Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1886
- Issue
- 19 (1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- Seite 73 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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73 — einer Dienerin gut in Ordnung! Ich denke, wir bitten die Tante, uns nach ihrer Weise ein trautes Heim, in dem es sich wohl sein läßt, einzurichten; alles Uebrige wird verkauft, verwertet und, wenn es uns wieder mal recht gut geht und Dein Sinn noch darnach steht, Vater, da kannst Du es ja wieder anschaffen," setzte sie begütigend hinzu. „Du irrst, wenn Du glaubst, Tochter, mein Sinn sei auf solchen Tand gerichtet; ich habe jetzt nur das eine Ziel vor Augen, meinen Gläubigern in kürzester Zeit gerecht zu werden!" Wie ein Lauffeuer hatte sich die Kunde durch die Stadt verbreitet, daß Alois Braun zurückgekehrt sei. — Man besprach seine Abwesenheit in gutem und bösem Sinne, doch als ein neues Gesprächsthema aufs Tapet kam, hatte man den Fall Braun vergessen und da der Accord unter der Hand beendet war, Braun Alles that, um seine Gläubiger zufrieden zu stellen, vergaß man bald, daß die Affaire überhaupt als was Sensationelles aufgefaßt worden. Die drei Braun'schen Häuser wurden aus freier Hand verkauft, der Erlös derselben reichte hin, 50 Proc. gleich zu zahlen; im Nu war die Stimmung umgeschlagen; alle diejenigen, die Braun einen Betrüger, einen Ehrlosen nannten, waren jetzt, da er seinen ganzen Besitz veräußerte, geneigt, ihm ihre Sympathie zu bezeugen. Die Equipagen und Pferde wurden verkauft, die Dienerschaft entlassen, die Geschäfts-Localitäten bedeutend vereinfacht, die Familie bezog in einer fernen Vorstadt eine kleine, aber freundliche Wohnung. Mit Hilfe der praktischen Tante Rosa war selbige im Verlauf von kaum 8 Tagen eingerichtet. Alois Braun arbeitete unermüdet; er vergaß an Speise und Trank, an Ruhe und Erholung. „Vater," sagte Jlka, als sie die große Wohnung geleert, „heut' nimm Abschied von diesen Räumen, wir speisen Mittag schon draußen; Tante Rosa hat bereits Alles vorbereitet." „Ich werde kommen," sagte der Vater, „wenngleich der Weg ein wenig weit! Mich befremdet nur," setzte er nach einer Weile hinzu, „daß die Tante so lange bei uns aushält. Du weißt, morgen ist Rosch-haschono, sie wird doch sicher zum Feste zu Haus sein wollen!" „Ich glaube kaum," entgegnete Jlka. Sie nahm Hut und Shawl, warf, da der Möbelwagen unten voll bepackt stand, noch einen wehmüthigen Blick auf all' die reich mit Stuck und Sammettapeten ausgestatteten Zimmer, reichte dem Vater die Hand und eilte dann, um ihn nicht die ihr Gesicht benetzenden Thränen sehen zu lassen, die Stiege hinab. Schnell sprang sie in den unten stehenden Fiaker und fuhr dem fernen Vorstadthause zu, das einstweilen ihre neue Heimath sein sollte. Die für die Wohnstuben bestimmten Möbel waren schon -gestern hinausgeschafft worden, die Tante hatte Alles schön geordnet, Blumen standen auf dem Tische, an den Fenstern, weiße Vorhänge überall. — Jlka konnte sich nicht enthalten, beim Betreten der Wohnung auszurufen: „Aber hier ist es ja reizend schön! Wir werden unsere elegante Wohnung kaum vermissen! Wie hast Du das nur ohne Hilfe fertig gebracht, Tantchen?" „So ganz ohne Hilfe nicht," entgegnete Frau Rosa, auf das Seitenzimmer deutend. „Schau mal nach, ob da nicht Jemand ist, den auch Du gerne siehst! „Onkel Leo," rief Jlka hoch erfreut, „dachte ich es mir doch, Du würdest uns in unserem neuen Heim begrüßen, oder — setzte sie zögernd hinzu — bist Du gar gekommen, uns die Tante zu entführen?" „So bald noch nicht," entgegnete schelmisch lächelnd der Onkel. Wir haben nämlich