Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1886
- Issue
- 16 (1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- Seite 62 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/6492351-9579404-9574257--0600-9574259- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 62 — ■ ** friedigung zurück in die Weite ihres eigenen Kreises, dann waren sie freilich wieder an ihrer Seite, und der Contrast jenes Gottesfriedens zu ihrer unseligen, inneren Entzweiung senkte einen neuen, scharfen Stachel in ihr wundes Gemüth. Die kluge Esther, die gleich ihrem Gatten, die schöne, bleiche Frau mit dem thränenlosen, nach innen gewendeten Blick und dem sinnenden Wesen, mit steigendem Interesse beobachtete, merkte es wohl, daß sie immer blässer und stiller wurde und daß irgend ein Druck fast sichtbar auf ihr zu lasten schien. Doch ihre Feinfühligkeit verbot ihr der Ursache dieser befremdlichen Erscheinung nachzuspüren, die sie überdies aus dem, als bestehend angenommen, ehelichen Zerwürfniß ableitete. Eine directe Frage gestattete sie weder sich noch ihrer Umgebung, und so ward Lea niemals, auch nur durch einen fragenden Blick, oder eine allzuaufdringliche Freundlichkeit, beunruhigt; man gewöhnte sich ihre häufigen Besuche als etwas Selbstverständliches, Erfreuliches hinzunehmen, und später wurde sie in diesen Kreis eingereihet, als ob sie von jeher dahingehören würde. Bei Herrn Löwy versammelten sich, fast allabendlich, nächst dem engsten Familienzirkel, noch einige ältere Herren, die in ernsten, zumeist gelehrten Gesprächen Erholung suchten von des Tages Mühsal. Eine tief-ernste Ueberzeugungstreue und Wahrheitsliebe waren die hervorstehendsten Characterzüge dieser Männer, die in ehrlichem Streben nach Ausgleich differirender Meinungen und nach Einklang zwischen Gefinnungs- und Handlungsweise ihr lebelang rangen. Lea war bet ihren eifrigen Disputen oft, und zumeist als stumme Zuhörerin, gegenwärtig, und vielfach waren die Anregungen die sie aus denselben empfing. Zuvörderst ward sie, durch die ihr ganz neue Wahrnehmung, bewegt, daß man auch in jüdischen Kreisen auf der Höhe des freien Gedankens sich befinden und von da herab, mit milder Duldsamkeit, auf das engherzige und kleingeistige Thun der Menschen zu blicken vermag. Ein eigenes, bis dahin ihr ganz fremdes Gefühl der Genugthuung durchdrang sie, dem Verbände anzugehören, der solch eine ungeahnte Fülle philosophisch-gereinigten Denkens, solch echte, geistige Überlegenheit barg. Dies stolze Gefühl hatte aber einen Zusatz herber Bitterkeit. Ach, weshalb hatte sie diese Männer nicht früher gekannt! Weshalb mußte sie in dem Wahn befangen sein, daß nur starrer Obscurantismus und blinder Verfolgungseifer das Erbtheil ihres Volkes sei! Würde ihr Leben nicht, möglicherweise, eine ganz andere Richtung genommen haben, wenn sie innerhalb ihrer eigenen Sphäre, von starker Hand emporgehoben und zu den heißersehnten der Erkenntniß getragen worden wäre? (Fortsetzung folgt.) Versöhnt! 47 Original-Roman von Jda Bar der. (Fortsetzung.) „Wer war hier?" fragte sie, gleich hernach die Augen öffnend; „war es mir doch, als ob —" Sie vollendete nicht, da sie Dr. Nels an ihrem Bette sah. Lange schaute sie um sich. „Arme Mutter," sagte sie, „wann wird man sie hinaustragen? Werde ich ihr folgen können, Doctor?" „Man hat Ihre Mutter bereits zur Ruhe bestattet," sagte der Arzt; „regen Sie sich nicht auf; ihr ist wohl!" „Ja, ihr ist wohl," wiederholte Jlka unter Thränen; „o, wie beneide ich sie, daß sie bald erlöst worden!" „Versündigen Sie sich nicht," mahnte Dr. Nels; „Sie haben noch zu leben, können noch viel — viel Gutes thun, beglücken und