Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1886
- Issue
- 17-18 (1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- Seite 69 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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- 69 — Jetzt erst gewahrte er die Schwägerin, die sich bescheiden Zurückgezogen hatte. „Rosa?" rief er, ihr ehrerbietig die Hand küssend, „sagen Sie, daß es wahr, dieses Opfer hätte Leo für mich gebracht?" „Mußte er nicht?" entgegnete, als handle es sich um etwas ganz Selbstverständliches, Frau Rosa. „O, so kann ich wieder aufathmen!" rief überglücklich der eben noch so gebeugte Mann. „Nie, werde ich vergessen, was Leo und auch Sie, Sanders, für mich gethan! Ihr habt mir Leben und Ehre gerettet! Ein neuer Mensch will ich — jedenfalls ein anderer — von Neuem beginnen zu arbeiten! Gott wird mir Muth und Kraft geben, daß ich meine Schuld tilgen kann! Leo darf sich nicht meinetwegen zum Bettler machen!" „Wir sind überreich belohnt," sagte Frau Rosa, „wenn Sie Lco's guten Willen anerkennen! Wie hat er in den Jahren, da Sie ihm fern waren, sich nach Ihnen gesehnt! Er hat sich jetzt, so hoffe ich, den Bruder zurückerobert und das allein macht ihn so glücklich, daß er wohl an eine Rückerstattung kaum denkt!" „Aber mir ziemt es, daran zu denken," sagte stolz Alois Braun; — ewig werde ich ihm dankbar bleiben, sein Schuldner aber —" „Davon später," unterbrach Frau Rosa, „jetzt, Schwager, ich sehe, Sie sind erschöpft, gönnen Sie sich eine Stunde der Ruhe. Ich will an Leo telegcaphiren, er wird glücklich fein, zu wissen, daß Sie hier sind." „Lassen Sie mich das selbst besorgen," sagte, sich schnell aufrichtend, der gebeugte Mann, dem die Thränen der Rührung, so oft er sie zurückdrüngte, nicht aus den Augen wollten. Man brachte ihm Tinte und Feder und eilig schrieb er: „Bruderherz! Tausend Dank! Komme soeben heim, höre, daß Alles geordnet. Sobald ich kann, bin ich bei Dir! Nie werde ich vergessen, was Du mir gethan. Alois." - (Fortsetzung folgt.) Allerlei für de« Familientisch. Jüdisch» W-Iilthätigkcrt. In einem Aufruf Carl Schurz' an die Deutschen in New-L)ork zur Unterstützung des deutschen Hospitals daselbst exemplificirt er besonders auf die jüd. Wohlthätigkeit. er sagt: „Vor Allem aber sehen Sie sich einmal die Wohlthütigkeits- Anstalten an, die hier in unserer Mitte von unseren jüdischen Mitbürgern gegründet worden sind und erhalten werden. Da finden Sie ein Waisenhaus, das F 600,000 gekostet hat und jährlich F 70,000 zu seinem Unterhalt gebraucht. Da ist das „Mount Sinai Hospital" mit einem jährlichen Budget von F 66,000. Dann kommen die „United Hebrew Charities" mit F 59,000; das „Home for the Aged und Jnfirm" mit F 23,000; das „Montefiore Home" mit ungefähr F 12,000; die „Hebrew Fee School" mit F26,000; das „Hebrew Technical Institut mit K 10,000; der „Hebrew Sheltering Guardian" mit K 36,000; die „Ladies Deborah Nursery" mit ca. K 14,000, und auch mehrere andere, das sich auf weitere F 25,000 das Jahr aufsummirt. Die jüdische _ Bevölkerung in der Stadt New^Iork ist mir auf etwa 100,000 Seelen angegeben worden, eine Zahl, die, wie mir scheint, eher zu hoch, als zu niedrig ist. Der größere Theil davon wird ohne Zweifel zu den Deutschen gerechnet. Auf alle Fälle machen sie weniger als ein Drittel, wahrscheinlich nicht mehr, als ein Viertel der gesammten deutschen Bevölkerung aus. Wir finden also, daß eine Klasse von Bürgern, nicht ein Drittel so stark an Zahl, in ihren Beiträgen zu Zwecken der öffentlichen Wohlthätigkeit mindestens dreimal so viel an jährlichen Ausgaben leistet, als die Deutschen, selbst wenn wir das jährliche Budget der Deutschen Gesellschaft, deren