einen Plan vor, bei dessen Ausführung Du uns behilflich sein mußt!" „Und der wäre?" forschte Jlka. „Wir wollen Euch helfen, die Feiertage, die, wie ich vermuthe, Euch, falls Ihr allein wäret, doch recht traurig vergehen würden, angenehm zu verbringen. Im Grunde seid Ihr ja doch Alle noch Kinder Israels, das Taufwaffer hat Euch keinen Segen gebracht. — Die Tante wollte sich gerade jetzt nicht von Euch trennen und ich — ich wollte selbstverständlich meinen Jontof nicht ohne die Tante verleben; so bleiben wir denn bei Euch und denken —" „Das ist ja herrlich" unterbrach Jlka den Onkel; „o und wie sich der Vater freuen wird; erst vor einer Stunde sprach er davon, daß er sich wundere, warum die Tante, da doch morgen Rosch haschonoh ist. nicht heimfährt! „Also denkt er doch daran!" sagte sichtlich erfreut der Onkel. „Er hat sich auch vorgenommen, morgen, obgleich er es seit Jahren nicht gethan, in den Tempel zu gehen", entgegnete Jlka; „nur sagte er mir, es sei ihm eigen, Jeder werde ihn anstaunen — „Ich werde ihn begleiten", entgegnete freudig Leo Braun; „mein Werk soll es sein, ihn mit seinen Gott auszusöhnen, damit er wieder glücklich sein kann!" _ (Fortsetzung folgt.) Adolf Cr«mie«x und die Rachel. Die „Revue politique et litteraire“ in Paris hat jüngst aus der Autographensammlung Cremieux' eine Anzahl Briefe bedeutender Zeitgenossen an ihn veröffentlicht, darunter auch mehrere der Rachel Felix, die über diese große Tragödin manches Interessante enthalten. Kaum achtzehnjährig, im Beginn ihrer Laufbahn, hatten ihre Eltern sie 1838 in das Haus dieses berühmten Advocaten eingeführt und bald war sie dort der Liebling des Hauses geworden. Die Rachel war damals von schmächtigem, zarten Körperbau, aber graziös in allen ihren Bewegungen, mit schwarzen, kleinen Augen voll tiefer Gluth, schmalen Lippen und von bezaubernder Liebenswürdigkeit. Dazu besaß sie ein entzückendes, volltönendes, durchdringendes Allorgan, einen bewundernswerthen Theaterinstinkt, war aber ohne jegliches Wissen. Cremieux, des sehr bald ihr eminentes Talent erkannt hatte, unternahm er selbst, sie zu bilden und ihre Rollen mit ihr einzustudiren, bei ihrer kaum glaublichen Unwissenheit eine gewiß nicht leichte Aufgabe. Hier einige Beispiele für viele: Als sie die Bibel las, fragte sie, was Firmament sei. Als sie in Corneille's „Horatiern" einen großen Erfolg errungen hatte, war sie bei Cremieux zu Tische geladen. Ein begeisterter Zuschauer aus Bordeaux schilderte ihr sein Glück, dieser Vorstellung beigewohnt zu haben. „Man weiß nicht," schrieb er ihr, „in welchem Augenblick man Sie mehr bewundern soll, ob bei dem Fluch, den man nie mit so viel tragischer Wuth ausgesprochen hat, oder in der Scene, wo Sie den Tod von Curiace vernehmen. Welch' herrliche Pantomime, wie das Qu’il mourut! D daß er sterbe! ausgesprochen wird!" Rachel neigte sich zu Cremieux, neben welchem sie saß und fragte ihn ganz leise: „Was ist das: Qu’il mourut?" „Still." antwortete Cremieux, „ich will es Ihnen nachher erklären." Als die Gäste sich empfohlen hatten, fragte Cremieux sie: „War es ihr Ernst? Wissen Sie wirklich nicht, was das berühmte Qu’il mourut sagen will?" „Nein, ich versichere Sie." „Was lesen Sie denn, wenn Sie ihre Rolle studiren?" „Meine Rolle und die Stichwörter." Die Antwort gab Cremieux Veranlassung, seine Schülerin stets mit der Geschichte der Heldinnen, die sie darstellten, bekannt zu machen. Um diese Zeit hatte Rachel mehrfach den Wunsch geäußert> die „Phädra" von Racine zu spielen. Cremieux suchte das aus naheliegenden Gründen dem jungen Mädchen auszureden, indem er vorgab, sie sei noch zu jung, um diese Rolle zu verstehen.