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Jüdisches Familienblatt · 1886-01-01 · 17-18 (1886) · p. Seite 66

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1886
Issue
17-18 (1886)
Date
1886-01-01
Page
Seite 66 (sequence 2)
Language
German
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— 66 — ist seine Sache und kümmert sonst Niemand. Nur das Thun ist der Controle der Gesellschaft unterworfen, nur dafür ist man ihr Rechenschaft schuldig, und da muß der Einzelne einem gewissen Zwange sich freiwillig unterordnen zum Bestände und Wohle des Ganzen, das aus die einzelnen Glieder wieder heilsam rückwirkt". „Wie aber", frug Lea weiter, „wenn Handeln und Denken in schroffem Widerspruch sich befinden? wie kann man da einen Vermittlungsweg finden, gewissen Opportunitätsgründen sich fügen, ohne in Zweideutigkeit oder gar Heuchelei zu verfallen?" „Würden Sie es für eine Heuchelei betrachten?", frug ein anderer Herr dagegen, „wenn Jemand, in einem monarchischen Staate lebend, nicht öffentlich seine republikanischen Gesinnungen zur Schau trüge?" „Nein, denn dann befände er sich in offenbarer Rebellion". „Nun, was die freie, tolerante Religionsgenossenschaft fordert, ist es wohl anders, als was der Staat im Großen, was jede Corporation innerhalb ihrer Grenzen zu heischen, die Berechtigung hat? In kurzen Worten: keinen öffentlichen Anstoß, keine Empörung und Rebellion, wie Sie eben bemerkten. Im geheimen Dachstübchen, im verborgenen Gehirnwinkel mögen die Geister der Verneinung toben und spucken, draußen, auf der breiten Heerstraße muß doch die Ordnung fein und säuberlich erhalten bleiben, zum Schutz der harmlos ihres Weges ziehenden Passanten. „Wie aber ist in aller Ewigkeit ein Fortschritt möglich", meinte Lea tief erröthend, „wenn Jedem durch derartige Bedenken die Flügel gestutzt und die freie Bewegung gehemmt wird?" „Sehen Sie, liebes Kind", erwiderte Herr Löwy milde, „auf diesen Einwurf war ich gefaßt. Unter der Flagge des Fortschrittes marschiren nicht nur die ernsten Kämpfer für die ewigen Wahrheiten; auch die unklaren Streber, die bequemen Träumer, die müßigen Zuschauer bedienen sich ihrer, und haben das stets bereite Schlagwort des Fortschrittes gleicherweise zu ihrem Losungswort erhoben. Doch nicht Jeder, der sich berufen und auserkoren dünkt, ist es auch tatsächlich. Hört aber wirklich Einer den wiederholten Ruf an sich ergehen, reformatorisch aufzutreten, hat er das kräftigende Bewußtsein etwas Besseres, Haltbareres an die Stelle des verpönten Alten setzen zu können, so mag er es, in Gottes Namen versuchen. Die Anderen, die große Mehrzahl, die nicht die geistige Kraft der Initiative besitzen, sollten auch den Muth dazu nicht schönrednerisch an den Tag legen, sollten sich hüten an die festgefügten Quadern des uralten Baues zu rütteln, der Hunderten und Tausenden noch jetzt Schutz und Obdach gewährt". „Und dann noch eins", nahm ein anderer der Herren das Wort. „Der innere Lüuterungsproceß geht, auch ohne Eingriff des reformsüchtigen Einzelnen, durch die vereinigte Einwirkung der Masse, vor sich. Wenn eine in der Zeit anerkannte Wahrheit den Keim des Jrrthums in sich trügt, wenn sie ihrer culturellen und ethischen Unfruchtbarkeit überwiesen ist, so werden ihre Altäre von selbst zerbröckeln, die Demolirarbeit wird gleichsam von unsichtbarer Hand vollführt, und die Anbeter der entthronten Gottheit schwingen ihre Weihrauchgefüße vor anderen Sanctuarien. So lange dies aber nicht geschieht, so lange die als solche erkannte Wahrheit ihre Existenzsähigkeit durch den einfachen Umstand erhärten kann, daß sie eben da ist, so lange müssen ihre Hoheitsrechte gewahrt werden, denn so lange trägt sie auch ein geistig belebendes und veredelndes Element in sich. Mit welchem Rechte wollte nun das Individuum, in seinem Dünkel, ein wesentliches Erziehungsmoment des Volkes vernichten und, in seiner vermeintlichen Sattheit, den Hunger der bedürftigen Mehrheit außer Acht lassen?" „Und nun erst gar eine Frau", mischte sich Frau Esther jetzt in's Gespräch. „Daß eme solche