Ausgaben im Jahre 1885 F 22,350 betrugen, sowie den Rechtsschutzverein und die Poliklinik mit hineinzählen. Und dabei ist nicht außer Acht zu lassen, daß bei den deutschen Wohlthätigkeitsunternehmungen dieselben Juden vielfach mit freigebiger Hand mitgeholfen haben". Gin Herzog und ein jüdischer Mnstker. Einsender ist in der Lage vom Großherzog Ludwig II. Folgendes berichten zu kön nen. Hier lebte auch ein in weiterenKreisen berühmter Musiker Herz. Jahrzehnte hindurch war er Dirigent der Hofball-Musik. Früher pflegten Hofbälle manchmal im Schloß Kranichstein oder auch auf dem Karlshof abgehalten zu werden, und zwar jedesmal Samstag Abends. Nun war Herr Herz zwar ein aufgeklärter Mann, der einer freieren Ansicht über das Judenthum huldigte, dennoch beobachtete er die hergebrachten jüdischen Sitten und Gebräuche und demgemäß auch die Sitte, am Sabbath nicht zu musiziren, zumal in seiner Truppe noch mehr jüdische Musiker Mitwirken. Das war dem Großherzog Ludwig II. wohlbekannt, daher ließ er, die religiösen Anschauungen anderer schonend, nicht eher den Ball beginnen, als bis nach Ausgang des Sabbaths, d. h. die Nacht eingetreten. Als Zeichen hiervon galt es, wenn 3 Sterne am Himmel standen, d. h. sichtbar waren. Der Großherzog ging öfters an's Fenster, suchte die 3 entscheidenden Sterne zu erspähen, und erblickte er sie, so kam er mit gewohnter Liebenswürdigkeit und Herablassung herbei und sprach: „Herr Herz man darf anfangen, es stehen 3 Sterne am Himmel". Selbstverständlich hat die anwesende Ballgesellschaft jedesmal diesen Moment mit Freuden begrüßt. Rothschilds Findigkeit. — Der verstorbene Pariser Rothschild half einmal einen rathlosen Gläubiger auf die Spur, wie er von seinem Schuldner wenigstens eine Anerkennung der Schuld erlangen könne. Einer seiner Gäste erzählte, das er einem Manne zehntausend Francs geliehen habe und nun weder im Besitze von Nachrichten über den Schuldner noch in dem einer Anerkennung der Schuld sei. „Wo ist Ihr Schuldner?" fragte Baron Rothschild. — „Unten in der Türkei, in Konstantinopel," ward geantwortet. — „Davon kommt man wieder zurück". — „Ja, aber man bleibt auch dort". — „Sie wünschen also eine Anerkennung Ihrer Schuld?" fuhr Rothschild fort. — „Ja, aber wie sie erlangen?" — „Das geht ganz leicht. Schreiben Sie ihm". — „Ach Gott, das habe ich oft gethan, aber nie Antwort erhalten". — „Es ist ein Unterschied zwischen Brief und Brief", sagte Rothschild. „Sie müssen schreiben: Lieber Freund, haben Sie doch die Güte, mir bei der ersten Muse, die Ihnen die Türken lassen, die 20,000 Francs zurückzuschicken, welche Sie von mir entlehnt haben". — „Aber er hat sich ja von mir nur 10,000 Francs ausgeliehen!" „Das ist's eben", schloß Rothschild mit einem sanften Lächeln. „Entrüstet über solche Insinuation wird er zurückschreiben: „Sie irren sich, ich schulde Ihnen nur zehntausend Francs" — und Sie haben, was Sie wollen: eine Anerkennung der Schuld". Ruine« twtt Synagogen in Palästina. Mr. Laurence Oliphant, der bekannte Palästinaforscher, hat am nordöstlichen Ufer des Galileesees die Ruinen von zwei Synagogen entdeckt. Eine derselben, in einem Orte Namens Kanef gelegen, ist eine vollständige Ruine; die Mauern der anderen stehen noch bis zu einer Höhe von 9 Fuß. Letztere Ruine istin Khurbet Dar Aziz, an der nördlichen Abdachung des Wady Shukeiyef, gelegen. Die Architectur ist einfach. Die jüngst in Jerusalem entdeckte alte Mauer, die vr. Merrill für die zweite Mauer hält, ist bis zu der Länge von 120 Fuß freigelegt worden. Im Laufe der Ausgrabungen wurden viele Ueberbleibsel der 10. Legion gefunden, darunter eine Inschrift auf einer 15 Fuß unter der Oberfläche Vorgefundenen Marmorsäule.