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Jüdisches Familienblatt · 1886-01-01 · 17-18 (1886) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1886
Issue
17-18 (1886)
Date
1886-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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M17 18 Jüdisches Hcrcmsgegcben von Dr. Rahmer in Magdeburg. Zur Untrrhaltung n. Mehrung für die isruelitischr Jugend. Der Sedcr-Abcnd. Von vr. I. Gold schmidt-Weilburg. — Die Prinzessin. Eine Erzählung von Agathe Meise ls. (Fortsetzung.) ~ Versöhnt. Original-Roman von Iba Barber. (Fortsetzung.) — Allerlei für den Familientiscb: Jüdische Wohlrhäiigkeit. — Ein Herzog und ein jüdischer Musiker. — Rothschilds Findigkeit. — Ruinen von Synagogen in Palästina. — Auch ein wahrer Mann. Nach einer wahren Begebenheit von A. Spei er in Heinebach. — Räthsel-Aufgaben und Räthsel-Lösungen. Der Seder-Abend. Still ist's im Ghetto, die Nacht bricht herein, Die Gläubigen sitzen beim Mahle; In den Gläsern schäumet der perlende Wein Bei der Lichter festlichem Strahle, Und seltsam sie eine „Schüssel" erheben Und beten: „Mit drückender Last Verbitterte Pharo einst unser Leven .... — Ihr Hungernden kommt, seid bei uns zu (Saft!1) „Dies ist des Elends dürftiges Brot, Wir haben es reichlich genossen, Wir haben erfahren Elend und Noth Und Thränenströme vergossen; Wir wurden verfolgt, wir haben gestritten, Wir fanden nicht Ruhe noch Rast, Doch nie sei vergessen/) was wir gelitten .... — Ihr Hungernden kommt, seid bei uns zu Gast! „Wir wissen, wie weh' Haß und Hunger thut, — O könnten die Wunden wir heilen, Und allen, denen gesunken der Muth, O könnten zu Hilfe wir eilen. So kommet zu unserer Festesfreude,3) Deren Herzen der Jammer umfaßt, O kommt, werfet ab von eurem Leide.... — Ihr Hungernden kommt, seid bei uns zu Gast! „Wü feiern heut' der Befreiung Festj Aus Egyptens sklavischen Banden, — Der Muth und die Hoffnung uns nie verläßt/) Wie uns wild auch die Wogen umbranden. O Gott, der Du mit allmächtigen Armen Aus Egypten erlöset uns hast, Nie schläft deine Gnade, nie dein Erbarmen- — Ihr Hungernden kommt, seid bei uns zuGast!" -Auch uns lockt der Ruf in Euren Kreis, Uns Kinder der menschlicher» Zeiten: Ilm Euch starrte himmelhoch ragendes Eis, Ihr ließet den Muth nicht entgleiten, Für Andre noch hattet Ihr Hoffnungsfülle- Uns brach der Hoffenskrast Mast, Wir hungern, wir darben bei glänzender Hülle- — „Ihr Hungernden kommt, seid bei unszuGast!" vr. I. Goldfchrnidt-MeiUmrg. *) bm tt pLQ-l Sn rPT! ■O rron wird ki allen Geboten der Liebe in der heil. Schrift betont. -) ncsn tt -pn bz *) pin nfcon rrob tss xr\m Die Prinzessin. Eine Erzählung von Agathe Meisels. (Fortsetzung.) Nur einmal wurde sie an diesen Menschen irre. So oft hatte sie Gelegenheit deren maaßvolles Urtheil und weitgehende Toleranz zu bewundern, daß sie einst durch ihr scheinbar widerspruchsvolles Verhalten bei einem Anlasse frappirt wurde, der an sich schon geeignet war, sie in die lebhafteste Erregung zu versetzen. Es handelte sich um den Uebertritt einer ihnen Allen bekannten Frau zum Christenthum, und die Motive, die sie zu diesem, den hochgehaltenen Traditionen einer sehr achtbaren Familie verletzenden Schritt, veranlassen mochten, wurden einer kritischen Erwägung unterzogen. Ob aber die als Grund vorgeschobene Ueberzeugung oder irgend ein geheimer Utilitütszweck den Hebel für den gewaltsamen Akt abgab, dieser wurde, ohne weitere Unterscheidung, verdammt und über die Convertitin einmüthig der Stab gebrochen. „Wenn sie nun aber wirklich auf dem Standpunkt stehet", wagte Lea mit bebender Lippe einzuwenden, „daß sie zur ethischen Reife, auch ohne Hilfe positiver Glaubensformeln gelangen kann, darf sie dann diese nicht abstreifen?" „Gestatten Sie mir die Bemerkung", sagte Herr Löwy milde lächelnd, „daß Ihre Frage in keinem Verhültniß steht zu dem vorliegenden Falle. Denn wodurch hätte sie wohl ihre geistige und ethische Reife documentirt? Etwa dadurch, daß sie, des Glaubenszwanges müde, sich in die Hörigkelt eines viel härteren Dogma's begeben und eine Fessel mit einer weit drückenderen, vertauscht?" „Ich verstehe", sagte Lea kaum hörbar, „sie müßte, wollte sie ihre Freiheit wahren, jedes positiven Bekenntnisses sich entschlagen und sich confessionslos erklären. Und dies wäre ihr doch vielleicht gestattet?" Mit hochklopfenden Pulsen lauschte sie der Antwort. „Auch dies nicht", sagte Herr Löwy ernst. „Zuvörderst kann kein Mensch für seine Zukunft gut stehen. Heute wähnt er sich stark und unangreifbar auf einsamer Höhe und morgen kann er der Schwäche anheimfallen und muß dann der Stütze entrathen, die er leichtfertig von sich gestoßen. Doch abgesehen davon hat auch der Einzelne nicht das Recht, den durch die Jahrhunderte kristallisirten Meinungen und Grundsätzen einer Gesammtheit öffentlich Hohn zu sprechen. „Und hat das Individuum nicht auch seine unveräußerlichen Rechte? Sind Gewissens- und Denftreiheit hohle Begriffe ohne jedweden Inhalt?" „Nein, sicherlich nicht, aber wer verlangt denn auch von irgend Jemand, — was zu fordern überdies eine Absurdität wäre, — daß er seine Gedanken in Ketten schlage, oder in Glaubenssachen sich irgend welchem Machtspruche füge? Nein. Jeder mag denken, wie er will, glauben, was er will. Der höher organisirte Mensch wird wohl, einer unabweisbaren Forderung seiner Vernunft folgend, einen Einklang zwischen Denken und Glauben anstreben, — das Ergebnis

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