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Jüdisches Familienblatt · 1886-01-01 · 19 (1886) · p. Seite 72

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1886
Issue
19 (1886)
Date
1886-01-01
Page
Seite 72 (sequence 2)
Language
German
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— 72 — „Ich bin nun stark genug und Sie sollen sehen, wie tapfer ich mich halten werde", sagte sie mit trübem Lächeln. Und zum ersten mal erzählte sie der erstaunt zuhörenden Matrone die Geschichte ihrer Vergangenheit: von dem Mangel an Verständniß, der ihrer Jugend Fluch gewesen, von der Einsamkeit ihres Herzens, die ihr das Sprengen der ohnehin lockeren Familienbande erleichterte, von dem verschiedenen Glaubensbekenntnis des Geliebten, ihrer Flucht aus dem Elternhause und der später sich einstellenden, verzehrenden Reue. „Und dann", so schloß sie ihren Bericht, „hat mich zu all dem früheren Weh. noch die Vorstellung gepeinigt, daß ich der Unstern war, der meinen Mann aus seinen geordneten Verhältnissen hinaus in die Wirrniß eines freudlosen Daseins, immer weiter, weiter, bis in den Tod trieb. Doch nein, das wäre zu viel, eine zu schwere Bürde für das sieche Herz. In den Tagen der Rcconvalescenz, in den vielen Stunden ruhiger Selbstprüfung, mußte ich mir doch sagen, daß ich gegen Stefan nicht gesündigt, daß ich mein Leid, so weit cs nur irgend möglich war, tief in der schmerzenden Brust verschloß, daß er glücklich war durch meine Liebe und daß, wenn ihm schließlich doch eine Ahnung meines Seelenzustandes aufging und er dadurch litt, es ohne mein Hinzuthun geschah, weil er eben mittragen mußte an den Folgen der bösen That oder des Verhängnisses, dem wir beide unterlegen sind." _ (Fortsetzung folgt.) Versöhnt! 49 Original-Roman von Jda Barber. XV. Die Umkehr. „Laßt den Vater jetzt mit Sanders allein," wehrte Frau Rosa, „die Kinder mit sich fortnehmend; „ich glaube, er wird ruhiger zu uns zurückkehren, wenn er erfährt, wie Alles geworden!" Die beiden Männer gingen in das Privat-Comtoir und conferirten lange miteinander. Alois Braun, der sonst so stolze, hochfahrende Mann, saß, den Blick zur Erde gesenkt, vor vr. Sanders, als dieser ihm mittheilte, wie man mit Feini unterhandelt, wie die verschiedenen Gläubiger-Versammlungen abgelaufen, wie sein Bruder sich für ihn auf Jahre hinaus verpflichtet, nur um das Geschäft und die Ehre des Namens zu erhalten. Als Sanders geendet, saß Braun noch lange schweigend an seinem Pult; er schrieb und rechnete, entwarf und verwarf Zettel, endlich stand er auf. „Sanders," sagte er, „ich will und mag Ihnen nicht danken, da ein in flüchtigen Worten ausgesprochener Dank nicht ausreichen würde, das, was Sie mir gewesen, gebührend zu lohnen. Sie tragen den Lohn Ihrer That in sich! Sie werden so glücklich werden, wie Sie es verdienen; was mein Kind vermag, Ihr Glück zu erhöhen, das wird ihrerseits geschehen; ihr ganzes Leben wird nicht ausreichen, Ihnen —" „Aber weshalb diese Betheuerungen," unterbrach Dr. Sanders; „Sie rechneten soeben; haben Sie bereits einen Ueberschlag gemacht, ob Sie bei normalem Geschäftsgang die Zahlungen so, wie wir sie mit Hilfe des Procuristen berechnet, einzuhalten seien?" „Ich hoffe es," sagte Alois Braun; „in fünf Jahren dürfte dann die Schuld getilgt sein." „Wir hätten vielleicht günstigere Bedingungen erzielt," sagte Or. Sanders, . wenn wir die Sache in die Länge gezogen hätten; indeß uns schien ein Accord unter der Hand besser, als eine gerichtliche Einigung; das Geschäft hätte gelitten und —" „Ganz meine Ansicht," pflichtete Alois Braun bei; „Sie und Leo haben ein Meisterstück bewiesen; nicht in meinen kühnsten Träumen hätte ich annehmen können, daß eine so gute Einigung erzielt werden würde!" „Ohne Feini's thatkräftige Unterstützung," entgegnete Sanders, „wäre es