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Jüdisches Familienblatt · 1886-01-01 · 19 (1886) · p. Seite 74

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1886
Issue
19 (1886)
Date
1886-01-01
Page
Seite 74 (sequence 4)
Language
German
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— 74 — Eines Tages kam Rachel triumphirend zu ihm. „Ich kann die Rolle der Phädra. Soll ich sie Ihnen deklamiren? Sie werden mir sagen, wenn ich etwas nicht verstehe." Sie deklamirte wirklich auf anerkennenswerthe Art. Cremieux war aber überzeugt, daß sie dennoch noch Größeres leisten könne. „Ist Ihnen die Geschichte dieser Phädra bekannt, die so schuldvoll und so unglücklich ist?" fragte sie Cremieux. „Nein," antwortete Rachel und bat ihn, sie ihr zu erzählen. Aber wie sollte Cremieux es anfangen, um eine solche Geschichte vor so keuschen Ohren zu erzählen. Dennoch wußte er ad usum Delphini ihr die Sache begreiflich zu machen. „Wollen Sie." begann Rachel, als er geendet, „daß ich Ihnen von Neuem meine Rolle aufsage?" Und jetzt stellte sie wirklich die erhabene, antike Phädra dar, welche von sträflicher Leidenschaft verzehrt wird, die sie unfähig zu bekämpfen ist. Cremieux war starr, ob dieser Umwandlung. Jetzt erlaubte er ihr, die Phädra zu spielen, die von nun an ihr so große Triumphe bereiten und sie zur Löwin des Tages machen sollte. Und Niemand von denen, die sie anstaunten, hatte wohl eine Ahnung davon, wie mangelhaft es immer noch mit ihrem Wissen bestellt und wie sie nicht einmal im Stande war, ein orthographisch richtiges Briefchen zu schreiben. Da war es denn Pupa Cremieux. der in solchem Falle den Retter in der Noth machte. Er verfertigte die Brouillons vieler ihrer Briefe, die man der Rachel zuschrieb. Oft, wenn man von ihren Billets und Briefen entzückt war, bekam er Briefe in die Hände, die — er selbst verfaßt hatte. Es ist bekannt, wie laufleuerartig schnell sich ihr Ruhm über die Grenzen Frankreichs hinaus verbreitete. Ihre Gastspiele in London in den Jahren 1839—41 waren wahre Triumphzüge und rührend ist es, kindlich nnd liebenswürdig, wie sie ihrem Protector darüber berichtete. Leider sollte aber bald nach ihrer Rückkehr aus England das gute Einvernehmen zu Cremieux einen unheilbare» Riß bekommen. Es wurde über sie, die bisher Dank dem Einfluß Cremieux' und seiner Gattin durchaus tugendhaft und sittenrein galt, bedenkliche Gerüchte laut und Frau Cremieux interpellirte sie brieflich hierüber. Anfangs leugnete Rachel. Nach einiger Zeit aber verlauteten bestimmtere Thatsachen. Frau Cr. schrieb ihr abermals und verlangte Aufschluß hierüber und als dieser ausblieb, schickte Cremieux seinen Diener zu ihr, doch der kam mit der betrübenden Antwort zurück: „Fräulein Rachel läßt sagen, daß es keine Antwort giebt." Damit war Alles zu Ende. Rachel erschien nicht mehr im Cremieuxschen Hause. 