Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1886
- Issue
- 19 (1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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uiilifi’li#// Heransgegcben von Dr. M. Rahmer in Magdeburg. Inhalt Die Prinzessin. Eine Erzählung von Agathe Meisels. (Fortsetzung. — Versöhnt. Original-Roman von Ida Barber. (Fortsetzung.) — Adolf Crömieux und die Rachel. — Allerlei für den Familientisch: Auch ein Stammbuchvers. — Räthsel-Aufgaben und Rttthsel-Lvsungen. Die Prinzessin. 18 Eine Erzählung von Agathe Meisel». (Fortsetzung.) Tage und Wochen schwanden in banger Erwartung dahin. Wie tausend andere Gattinnen Mütter, Töchter, sah Lea täglich mit fieberhalter Spannung den Berichten vom Kriegsschauplatz entgegen, die aber wegen des Belagerungscordons, der Paris nahezu erdrückte, nur sehr spärlich einliefen. Die Vorgänge in der Provinz konnten indeß nicht lange Geheimniß bleiben, die Gerüchte von den Niederlagen der heldenmüthigen Kämpfer drangen mit denen der Triumphe der Belagerer in die bestürzte Stadt. Lea's Herz zuckte schmerzhaft zusammen, wie das aller anderen Frauen Frankreichs, und doch wieder anders. Denn während Jene in dem allgemeinen Unglück ihre eigenen blutenden Wunden nahezu vergessen und zur Höhe des Märtyrerthums sich aufschwingen konnten, brütete Lea unaufhörlich über ihr persönliches Leid, das ihre krankhaft aufgeregte Einbildung ihr, als Sühne für vergangene Sünden, erscheinen ließ. Ohne eigentliches Interesse fürdie großen Erschütterungen der Gesammthcit, hing sie nur durch eine einzige Faser mit dieser zusammen, diese Faser allerdings stark genug, um, wenn sie riß, ihr Herz verbluten zu machen. Die furchtbar schnelle Entwicklung, wie die einzelnen Phasen dieses, in der modernen Geschichte, einzig dastehenden Feldzuges, betrachtete sie nur in dem Lichte ihrer subjectiven Beiheiligung. und so war sie wieder einmal, gemäß dem ihr eigenen Verhängniß, dazu verdammt, inmitten einer alle gleichmäßig beherrschenden, gewaltigen Stimmung, isolirt und allein zu sein, «llein mit ihrem wühlenden Schmerz, ihrem nagenden Schuldbewußtsein. Indeß die Einen zu den Barricaden eilten, um für den Tod ihrer frevelhaft geopferten Männer, Väter, Söhne blutige Rache zu nehmen, die Anderen mit voller Hingabe dem stillen Samariterdienste, der Pflege der Verwundeten, sich widmeten, und Alle durch die Größe des nationalen Unheils weit über die Schranken der Persönlichkeit hinweggehoben und zum Heroismus der That oder zum größeren der Ergebung emporgetragen wurden, schlich Lea matt und theilnahmlos in einem Zustande völliger Apathie umher. Sie vernachlässigte ihre Armen, ihre Lieblingsstudien, ihr Kind selbst, vermied jeden Umgang mit Menschen, selbst den ihr so zum Bedürfniß gewordenen im Hause des Herrn Löwy, und als Frau Esther, durch ihr langes Fernbleiben erschreckt, sie aufsuchte, wies sie ihre Annührung wie ihr eifriges Bemühen, sie aus dem trostlosen Hinbrüten aufzurütteln, mit stumpfer Gleichgültigkeit von sich. Nur einer Beschäftigung blieb sie treu: sie las täglich, anfangs mit klopfenden Pulsen, später mit immer wachsender Hoffnungslosigkeit, zuletzt völlig mechanisch, die Verwundetenlisten. Dann setzte sie sich mit gefalteten Händen an's