auch kaum möglich gewesen! Ihres Bruders That hat ihm imponirt. Er selbst ist zu vielen der größten Bankiers gefahren und hat privatim für Sie gesprochen. Man darf den Juden nicht fallen lassen, sagte er noch gestern vor der Sitzung zu einem mir befreundeten Advocaten, der einen Hauptgläubiger vertrat; ich kenne die Familie, sie sind alle durch und durch brav, der Bruder opfert sein Vermögen, die Tochter ihre Mitgift, die Frau nimmt sich, gar die Sache so zu Herzen, daß sie —" „Ja, die arme Rachelle," unterbrach tieftraurig Braun; „wir Alle werden leben, vielleicht mit Gottes Hülfe noch glücklich werden, sie hat den Schlag nicht verwinden können!" Um den gebeugten Mann zu beruhigen, erzählte ihm Sanders, wie er und Jlka zugegen geweien, als der Herzkrampf sich einstellte, wie es noch ein Glück gewesen, daß der Tod im Moment eintrat, daß er der Verstorbenen das Geleit gegeben, an ihrem Grabe statt seiner gebetet habe. „Und Norbert?" fragte der Vater. „Niemand weiß, wo er sich aufhält," entgegnete Sanders. „O Gott," rief Braun schmerzerfüllt, „wie bin ich gestraft, solch' einen Sohn zu haben! Sie aber, fuhr er nach einer Weile, sich tiefbewegt zu Sanders wendend, fort, „Sie haben sich mir, wie weh ich Ihnen auch gethan, als treuer Sohn bewiesen! Beschämt gestehe ich ein, daß ich Sie verkannt. — Ich frage nicht, ob Sie mir verzeihen. Ich habe Sie zu bitter gekränkt, als daß Sie es könnten, doch der Braun von damals, lieber Sanders, er ist nicht mehr, er war ein armer, ein von tausend Hochmuthsteufeln geplagter Mensch, der, glauben Sie mir, nicht zurechnungsfähig war; der jetzt heimgekehrte Braun hat nichts mit jenem Anderen gemein; er wird schlicht und recht arbeiten, um seinen Verpflichtungen gerecht zu werden und wird die Menschen nach ihrem wahren Werth, nicht nach ihren Titeln beurtheilen!" „Daran thun Sie gut!" sagte bewegt Or. Sanders. „Doch lassen wir das Vergangene. Ich bin reich belohnt, daß Alles sich so gewendet. Nur sagen Sie mir, haben Sie keine Handhabe, Graf Zandos zur schleunigen Lösung der Ehe zu zwingen?" Braun überlegte eine Weile. „Man wird ihm einfach drohen," sagte er, „wenn er nicht sofort in Alles willige, die Summe zu veröffentlichen, die er von mir erhalten, um seine Schulden zu bezahlen!" „Ein zwar nicht gewähltes, aber sehr probates Mittel," sagte Or. Sanders; „da Sie mir wohl nachfühlen können, was ich gelitten und wie sehnlich ich eine Vereinigung mit Jlka wünsche, bitte ich in diesem Sinne mit dem Grafen zu unterhandeln." „Es ist das Geringste, das ich Ihnen als Gegendienst leisten kann!" sagte Alois Braun. Jlka hatte inzwischen den Kaffee servirt und bat, daß man ihr in's Speisezimmer folge. Der Vater war erstaunt als er eintrat, die theuren Bilder nicht zu finden. „Ja, jetzt heißt es Verzicht leisten," sagte er. — „Es war wohl überhaupt gefehlt, sich mit solchem Ballast zu beladen. Die Idee, repräsentiren zu müssen, wollen wir fallen lassen! Was meinen Sie, Sanders, wenn ich das Haus sammt Inventar verkaufe?" „Ich stimme Ihnen vollkommen bei," entgegnete Sanders. „Man wird Sie um so höher schätzen, je mehr man einsieht, daß Sie den veränderten Verhältnissen Rechnung tragen. — Ein Käufer dürfte sich leicht finden, da das Haus eines der schönsten der Stadt ist!" „Und Deine Meinung, Jlka?" forschte Alois Braun. „Auch ich stimme Ellimar bei," entgegnete die junge Frau. „Wenn Gott unsere Wünsche erhört, werde ich ja bald das Vaterhaus verlassen; Du bist dann allein mit James und Claire; wozu für Euch diesen ganzen Apparat von Dienern und Mägden, die wiederum der 12 Zimmer wegen gehalten werden müssen! Ich habe es bei der Tante Rosa so traulich schön gefunden; sie hat einen Salon, ein Speise-, ein Wohn-, ein Schlafzimmer, hält das Alles mit

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