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Jüdisches Familienblatt · 1886-01-01 · 16 (1886) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1886
Issue
16 (1886)
Date
1886-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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M 16. Jüdisches 188«. Herausgegeben von Dr. Rahmer in Magdeburg. Zur Unterhaltung u. Belehrung für die israelitisihe Jugend. rsjt.fi. Prinzessin. Eine Erzählung von Agathe Meisels. (Fortsetzung.) — Versöhnt. Original-Roman von Iba Barber. (Fortsetzung.) — Allerlei für den Familientiscb: Noch einmal: mäusckenstill, mausetodt und matt. — Ho ober k’ho lachmo ' anjo? — Ein Peßach-Gruß an die L'ns Vritü. Von M. Scherbel. — Räthsel-Aufgaben und Räthsel-Lösungen. Die Prinzessin. Eine Erzählung von Agathe Meisels. (Fortsetzung.) „Das abschreckende Bild dieser zerfahrenen Häuslichkeit", fuhr Esther fort, „die innere Armuth bei allem äußeren Glanz, machten einen unauslöschlichen Eindruck auf mein junges Gemüth; um alle Schätze der Welt hätte ich einen ähnlichen Weg nicht eingeschlagen. Wir waren arm und von meiner Schwester, die mir, ach wie gern, eine Mitgift geben wollte und von ihrem Manne daran nicht gehindert wäre, durfte ich nichts annehmen, wollte ich meinen Eltern nicht eine tödtliche Beleidigung zufügen. Doch fand sich hin und wieder manch' annehmbare Parthie für mich, die wir indeß alle ausschlugen, weil die religiösen Ansichten der Söhne zumeist und mitunter auch die der Väter, mll den unseru nicht in Einklang zu bringen waren. Mein Vater pflegte zu sagen: „Salz und Brod kann man essen, das schadet nichts, dabei kann man gesund an Leib und Seele sein und seines Lebens froh werden, so nur die Engel des Friedens und der Eintracht in dem Hause Wache halten, verschwinden aber diese, dann helfen nicht Leckerbissen, noch schwellende Polster; die Süßigkeiten werden zur Wermuth, das Brod zum Stein, und man geht elend zu Grunde". — So dachte und so handelte er und verheirathete mich, sein liebstes Kind, mit einem frommen, braven, schriftkundigen, aber blutarmen Kandidaten der Theologie. „Ich weiß nicht, wie es kam", setzte sie ihre Erzählung mit einem halb ernsten, halb komischen Kopfschütteln fort, „daß mein Mann niemals zu einer praktischen Würdigung seines talmudischen und anderweitigen Wissens und zu einer Anstellung es bringen konnte. Er hockte so unausgesetzt über seine Folianten, daß er darob Speise und Trank vergaß, für deren Erwerbung er übrigens nicht zu sorgen hatte, da meine Eltern uns bei sich behielten und ihr bescheidenes Einkommen mit uns theilten. Wurde er leise daran gemahnt, sich doch umzusehen und aus seinen reichhaltigen Kenntnissen auch einmal ein wenig Münze zu schlagen, so erwiderte er, daß es deutlich geschrieben stehe, man solle aus der Thora keinen Spaten machen, nur müsse man nebstbei ein Handwerk erlernen, und dafür, — nun dafür hatte er eben gar keine Begabung. „So verging ein Jahr um's andere, meine guten Eltern wurden alt und schwach und als sie in's Paradies eingingen,— denn dort sind sie gewiß, weil doch eine göttliche Gerechtigkeit waltet", — sie fuhr mit der Schürze über die Augen, — „da hatten wir nicht was wir unser eigen nennen konnten, als drei blühende, gesunde Kinder, die freilich unsere Augenweide waren und uns für alles Uebrige schadlos hielten. Ihrethalben verloren wir den Muth nicht, mein Mann that sich jetzt rüstig um und erhielt bald eine Lehrerstelle an einer Talmudschule, deren Gehalt zwar kaum für unsere dringendsten Bedürfnisse ausreichte, die aber doch seiner Neigung weitaus mehr entsprach, als etwa ein Rabbinatsposten, welcher ihn in die Nothwendigkeit versetzt hätte, mit unliebsamen Menschen in Verkehr zu treten und gar den Mantel nach dem Winde, oder nach Gutdünken der Herren Gemeindevorsteher zu tragen. Und da er überdies bei seinem Lehramt, einige Stunden täglich für sein geliebtes Studium erübrigen konnte, so war er ganz befriedigt und ich nicht minder. „Nach einiger Zeit wurde er. in Folge der fitzenden Lebensweise, leidend, er hüstelte viel, der Arzt rieth dringend den Wechsel der Luft und die Wahl eines anderen, mehr Leibesübung erfordernden Berufes an. Das waren böse Tage, und ermüdend wäre es für Sie und mich all' die schlimmen Wechselfälle hier herzuzählen; genug, wir entschlossen uns vor etwa fünfzehn Jahren zur Auswanderung und waren überglücklich, als mein Mann, nach langem, vergeblichem Bemühen, endlich hier den Posten eines Tempelaufsehers erhielt, der ihm körperliche Bewegung und ein Einkommen verschafft, das, verbunden mit dem Ertrage der Privatstunden, vollkommen für unseren Bedarf ausreicht. „Wir haben in unserem Leben viele Entbehrungen erduldet", schloß sie in ihrem Bericht, mit dem ihr eigenen Ausdruck heiterer Ruhe," mehr als einmal sind wir mit leerem Magen zu Bette gegangen, was der Kinder wegen, wehe that, nie ist aber ein Wort der Vorwurfes, des Streites über unsere Lippe gekommen. Der Ausspruch meines seeligen Vaters hat sich bewährt: niemals sind die Engel des Friedens und der Liebe von unserer bescheidenen Schwelle gewichen, und so haben wir auch keinen Anlaß gehabt, unsere Verbindung je anders als einen Segen zu betrachten. Und als ein Segen hat sie sich auch bewährt", sie deutet, mit einem Anfluge mütterlichen Stolzes auf die beiden Mädchen und den schon erwachsenen Sohn, die eben zur Thür hereintraten. Gesunde, heitere, wenn nicht gerade schöne Menschen, aber erstrahlend in Frische und im Vollbewußtsein der jugendlichen Kraft. Ihr Erscheinen erinnerte Lea, daß sie ihren Besuch über Gebühr verlängert und die Hausordnung vielleicht gestört hatte. Sie erhob sich rasch, bat wiederkommen zu dürfen und entfernte sich mit herzlichem Händedruck. Und sie kam wieder, zuerst selten, dann fast jeden Tag. Die bescheidene Behausung in der Rue Condorcet übte einen eigenthümlichen Zauber auf Lea's zerrüttetem Gemüth. Die Athmosphäre von stillem Behagen und unschuldsvoller Ruhe die sie hier schmeichelnd umfing, die Nähe dieser Menschen, von denen jeder an seinem Platze und, im engsten Rahmen, der unbehinderten Entfaltung seiner Kräfte sich zu erfreuen schien, die inmitten des wogenden, äußeren Getriebes, auf dem festen Punkt ihrer Innerlichkeit sicher fußten, machten auf Lea einen sonderbaren, kaum zu deffinirenden Eindruck. — Die Stimme der Zwietracht und des Zweifels die sie sonst überall umschwirnen, verstummten angesichts des friedlichen Waltens solcher ausgeglichenen, in ihrem würdevollen Selbstgefühl starken Existenzen. An der Schwelle dieses Hauses wichen die Dämonen, die sie, mit unheimlicher Macht, umklammert hielten. — Trat sie aber aus der engen Um-

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