen Umfriedung ihres eigenen, zerrütteten Daseins. Sie fühlte, daß ihr zum Erfassen der einzelnen Gestaltungen des Schönen, wie des sie zum Einheitlichen verbindenden Gedankens, zum Sich-versenken in die Weltseele, doch die Reinheit der eigenen, der kindlich-naive Sinn abhanden gegangen war. Sie gab es zuletzt auf, durch den Anblick des Vollendeten, der Freiheit in Kunst und Natur, aus den Fesseln der Persönlichkeit sich zu lösen und schritt nun, ohne Vermittlung, an die Ausführung eines Vorhabens, zu dem sie sich eben längere Zeit stählen und vorbereiten wollte. Mit schnellem Entschluß packte sie eines Tages ihre Koffer und machte sich auf die Reise direct nach Z., ihrem Heimathsorte. * * * In dem kleinen Städtchen, das, wie wir wissen, nicht oft in der glücklichen Lage war, den ruhigen Kreislauf der Tage durch ein besonderes Ereigniß unterbrochen zu sehen, hatte die Flucht Lea's und die aus derselben sich ergebenden, tragischen Umstände einen unverwischbaren Eindruck zurückgelassen. Lea's Eltern waren, in Folge der Schande und des Kummers, kurz nach einander gestorben, die Geschwister ausgewandert, um dem, in unzähligen Variationen behandelten. ihnen so nahegehenden Gesprächsthema zu entfliehen, und die Flüche und Verwünschungen des zum äußersten aufgestachelten Fanatismus, wie des verletzten Familiengefühles, häuften sich auf das Haupt der Urheberin alles dieses Unheils. Heute noch, nach sechs langen Jahren, sprachen die Alten mit demselben Ausdruck sittlicher Entrüstung von „der Abtrünnigen", erzählten die Jungen der aufwachsenden Mädchengeneration, in scheuem Flüstertöne, von „der Prinzessin", die den Kopf immer so hoch trug, den Umgang der Gespielinnen mied und durch den Hochmuth zu Falle kam. ^ca, die ihre Kindheit und erste Jugend außerhalb des Freundes- und Familienkreises verträumte, kannte nicht recht den Geist der Bevölkerung: sie hatte demnach keine Ahnung von der feindseligen Stimmung die ihr begegnen sollte, keine Ahnung auch von der Trauerbotschaft, die ihrer wartete. - (Schluß folgt.) Versöhnt! M Original-Roman von Jda Barber. (Fortsetzung.) Inzwischen war der letzte Möbel-Transport angetaugt, alles Gegenstände, die in dem engen Raume nicht placirt werden konnten und die, da sich so schnell kein Käufer gefunden, in der Remise untergebracht werden mußten. Früher als sonst verließ heute Alois Braun sein Comptoir. Der Weg hinaus war weit; es war ihm unheimlich, die neue, gewiß elend aussehende Wohnung zu betreten; am liebsten wäre er in der Stadt geblieben, doch er hatte Jlka sein Wort gegeben, daß er kommen wolle; er durfte sie nicht warten lassen. Mißvergnügt schleuderte er die Straßen entlang; schmecken, so dachte er, würde es ihm heut sicher nicht! Solch' ein Wechsel vom Reichthum in's Elend, vom Wohlleben in die Wüste, die sich Entsagung nennt. — Und wie werden sich die Kinder in den veränderten Verhältnissen fühlen? O die Bedauernswerthen, die so früh des Schicksals finsterer Mächte kennen lernten! Ihn schauerte, als er jetzt das Haus Nr. 22 betrat. Im ersten Stock sollte die Wohnung sein; er stieg hinan; ja, da war ja auch schon ein Porzellanschild mit seinem Namen angebracht und an der Thürpfoste — die Mesuse! Er staunte; wer war auf diesen Einfall gekommen? 