Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1886
- Issue
- 17-18 (1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- Seite 67 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— binnen fast märchenhaften Anstrich hatten. Gambetta, der Advokat mit der Heldenseele, damals der populärste Mann Frankreichs, war in einem Luftballon der eisernen Umarmung entronnen, in der das schöne Paris hilflos dalag und hatte, von der Provinz aus, die Söhne des unglücklichen Landes zu einem letzten, entscheidenden Waffengange aufgeboten. Stefan hörte in dem politischen Club, den er täglich besuchte, von dem funkensprühenden Manifest Gambetta's, er las den Appell an die todesmuthigen Kämpfer, und er drang wie donnerndes Kanonengebrause, wie das Schmettern der Kriegsfanfare an sein trunkenes Ohr. An der großen Flamme der nationalen Begeisterung ward die seine zur Hellen Lohe entfacht. Jetzt stand sein Entschluß unabänderlich fest. Er eilte heimwärts. Elastischen Schrittes und erhobenen Hauptes trat er vor Lea hin, die bleich und still, wie immer in letzter Zeit, vor einem Tische saß, auf dem allerlei Zeitungen ausgebreitet lagen. Angesichts seiner, stets mit derselben Gluth geliebten Frau, verlor er ein wenig von seiner Zuversicht. „Lea", begann er schwankenden Tones, „ich komme von Dir und unserem Jungen für einige Zeit Abschied zu nehmen; ich — ich bin zu einer kleinen Reise gezwungen". Lea blickte erstaunt auf. „Eine Reise, in dieser Zeit? wohin?" „Ich habe Geschäfte in der Provinz", brachte er mit erkünstelter Ruhe hervor. Sie schüttelte traurig den Kopf. — „Du hast irgend eine Absicht, die Du vor mir geheim hältst. Du vertrautst mir nicht mehr, wie ehedem". „Wie magst Du nur so sprechen? Ich dachte, — ich wünschte — Dir Sorge zu ersparen. Aber ich hatte Unrecht, Dir etwas verheimlichen zu wollen, denn bist Du nicht meine starke, muthige Lea? Du wirst mich nicht hindern, nicht erweichen; wirst mir noch Muth und Stärke einflößen. — Ich gehe nach Bordeaux zu Gambetta, ich muß unter seiner Fahne den verzweifelten Kampf um die verlorene Ehre 4>es Landes mitfechten. Wie sehr ich auch in den letzten Wochen mit mir gerungen, es war alles vergebens. Etwas das mächtiger ist wie ich, mächtiger als das Gefühl für Familie, Häuslichkeit und die theuersten Güter des Lebens, treibt niich dorthin, wo das Verhängniß sich vielleicht vollziehen wird. Alles ist schon vorberettet, meine Sachen gepackt, und jetzt noch Eins", fuhr er mit fliegendem Athem fort. — „In den letzten Tagen, wo ich schwer und heiß mit mir kämpfte, um mein heiligstes Empfinden, meine Liebe zu Dir, auf dem Altäre des Vaterlandes zum Opfer zu bringen, da wurde es mir erst klar, daß diese Liebe Dir ohnehin das nicht gewährte, was sie sollte und mochte. Ich habe Dich aus dem heimischen Boden gerissen, ohne zu bedenken, ob Du in dem neuen Erdreich auch wurzeln würdest, ich habe Dich dem Kreise der Deinen, ihren Anschauungen und Gewohnheiten entfremdet, ohne einen Vermittlungsweg zu finden und Dir in meiner Jdeensphüre eine Heimstätte zu schaffen. Vergieb mir, Lea, wenn Du kannst, vergieb daß ich, ohne es zu wollen, wie ein engherziger Egoist gehandelt und nur mein Glück gefördert habe. Und ich war glücklich", — ein Schatten flog über sein Gesicht und er mußte sich abwenden, um eine aufsteigende Thräne zu verbergen. „Daß ich es aber nicht vermochte, Dir Ersatz für das Verlorene zu bieten, Dein Lebensglück zu begründen, für das ich gerne meinen letzten Blutstropfen hingegeben Hütte, das ist ein herber Gedanke der mich, wie ein Gespenst, bis zur letzten Stunde verfolgen wird". Lea warf sich laut aufschluchzend in seine Arme. „Rede nicht so oder Du brachst mir das Herz. Ist es Deine Schuld gewesen, daß ich die Bande, die