Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1886
- Issue
- 17-18 (1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- Seite 68 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/6492351-9579404-9574262--0607-9574266- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 68 — „Der gute Sanders," rief Jlka freudigt erregt; „ihm habe ich noch eine andere Mittheilung zu machen, Tantchen, ich bitte Dich, laß mich nur zwei Minuten mit ihm allein!" Die Tante trat befremdet zurück, als Dr. Sanders, den Jlka durch den Diener hatte rufen lassen, jetzt eintrat. Sie zeigte ihm des Vaters Brief und ohne seine Entgegnung abzuwarten, den des Grafen. Fragend hing ihr Auge an seinen Blicken; jetzt mußte es sich entscheiden, ob er sie noch seiner würdig hielt oder ob er nur, einem Pflichtgefühl edelster Art folgend, ihr in der kritischen Zeit beistand. „Jlka," rief Sanders, beide Arme ausbreitend und sie an sein Herz ziehend, „Alles war Gottes Schickung. Er wußte, daß ich nicht ohne Dich leben konnte, er hat Alles so gefügt. Denken wir, das, was wir erlebten, sei ein langer, unheilvoller Traum gewesen, aus dem wir erwacht. Sei wieder mein, Geliebte, wie Du es ehedem gewesen! Wir haben beide genug gelitten, um uns fortan eines glücklichen Beisammenseins freuen zu können!" „Ellimar, Ellimar!" rief die junge Frau, „kannst Du mir verzeihen? Willst Du mich wieder an Dein Herz nehmen? Bedenke, ich bin jetzt arm, des Vaters Namen hat nicht mehr den alten Glanz, ich —" „Schweig, Geliebte," unterbrach sie Dr. Sanders, ihren Mund mit Küssen bedeckend; „ich habe Dich wieder, vergessen ist Alles! Nie habe ich nach Deinem Vermögen gefragt, und seit der Stunde, da Du rechtlich genug warst, es in die Schanze zu schlagen, da wurdest Du mir erst recht lieb, da wußte ich, daß Du noch die hochherzige Jlka seist, die ich einst geliebt und die mir böse Menschen entfremdet!" „Darf ich eintreten?" fragte Tante Rosa, die keine echte Evastochter hätte sein müssen, wenn sie nicht Alles gehört. — „Tante, liebe Tante," rief Jlka, ihr den Brief des Grafen reichend, hier lies, was mich in all' dem Unglück so namenlos glücklich macht! Er giebt mich frei! Der Zwang, die Sklaverei hat ein Ende! Ellimar ist mir noch gut geblieben; er hat Mitleid mit mir und will es noch einmal versuchen, ob — " „Ob es sich mit dieser bösen, kleinen Frau gut leben läßt," ergänzte Di*. Sanders. „Ganz wie ich es kommen sah," rief überglücklich Frau Rosa. Ihr Zwei, das wußte ich längst, gehört füreinander! Es konnte Gottes Wille nicht sein, Euch Beide unglücklich zu machen!" „Was aber wird der Vater sagen?" unterbrach Dr. Sanders. „Laß mich sorgen!" entgegnete Jlka; „ich weiß, was Du für ihn gehan! Er wird Dich seinen lieben Sohn nennen, Dich u j ich um Verzeihung bitten, Dir seine Ehrenrettung danken" In dem »och gestern so verödeten Hause war heut weihevolle Festta gci immung. Zwar kamen früh und Abends die 10 frommen Männer und beteten für das Seelenheil der Entschlafenen — die ärmeren unter ihnen wurden jedesmal von Jlka reich beschenkt — einem Trauerhaus glich aber das Braun'sche Haus nicht. „Der Vater kommt!" so jubelten die Kinder und Jlka schien, obgleich sie tiefe Trauer trug, etwas ganz anderes in Lüfte hinausjubeln zu wollen. Das war wieder die alte Jlka mit dem seelenvollen Blick, dem elastischen Gang, dem feurigen Auge, die man ehedem als Schönheit bewundert. Am nächsten Morgen, als die 10 Männer, um das Gebet für die Mutter zu sagen, im guten Zimmer versammelt waren, ward lautlos die Thür geöffnet. Alois Braun trat ein. Schon von draußen waren jene Töne, die ihm von Kindheit an so vertraut an sein Ohr gedrungen; wie festgebannt hatte er einige Augenblicke an der Schwelle