76 - pi ' Sich selbst unbewußt, küßte er, wie er ehedem im Elternhause gethan, die Mesuse und im selben Augenblick öffnete sich die Thür. ‘ e,Leo, Du hier?" rief der Ueburaschte, indem Thränen ihm in die Augen traten. Die Brüder hielten sich lange tu stummer Umarmung. „Das lohne Dir Gott!" sagte Alois endlich. „Keine Stunde verging, ohne daß ich daran dachte, ich müßte Dich sehen, Dir danken, Dich um Verzeihung bitten!" „Ich wäre früher gekommen," sagte der Bruder, „Euch zu rathen und beizustehen; aber ich sandte Euch ja mein Bestes, was ich hatte, meine Rosa; jetzt bin ich gekommen, sie heim zu holen." „Du wirst doch nicht heute reisen, heute am Erew- Jontof?" fragte betroffen Alois Braun. „Ja, wenn ich wüßte, daß ich bei Euch Jontof halten kann, bliebe ich hier," entgegnete der Bruder. „Thue es mir zu lieb," bat, seinen Kopf an Leo's Schulter legend und mit schweren Erinnerungen kämpfend, der ernste Mann. — „Seitdem ich zurückgekehrt, bin ich ein besserer Jude, als ich je einer gewesen; es hat mir nur Jemand gefehlt. zu dem ich mich darüber aussprechen konnte!" — Die Brüder hatten, Arm in Arm gelehnt, aus dem Sopha Platz genommen. Alois schien so bewegt, daß er laut hätte aufschreien mögen, doch, sich beherrschend, drückte er dem Bruder verständnißinnig die Hand. Beide schwiegen. „Ja, der Ernst des Lebens hat mich gewaltig gepackt," sagte Alois nach einer Weile. „Es ist mir, als hätte ich eine schwere Krankheit durchgemacht, als sei ich noch Reconvalescent. Doch Du, Leo, erzähle mir, Du bist glücklich! Du nennst ein liebes Weib und gute Kinder Dein eigen, Dein Geschäft prosperirt, Du willst nicht mehr sein, als Du bist und findest Dein Glück in der Achtung, die man Dir von allen Seiten entgegenbringt." „Wahr gesprochen," sagte Leo, des Bruders Hand fester drückend. „Dennoch, glaube mir, ganz zufrieden war ich nicht; mir fehlte etwas, das ich nicht erringen konnte." Und als Alois ihn fragend anblickte, fuhr er bewegt fort: „Deine Zuneigung, Alois, Deine brüderliche Liebe! Du weißt, wie wir einst, als Kinder zu einander hielten, wie ich hernach, als Du so schnell Carrisre machtest, bewundernd zu Dir aufblickte; Du warst mir der Inbegriff alles Guten; da plötzlich erkaltete Dein Herz; Du vergaßest des Bruders, er war Dir ein Fremder geworden; das, siehst Du, Alois, das hat mir meine frohesten Stunden verbittert. — Ich hätte nie glücklich sein können, ohne mich mit Dir ausgesöhnt zu haben. Das Schicksal hat es gefügt, daß ich für Dich eintreten mußte; Du hast jetzt anerkannt, daß Dir Dein Bruder denn doch mehr werth ist, als all' die Schönredner, die an gut besetzter Tafel Dein Lob sangen, und, als die Tafel nicht mehr lucullische Mahle bot, Dich — verließen. Das ist mir genug, Alois, ich weiß, ohne daß Du es mir sagst, daß ich Dich wieder gewonnen; wie sehr mich diese Errungenschaft freut, beweise ich Dir dadurch, daß ich zum ersten Male seit 25 Jahren am Jontof mein Haus verlasse; wir wollen die hohen Festtage zusammen feiern, Bruder, wie einst daheim im Elternhaus und der Geist des braven Vaters, der gottseligen Mutter wird bei uns sein; wie lange sie uns auch entrückt sind, es ist mir noch, als lebten sie mit uns, denn bei Allem, was ich thue, bin ich bestrebt, in ihrem Sinne und Geiste zu handeln." „Siehst Du, Alois," fuhr er lebhaft fort, als er sah, daß der Bruder seine Thränen kaum zurückhalten konnte, „das ist Gottes Segen, der auf meinem Hause ruht. — Lebe auch Du im Sinne und Geiste der Eltern, sei wie sie religiös, bescheiden, im engen Kreise zufrieden, auch Dir wird jenes stille Glück nicht fehlen, das das Leben Werth macht, geliebt zu werden." —