Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1886
- Issue
- 16 (1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- Seite 63 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 63 — Der eigentliche Grund, weshalb die würdigen Erzieher nicht zur Zeit mit ihren Schutzbefohlenen eingetroffen waren, kam erst später zu Tage; sie hatten schon 8 Tage zuvor Einladungen zu einem tote champetre ergehen lassen, das gestern bis in die Nacht hinein dauerte; man konnte den Frühzug nicht benutzen und so kam es, daß man die Mutter zu Grabe trug, ohne daß die Kinder rechtzeitig eintrafen, ihr das Geleit zu geben. Obschon sich Jlka sehr schwach fühlte, war sie doch gleich, nachdem sie von dem Borfall Kunde erhielt, fest entschlossen, Hofmeister wie Gouvernante zu entlassen. XIII. Tante Rosa. Einen Tag hernach traf Tante Rosa, ein: sie billigte Elsta's energisches Vorgehen. Der Einfluß dieser braven, einfachen Frau war auf Jlka ein durchaus günstiger. Mit ihr konnte sie eingehend, besser wie mit ihrer eigenen Mutter, Alles besprechen, was ihr am Herzen lag. „Hast Du mit Sanders eine Auseinandersetzung gehabt," fragte Frau Rosa, als sie Abends mit Jlka allein in deren Zimmer war. „Bedarf es derselben, fragte Jlka erröthend. „Er sieht, was ich gelitten, wie ich gebüßt, wie mich das Unglück auf Tritt und Schritt verfolgt hat; er ist gerächt. Das Mitleid hat ihn wieder zu mir zurückgcführt und, ohne daß ich es ihm sage, weiß er, wie tief ich ihm verpflichtet bin." „Und doch," entgegnete die Tante, „muß es zwischen Euch klar werden. Ihr wäret Euch einst zu viel, um jetzt kalt und ruhig neben einander hergehen zu können- Ich glaube, so lange Du noch Graf Zandos Gattin bist, ich meine, so lange Du nicht von ihm geschieden, darfst Du mit Ellimar Sanders nicht verkehren!" „O, Tante," bat die junge Frau, „nimm mir nicht den einzigen Freund, der mir noch geblieben. Was kümmert mich das Gerede der Welt, was der herkömmliche Brauch! Wenn ich ihn bei mir weiß, seine Stimme höre, ist es mir, als ob echter Gottesfriede mein Gemüth durchzieht!" „Das kann ich Dir, liebes Kind, nach Allem, was Du gelitten, lebhaft nachfühlen," sagte die Tante; „ich sehe, daß auch er im Verkehr mit Dir wieder aufzuleben scheint, daß Euch Beiden noch eine Zeit des Glücks erblühen kann, aber bie Welt hat ihre bestimmten Normen und Gesetze, die respectirt sein wollen!" „Was räthst Du mir also?" fragte Jlka pochenden Herzens. „Eine Ehe so bald als möglich zu lösen, die Du nie hättest eingehen sollen!" „Ich habe bereits Schritte gethan," entgegnete Jlka, „und zweifele nicht, daß der Graf mich frei giebt; — jenes Glück aber, von dem Du sprichst, liebe Tante, ist für mich verwirkt. Ich habe nicht mehr das Recht, eines braven Mannes Weib zu werden!" „Davon laß uns später sprechen," sagte Frau Rosa; „wenn Du Dich nur erst soweit erholt hättest, die Feiertage bei uns zubringen zu können!" „Ich muß wohl hier bleiben," entgegnete Jlka, „erstlich der Geschwister wegen, dann weil ich Dr. Ritter mein Wort gegeben, an den hohen Festtagen im Tempel zu sein und damit meine Rückkehr zum Judenthum zu bekunden!" „Das ändert die Sache," sagte Frau Rosa, „doch hoffe ich, daß Du nach den Feiertagen unser Gast sein wirst!" „Bin ich Herrin meiner selbst, liebe Tante?" entgegnete die junge Frau. „Jeder Tag soll genützt werden, um die geschäftlichen Angelegenheiten zu ordnen! — Der Vater muß zurückkehren können! Eher werde ich nicht ruhen! Du siehst, daß es da viel zu thun, zu berathen giebt, daß