mich an die Meinen knüpfte, zu gering achtele und leichtfertig zerriß? Hast Du nicht redlich gehalten, was Du versprochen? Und wenn ich, trotz der vollen Hingabe Deines edlen Herzens, das erträumte Glück an Deiner Seite nicht ganz zu finden vermochte, war dies nicht das Ergebniß meiner eigenen unglücklichen Veranlagung, des inneren, nagenden Unfriedens, des thörichten Verlangens nach einem Ausgleich unversöhnlicher Gegensätze? Nur ich, ich allein bin die Schuldige und Du trägst mit an der Sühne meines Vergehens". Das Eis, das in den jüngsten Wochen wie eine Kruste sich um ihr Herz gelegt und es erkaltet hatte, war geschmolzen, ein unaufhaltsam sich ergießender Thränenstrom schwemmte die letzten Reste fort. — Stefan streichelte die Wange der Erregten, die an seiner Brust lehnte, suchte ihre kalten Hände in den seinigen zu erwärmen und murmelte leise Worte des Trostes, der Zärtlichkeit. „Nicht wahr, Geliebte, mein Andenken wird, so es mir nicht vergönnt sein sollte, zu Dir zurückzukehren, frei von allen Schlacken, in Dir fortleben und Du wirst es so unserem Kinde vermitteln und bewahren". „Stefan, Du darfst nicht gehen. Ich kann es nicht ertragen, Dich vom Scheiden sprechen zu hören. Gönne mir die Zeit, gut zu machen, was ich an Dir gesündigt, die aufgehäufte Schuld an Güte und Liebe redlich abzutragen". „Du hast mir mit vollen Händen gespendet. Ich, ein Bettler an Liebe, ehe ich Dich kannte, war später reich wie Crösus; — doch ich muß, ich muß fort; ich würde mich vielleicht erweichen lassen, und das darf nicht sein, das darfst Du nicht wollen". Noch einen heißen Kuß drückte er auf ihre Stirn, noch ein letztes Lebewohl winkte er ihr stumm zu, dann riß er sich los und war verschwunden. — Lea stürzte ihm nach bis zur Thür und brach bewußtlos zusammen. '(Fortsetzung folgt.) Versöhnt! « Original-Roman von Jda Barber. (Fortsetzung.) XIV. Der Vater. Die nächste Morgenpost brachte zwei wichtige Briefe. Den einen vom Grafen, in dem er kurz schrieb: „Ich willige in die Scheidung und habe meinen Anwalt beauftragt, bte nöthigen Schritte einzuleiten!" Der andere — vom Vater. Seine Schrift war zitternd, unleserlich, verwischt, als ob Thränen auf das Papier gefallen wären. Er lautete: „Theure Kinder! Soeben ersehe ich aus den Zeitungen, daß es Gott dem Allmächtigen gefallen, unsere gute Mutter zu sich zu nehmen! Sie hat den Schlag nicht überlebt! Auch ich bin ein an Leib und Seele gebrochener Mann. Nicht Feigheit war es, die mich von Hause forttrieb, ich war mit mir selbst und meinem Gott zerfallen, ich konnte keinem Menschen mehr in die Augen sehen, Schlag kam auf Schlag, ich verlor die Berechnung, den klaren Blick, kurz, ich wußte nicht, was ich tyat, als ich den unseligen Entschluß faßte, Euch zu verlassen! In Hamburg schiffte ich mich vor 14 Tagen ein; gleich am ersten Tage ward ich bedenklich krank; der Schiffsarzt, ein hitziges Fieber fürchtend, übergab mich einem Kapitain, dessen Schiff wenige Stunden hinter Kuxhafen dem unseren begegnete. Ich kam nach Hamburg zurück, btn seit der Zeit hier im Krankenhaus. Heut' als ich einen Blick in die Zeitung werfe, lese ich eine Nachricht, die mir das Blut in den Adern erstarren macht; — die gute Mutter ist nicht mehr! Komme was da will, tch kehre zurück und habe ich etwas Sträfliches gethan, ich selbst stelle mich den Gerichten! Ihr armen Kinder sollt nicht allein sein! Wenige Stunden, nachdem Ihr diesen Brief erhaltet, ist Euer Vater bei Euch!" „Der Vater kommt! Der Vater kommt!" rief Jlka, daß es das ganze Haus durchdröhnte. Sie umhalste und küßte die Geschwister, die Tante und war vor Freude ganz fassungslos. „Er kann jetzt kommen," sagte ernst Tante Rosa; „Sanders sagt mir soeben, daß die Gläubiger in den Accord gewilligt!"