1848 in der Revolutionszeit erhielt Cremieux, der damals Justizminister geworden war, zum ersten Mal wieder einen Brief von ihr, worin sie um tine Adienz bat. Auch Frau Cremieux hatte gleichzeitig nachstehendes Schreiben von ihr erhallen. „Der vollständige Umsturz aller vergangenen Dinge giebt mir die Kühnheit, Sie um das Interesse und die Freundschaft zu bitten, die Sie ehemals dem jungen Mädchen bezeugt haben. Wenn ich mich heute zu diesem Schritt ermuthigt fühle, so ist es, weil meine Gesinnungen und mein Betragen mich des Appells an Ihr Herz würdig machen. Schon hat der Justiz minister mich mit Güte empfangen; Sie, die Sie Frau und zärtliche Mntter sind, werden Sie Ihre Arme der aufrichtig Bereuenden zu öffnen verweigern? Ihr wohlwollendes Lächeln giebt mir die Hoffnung; ich habe es übrigens nöthig, denn ich werde als Phädra auftreten vor dem großen, französischen Volke, und um mich seines Beifalls würdig zu erweisen, muß mein Herz voller Hoffnungen und edler Gefühle sein." Man sieht, jetzt hatte sie auch Briefe schreiben gelernt. Trotzdem blieb ihr die Familie Cremieux verschlossen. Diese hatte eine Tochter, die eben heranwuchs; dieses allein, von andern Gründen abgesehen, machte es unmöglich, Rachel wieder in ihren Kreis aufzunehmen. Frau Cr. schrieb ihr einen aufrichtigen Brief, auf welchen Rachel mit einigen verletzenden Worten antwortete. Gleichwohl bewahrte sie der Familie Cr. ihre alte Anhänglichkeit, so daß sie, als sie 1854 mit dem Theaterdichter Legonvv, in dessen „Medea" sie auftreten wollte, in einen Proceß gerieth, Cr. um Vertretung, ihrer Rechte bat. Cremieux sagte zu. Seine Tochter war verheirathet und nun empfand er keine Scrupel mehr, sie zu empfangen. „Sie mag kommen," sagte er zu ihrer Mutter,, „das wird mich 16 Jahre verjüngen; ich werde mich in das 1838 versetzt glauben." Diese Worte erwiderte Rachel mit einem herzlichen Schreiben, worauf sie sich bei Frau C. einfand. Sie kam von nun an oft und war stets voller Einfachheit und natürlichen Esprits. Sie starb am 3. Januar 1858, 38 Jahre alt. Ihre Familie übersendete Cremieux eine herrlicheAusgabe französischerKlassiker aus ihrer Bibliothek. _________ M. Wbg. Allerlei für den Familientisch. Auch ein Stammbrrchver». Als Saphir — einst bei Herrn v. Rothschild zu Gaste — von diesem aufgefordert wurde, sich in sein Stammbuch einzuschreiben, schrieb ihm dieser: „Leihen Sie mir 100 Friedrichsd'or und — vergessen Sie mich", worauf Rothschild die Worte darunter setzte: „Ich schenke Ihnen hundert Friedrichsd'or und vergesse sie und — Sie." M. W. Htiithsel- Aufgaben. I. Deutsches Logogryph. Von 6. in R. Im alten Tempel war's zu sehen, Zu sühnen Sünde und Vergehen; Nimmt's Herz die erste Stelle ein, Jst's auch in neueren insgemein. II. Zweisprachiges Silbenriithfrl. Von 0. in R. In Südeuropa sich ein Fluß ergießt, Ein anderer in des Rheines Bette mündet; Wer beide einfach aneinander schließt, Hebräisch in der Küch' das Ganze findet. IH. Scherzfrage. Von I. Kaufmann Lehrer in Esfen. Wann durften die Juden in Palästina ihre Frauen nur an der linken Seite führen? _ Auflösung der Uäthsel in »or. Ur. I. Schöpfer (1. Gefäß zum Schöpfen, 2. der es braucht, 3. Gott.) II. Aboab, Verfasser des „Menoras hamaor". III. nm 'izb pSiO Ein Thor glaubt Alles") Spr. Sal. 14,15. Die richtige Auflösung aller drei Räthsel sandte nur: Leopold Horomitz in Crefeld ein, der die Prämie erhält. Nr. I. errieth noch: Jeanette Haas in Freudeilthal. Nr. II. Abraham Stern in Fulda. Nathan Stern in Köln. L. Kahn in Salmünster. Eckmann in Nienburg. Nr. III. I. Singer in Frankenthal, Eckmann-Nienburg« H. Michaelis in Thorn, L. Cohen-Rees. Verantwortlicher Redacteur vr. Ra hm er, Magdeburg. Druck von L. D. Wolf st Magdeburg. Verlag von Robert Friese, Leipzig. / c

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