selbst glücklich werden." „Ich? Sie scherzen, Doctor," sagte Jlka wehmüthig. „Mein Leben ist ein verfehltes. Es läßt sich nicht wieder gut machen, was man gesündigt." Der Diener trat soeben ein und fragte, ob die Frau Gräfin sich genug wohl fühle, um Dr. Ritter zu empfangen. I „Dr. Ritter ist mir immer willkommen," sagte die junge Frau, sich mühsam aufrichtend. Der würdige alte Mann trat alsbald ein und reichte ihr stumm die Hand. „SiU wissen, sagte Jlka, „daß man die Mutter bereits beerdigt?" „Ich weiß!" „Mich hat der große Gott, der es wohl doch noch ein wenig gut mit mir meinen mag, diese schweren Stunden verschlafen — verträumen oder, wie soll ich es nennen, verdämmern lassen; mir war, als wüßte ich all' diese Tage nichts von der Mutter Tod. Jetzt, da ich zum Bewußtsein erwache, hat man sie bereits hinausgetragen!" „Sie, die ehedem eine so fromme Jüdin," sagte Dr. Ritter tief traurig, „ruht auf dem christlichen Friedhof!" „Wenn uns erst die Erde deckt," entgegnete Jlka, „ist es wohl gleich, wo wir liegen. Beten Sie mit mir, Doctor, daß Gott sie gnädig aufnehme." „Sie werden sich aufregen," mahnte Dr. Nels. „Nein," sagte die junge Frau, „es wird mir wohl thun; ich habe die heilende und erlösende Kraft des Gebets oft an mir erprobt." Schweigend empfahl sich der Arzt. Als er gegangen, bezeichnete Jlka ihrer Dienerin die Stelle, wo ihr Gebetbuch lag. Sie brachte es ihr. „Rufen Sie Herrn Norbert und die Kinder." sagte sie „Der junge Herr ist nicht hier." sagte die Dienerin „Herr James und Fräulein Claire kommen erst morgen!" „Wie?" rief die junge Frau unwillig, „so hat Niemand von uns der Mutter das Geleit gegeben! Nicht Norbert, nicht die Kinder!" Thränen entstürzten ihren Augen. „O, Mutter, das hast Du nicht um uns verdient," rief sie schmerzlich. Dr. Sanders, der vom Nebenzimmer aus jedes Wort gehört, trat jetzt sichtlich bewegt herein und sagte: „Beruhigen Sie sich, Jlka," ich habe Sie vertreten, Sie und die Geschwister; ich war der Einzige, der an ihrem Grabe das Kaddisch gebetet, zwar nur halblaut, nur für mich, aber —" „O, Sie sind so gut, Sanders," unterbrach ihn die junge Frau, ihm beide Hände entgegcnstreckend, „ich weiß von Onkel Leo, was Sie für uns gethan, verschmähen Sie wenigstens meinen Dank nicht!" „Darf ich bleiben?" fragte Sanders statt aller Antwort. „Wollen Sie mit uns beten, Ellimar?" entgegnete die junge Frau. „Die arme Mutter ist zwar als Christin gestorben, aber sie war keine Christin ihrem Gemüth nach. — Norbert ist nicht hier, der Vater leider Gottes auch nicht, sorgen Sie dafür, meine Freunde, daß in unserm Hause früh und Abends für die Mutter das Kaddisch-Gebet gesagt werde! — So geschah es, als die Großmutter starb, da ordnete es die Mutter selbst an, wahrlich, ich will keine schlechtere Tochter sein, als sie es gewesen!" „Ich werde dafür sorgen," sagte Dr. Ritter. Jlka hatte zu ihrem Gebetbuch gegriffen; sie betete still, tiefbewegt. Hernach reichte sie beiden Männern die Hand und bat, sie allein zu lassen. „Daß der Norbert nicht gekommen!" sagte sie. „Er muß es doch wohl erfahren haben? Wahrlich, er sollte sich schämen, in so ernster Zeit dem Hause tagelang fern zu sein!" — Gegen Abend kamen die jüngeren Geschwister vom Lande herein. Warum sie nicht früher angelangt? Bonne und Hofmeister hatten gemeint, daß der Trauerakt die Kinder unnöthig betrüben würde. Claire war auffallend erregt; man hatte ihr erst w ährend der Fahrt Andeutungen gemacht, daß die Mutter gefährlich krank sei. — Auch James schien ganz fassungslos. „Hätte ich gewußt," sagte er, „daß bte Mutter tobt, zu Fuß wäre ich nach Pest gelaufen, um sie noch einmal zu sehen!"