aus die ihr, durch Gesetz und Herkommen, gezogene Grenzen treten und mit weichen Händen an das harte Zerstörungswerk schreiten kann, ist mir vollends unbegreiflich. Hat sie schon keine heilige Scheu vor den ehrwürdigen Ueberlieferungen. vor liebgewordene, in Fleisch und Blut übergegangene Gewohnheiten, sei es noch darum, — wie aber mochte sie es um's Herz bringen, einem Vater, einer mutter diesen herben Kummer zu bereiten und jene für ihre vermeintliche Ueberzeugung, oder was es sonst war, bluten zu lassen? Lea hörte nichts mehr, sie war einer Ohnmacht nahe und mußte bald nach Hause geleitet werden. * * Nicht gering war das Befremden Stefans über die nahezu krankhafte Gereiztheit die sich Lea's, nach dem erwähnten Gespräche, bemächtigte. Er war schon lange ihren wiederholten, einsamen Spaziergängen auf die Spar gekommen, hatte dann auf sein dringendes Forschen, ein, wenn auch zögerndes, aber volles Geständniß und eine eingehende Schilderung der Familie erhalten, mit der sie verkehrte; und wie sonderbar es ihn anmuthen mochte, seine Frau in einer ihm so fernliegenden Sphäre heimisch zu wissen, so ließ er sie doch gewähren, weil er sie stets ruhiger und scheinbar heiter von dort heimkehren sah. Nun hatte sich dies Alles wie mit einem Schlage verändert. Auch früher war ihr durch die häufige Berührung mit ihren, wie sie glaubte, so hochstehenden Glaubensgenossen, das Gefühl ihrer Vereinsamung intensiv vor die Seele getreten; doch konnte sie noch immer die innere Gährung. das heiß sie überfluthende Verlangen nach einer Rückkehr in den Schooß ihrer Gemeinschaft unterdrücken. Nun aber war ihr Gemüth durch jenes Gespräch in seiner tiefsten Tiefe aufgewühlt. Sie verspürte, zu ihrem eigenen Entsetzen, wie eine Art Entfremdung gegen ihren Mann ihr Herz gefangen nahm und es, unter der kalten Hand dieses Einflusses mählich erstarren ließ, wie selbst die Tändeleien und Liebkosungen des Klnbes das erlöschende Feuer nicht zu entzünden vermochten. Stefan bemerkte mit Schrecken die Symptome eines Nebels, dessen Quelle er nicht kannte, und das er auf eine physische, vorübergehende Störung im Organismus zurückführen wollte. Er setzte sich vor, die berühmtesten Aerzte zu befragen, Lea vielleicht in ein wärmeres Klima zu bringen, da ihre Blässe und zunehmende Magerkeit ihm ernstliche Sorge einflößte. Da fand plötzlich ein Ereigniß statt, das seine ganze Seele gefangen nahm und seine Gedanken in eine andere Richtung lenkte. Der deutsch-französische Krieg war zum Ausbruch gekommen und versetzte Stadt und Land in die fieberhafteste Aufregung. Mit bebender Angst verschlang man die Berichte vom Kriegsschauplatz, die trotz der officiellen Vertuschungsmanier, bald in düsterer Färbung in Umlauf kamen. Mau dachte, fühlte, sprach von nichts anderem, als von den einzelnen Vorgängen dieser erschütternden Tragödie, die Namen Metz, Saarbrücken, Gravelotte tönten von allen schreckensbleichen Lippen wieder; jedes persönliche Leid verschwand in der allgemeinen, beklemmenden Verzweiflung. Auch im Hause Stefans hatten die Nebel des eigenen Kummers in dem gewaltigen Dunstkreis sich aufgelöst, der drückend auf die Gesammtheit lagerte. Stefan war wie jeder polnische Edelmann, und er überdies, als vollständig acclimatisirter Franzose, ein glühender Anhänger der französischen Fahne. Er wiegte sich zu Anfang in rosige Träume, schwur auf die Gloire seines geliebten Adoptivvaterlandes und theilte die Siegestrunkenheit der Freunde, die er jetzt wieder aufzusuchen begann. Er weinte Helle Thränen ob der unerwarteten Mißerfolge, die er nur der schändlichen Unwirthschaft des Empire zuschrieb, und trat mit aller Heftigkeit seines lange niedergehaltenen, nunmehr zu leidenschaftlicher Action drängenden Naturells für die Revanche ein. Das grause Unheil von Seban hatte sich völligen und die Nachricht von der schmachvollen, blutlosen Vernichtung einer glänzendeil Armee, wie ein Lauffeuer, sich verbreitet. Gleichzeitig schwirrten allerlei Gerüchte durch die Luft, die

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