ich, wenngleich ich nicht thätig mit eingreife, doch da sein muß." Die beiden Frauen berathschlagten noch lange mit einander. Als sie — es mochte schon Mitternacht vorüber sein — von einander gingen, sagte Frau Rosa: „Wahrlich, ich muß Dir, liebe Jlka, die ehrende Anerkennung geben, daß Du um Jahre gereift bist!" „Das Unglück ist die beste Lehrmeisterin," sagte Jlka tief traurig. ________ (Fortsetzung folgt.) Z<rr Todtenfchorr 1885. Herr Rabbiner Dr. Simonsen in Kopenhagen theilt mir gütigst mit, daß der in meiner Todtenschau irrthümlich als Jude mit aufgeführte dänische Schriftsteller I. P. Jacobsen dem Judenthum nicht angehörte, während andererseits 2 bedeutende dänische Glaubensgenossen nachzutragen sind und zwar: 1. der namentlich in England sehr angesehen gewesene, in Dänemark mit einer bedeutenden Stellung betraute Kupferstecher Joel (John) Ballin und 2. der Stabsarzt (in Dänemark höchste militairische Charge) Nota Salomon. (Ebenmäßig ergänzen wir, daß Dr. Damrosch getauft war.) Max Weinberg. Allerlei für den Familientisch. Noch einmal: mäuschenstill» mausetodt und matt. Wir können der in Nr. 15 des Familieu-Bl. gegebenen Erklärung der beiden Ausdrücke: mäuschenstill und mausetodt ebensowenig beipflichten, wie die verehrliche Redaction. Wir halten hier „Mäuschen" und „Maus" entschieden für deutsch, und zwar schon deshalb, weil der Engländer ebenfalls für mäuschenstill nicht nur stock-still (stockstill), sondern auch still as a mouse (still wie eine Maus) und der Franzose dafür cm. entendrait une souris trotter (man würde eine Maus trippeln hören) sagt und weil der Engländer für mausetodt außer stone - dead (eig. steintodt, so tobt wie ein Stein) gleichfalls hat: a8 dead as a rat (so todt wie eine Ratte, d. h. eine vergiftete, die völlig tobt, nicht scheintodt ist; erwähnt sei hierneben das deutsche Mäusetod — Mäusegift). Der Ausdruck schachmatt ist zweifellos persisch: schach schah heißt König (der „Schah von Persien"), mat von der pers. Wurzel raub, die freilich auch im Sanskrit, Arab. und Hebr. GTID) vorkommt, heißt todt. Da bekanntlich das uralte, in Indien erfundene Schach- oder Königsspiel — der König ist darin die Hauptfigur — aus^ Persien nach Europa gekommen, so liegt es nahe, daß der Ursprung des Wortes schachmatt persisch ist. Obgleich dem Jurare in verba magistri abhold, glauben wir doch, daß der Erklärer der fragt, drei Wörter in Nr. 15, Herr I. H. — nach unserer Vermuthung einst einer unserer wackersten Schüler, wie jetzt einer der strebsamsten Lehrer*) — unsere Ansicht ohne Weiteres thellen wird. Brandenburg a. d. H. Rabb. Dr. Kroner. Ho oder k’ho lachmo anjo? Von diesem bekanntesten ersten Stück der Pessach-Haggada exisiiren zwei Lesarten: Ho Ot"T> und kcho (8N2) lachmo anjo. (Dies ist resp. wie dieses das Brod des Elends). Der Dubnoer Magid, um Auskunft gefragt, welche Lesart wohl die richtigere sei, erklärte beide für gleich zulässig und begründete dies durch folgendes Gleichniß: Ein armer Teufel, Taglöhner seines Zeichens, der sich's jahraus jahrein bittersauer werden ließ, um mit schwieliger Hand sich und seine Familie redlich zu ernähren, wird plötzlich durch den Tod eines reichen Onkels aller Armuth enthoben und zum reichen Manne. Um sich davor zu schützen, jemals dem Hochmuth zu verfallen und seines bescheidenen Ursprungs zu vergessen, läßt der Mann sinniger Weise sein altes Arbeitshabit behutsam in einen Schrein hängen und *) Die Vermuthung trifft zu, es ist Herr I. Herzberg, jetzt Lehrer in Jnowrazlaw. (Red.)