gestanden; Niemand beachtete ihn, als er eintrat, Alle waren mit dem Gesicht der entgegengesetzten Richtung zugewandt. Dort oben am Fenster saßen Rosa, Jlka und Claire andächtig betend, Dr. Sanders und James standen ihnen zur Seite; die Kinder weinten. Da stahl auch eine Thräne sich in das Auge des schwergeprüften Mannes; er betete mit, hielt sich, um die Andacht nicht zu stören, an der Thürpfoste fest, da er vor innerer Bewegung fast dem Umsinken nahe war. Als man geendet, wollten die Kinder sich zuerst entfernen. „Der Vater!" rief Claire und eilte mit aus gebreiteten Armen auf den fast zur Unkenntlichkeit veränderten Mann zu. „Vater, lieber Vater!" riefen auch Jlka und James. Stumm lagen sie dann einander in den Armen. Alle weinten; selbst die Fremden schienen tief ergriffen. „Das habt Ihr recht gemacht," sagte Braun, sich zuerst fassend, „daß Ihr für Eure Mutter das Kaddisch sagt. Möge sie beim Vater im Himmel für uns beten, daß er unsere Wege ebene!" „Sie sind besser geebnet, als Du denkst, Vater," sagte Jlka; „Gott hat uns zwei Retter in der Noth gesendet, die für Dich eingestanden sind!" Und als die Fremden sich entfernt, fuhr sie fort: „Hier Vater, ich bitte Dich, reiche Sanders die Hand; wie ein Sohn, wie ein Bruder hat er für Dich gewirkt, er und der gute Onkel Leo; sie Beide haben Deinen Accord zu Stande gebracht, sie Beide —" „Sanders Sie, Sie hätten für mich gewirkt," rief der gebeugte Mann; „Sie, den ich —" „Ich that, was meine Pflicht als Mensch war, Herr Braun," entgegnete ruhig Dr. Sanders: „doch danken Sie mir nicht, ich bin nicht gar so uneigennützig, wie Sie glauben; ich beanspruche gute Honorirung!" „Verlangen Sie, was Sie wollen," rief, in seiner Aufregung kaum den Sinn von Sanders Worten verstehend, Alois Braun, — „ich bin heute ein armer, geschlagener Mann, aber ich werde wieder zu arbeiten anfangen, mich mit meinem Gott aussöhnen und wieder zu Vermögen kommen, dann, dann will ich Sie königlich belohnen —" „Beleidige Ellimar nicht," unterbrach Jlka erröthend. „Was er für Dich that, — und daß ich es Dir nur gleich zu Deiner Herzerleichterung sage, er hat mehr als Deinen Accord durchgesetzl, — that er nicht um schnöden Lohnes willen!" „Doch, doch," sagte lachend Dr. Sanders; „er ist nicht gar so viel Idealist, daß —" „Ich verstehe," sagte Alois Braun, die junge Frau scharf fixirend. „Du bist — Du willst — Du ziehst es vor — Doch nein, das kann ja nicht sein, das —" „Hier lies, Vater," sagte Jlka, den Brief des Grafen hinreichend; „meine Prüfungszeit ist zu Ende; sie hätte länger, vielleicht ewig gedauert, wenn Du ein reicher Mann geblieben wärst, den der Graf als Schwiegervater hätte brauchen können! Murre deshalb nicht über das Unglück, das uns betroffen; das Geld hast Du verloren, Deine Tochter hast Du wiedergewonnen und mit ihr einen Sohn, der es bereits bewiesen, daß er Deiner und unser Aller Liebe werth ist!" „Gott! Gott!" rief Braun, „wie kann ich Dir je genug danken, daß Du so gelind, so nachsichtig mit mir verfährst!.' Ja, Du bist ein Gott der Gnade und des Erbarmens, Du richtest auf die Gebeugten und stützest den Fallenden und hilfst denen, die im Staube wandeln! Gieb mir Kraft, daß ich mich Deiner würdig zeige! Und Sie, Sanders, Freund, Sohn, edler, uneigennnütziger, hochherziger Mensch!" fuhr er fort, indem er den jungen Mann gerührt in seine Arme schloß, „beschämt wie ein Sünder stehe ich vor Ihnen! Sie und Leo, Sie hätten wirklich durchgesetzt, daß —" „Alles ist klar, Herr Braun," sagte Sanders ruhig. „Auch die Sache mit Feini beglichen?" forschte Braun, indem dicke Schweißtropfen auf seine Stirn traten. „Auch diese! Ihr Bruder ist mit 30,000 Gld. eingesprungen." „Leo?" fragte Braun verwirrt.