Fenster und schaute starren Blickes in die Weite, als ob sie dort etwas suchte oder sähe, was den Anderen unsichtbar, oder ihr Ohr 1 aufchte mit gespannter Aufmerksamkeit Tönen, die nur ihr hörbar waren. Wer sie in diesem Zustande beobachtete, konnte kaum einem Zweifel sich hingeben über die Krankheit, die ihren Organismus unterwühlte und die nur zu bald zum Ausbruch kommen sollte. Als die Belagerung aufgehoben wurde, und ein theuer erkaufter Friedensschluß den Besiegten die Muße gewährte, die öden Schlachtfelder zu übersehen und die kaum geahnte Ausdehnung der Verluste festzustellen, fand sich in den sorgfältig registrirten Todtenlisten, auch der Name Stephan's. Für Lea, die das Unheil geahnt, war die furchtbare Gewißheit kaum eine Ueberraschung zu nennen, und doch wirkte die Brutalität der Thalsache wie ein betäubender Donnerschlag, und warf sie auf's Krankenlager. Die heftige Gehirnerschütterung hatte ein Nervenfieber zur Folge, das sie wochenlang zwischen Tod und Leben schweben ließ. Esther und die beiden Mädchen lösten sich bei der Kranken ab, die anfangs in den wildesten Fieberphantasien sich erging und dann in einen Zustand völliger Bewußtlosigkeit verfiel, der von den Aerzten als noch bedenklicher bezeichnet wurde. Schier als Wunder erschien es ihnen daher und nicht ihrer Kunst schrieben sie es zu, daß die halbentflohene Seele wieder in ihr Gehäuse, das Verstäudniß in dem erloschenen Auge nach und nach sich einfand. Jetzt lag sie stundenlang in einem erquicklichen Schlummer und ließ beim Erwachen, sanft und willenlos wie ein Kind, alle Anordnungen ihrer Pflegerinnen über sich ergehen, deren still-geschäftiges Treiben sie mit wiederkehrendem, dankbarem Interesse verfolgte. So ruhig, ja fast heiter lag sie da, daß ihre Umgebung, in dem Wahne, sie müsse von dem eigentlichen Anlaß ihrer Krankheit nichts wissen, jede Andeutung des Geschehenen ängstlich vermied. Und doch hatte Lea, bei wiedererwachtem Bewußtsein, die Erkenntniß ihrer unglücklichen Lage allmählich gewonnen, bis sie mit greller Klarheit vor ihr sich abzeichnete. Nur hatte sich, in ^den vielen Stunden schmerzlosen Siechthums, eine eigenthümliche Wandlung in ihrem Gemüthe vollzogen, die von dem Kummer jede Herbe, von dem bleichen Antlitz den Ausdruck starrer Gleichgültigkeit entfernte und!die sie mit unerschütterlicher Ruhe den Entschluß in's Auge fassen ließ, den sie als unabweisbar nothwendig erkannte. Um die Kräfte zur Ausführung dieses Entschlusses zu sammeln, fügte sie sich bereitwillig den ärztlichen Verordnungen, wie der zärtlichen Sorgfalt ihrer Pflegerinnen, hielt sie selbst jede trübe Erinnerung von sich fern, die das Werk der Genesung verzögern würde. Als sie so weit hergestellt war, daß sie gefahrlos einer starken Aufregung sich aussetzen durfte, ließ sie sich ihr Kind bringen, und die ersten Thränen die dem Tode des Gatten flössen, netzten das dunkle Lockenhanpt ihres kleinen Arthur. Der verstörte Blick des eben im Spiele unterbrochenen Kindes, das aus großen, thränenfeuchten Augen zur Mutter aufschaute, gab ihr bald die verlorene Fassung wieder. Sie drückte ihren Sohn mit unbeschreiblicher Liebe an sich, schickte ihn aber gleich weg und ersuchte Esther ihr jetzt eine längere Unterredung zu gestatten.