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Jüdisches Familienblatt · 1886-01-01 · 14 (1886) · p. Seite 55

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1886
Issue
14 (1886)
Date
1886-01-01
Page
Seite 55 (sequence 3)
Language
German
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— 55 — Leo Braun schüttelte den Kopf. „Wie Du nur je auf -en Gedanken kommen konntest," sagte er, „dem Grafen angehören zu wollen!" „Wie sich das Alles machte, habe ich Euch ja damals, als ich das Bedürfniß fühlte, mich in Euren Augen zu rehabilitiren, von Ischl aus geschrieben. Ihr glaubtet mir nicht, heut glaube ich selbst nicht, daß all' das möglich gewesen, daß ich mit offenen Augen in den Abgrund gesprungen, indeß, wie die Sachen damals lagen, sah Alles Anders aus, ich hielt Sanders für einen Don Juan, der. während er mich zu lieben vorgab, eine Maitreffe hielt, ich glaubte den Eltern, die ich durch meine Entfernung vom Hause gekränkt, einen Beweis meiner Liebe schuldig zu sein und —" „Lassen wir das," unterbrach wehmüthig der Onkel; i,es ändert die Situation nicht; jetzt heißt es nicht an die Vergangenheit, sondern an die Zukunft denken! Ich werde morgen auf einige Tage nach Haus müssen! Meine Anwesenheit ist nöthig. — Du wirst von allem Laufenden, wenn Du Dich dafür interessirst, durch Euren Procuristen unterrichtet werden. Falls Du ein Zusammentreffen mit Dr. Sanders vermeiden willst, rathe rch Dir, nicht unangemeldet in das Comptoir zu gehen; er hat oft da zu thun und —" „Sanders bei uns," unterbrach Jlka erröthend. „Ohne seinen Rath und thatkräftigen Beistand," entgegnete der Onkel, „hätte ich nichts für Deinen Vater thun können. Er steht hier in allen Kreisen in großem Ansehen; wo er zu Gunsten Deines Vaters eintrat, da glaubte man jhm; — wo er sich mit seinem Wort verbürgte, da war es so gut wie eine geleistete Zahlung. — Ich habe in meinem Leben, das muß ich bekennen, keinen edelmüthigern Menschen kennen gelernt. Nicht, als ob er die ihm angethane Unbill vergessen, nein, — er sagt, nur mit seinem Tode erlischt der Gedanke an das Weh, das Ihr ihm bereitet, — aber er ist zu edel, um Unrecht mit Gleichgiltigkeit zu lohnen. Als er sah, in welchem Dilemma ich hier war, da setzte er seine ganze Thatkraft ein; Nächte hindurch arbeitete er mit mir Zusammen; wenn er die Ehre des eigenen Namens zu vertheidigen gehabt hätte, sicher, er würde nicht energischer haben Vorgehen können!" „Onkel, dank ihm in meinem Namen," bat Jlka unter Thränen. „Ich weiß, er verachtet mich und er hat Grund, mich zu verachten. Wo immer ich ihm begegne, werde ich jhm ausweichen, um nicht vor ihm erröthen zu müssen!" - (Fortsetzung folgt.) Zur Geschichte der Familie Meyerdeer. Von Max Weinberg. (Schluß von Nr. 6.) Herz Beer war ein betriebsamer und zugleich ein wohlwollender Mann, ein Kunstmäcen und ein Freund des Theaters. Seine Gattin Amalie, geb. Wolf, war eine Mutter der Bedrängten und zeichnete sich namentlich durch unerschöpfliche Aufopferung in den Jahren 1813—15 aus. Der König schenkte ihr als Anerkennung dafür einen Abguß Don dem Marmorbilde der Königin Louise in Charlottenburg. Beer starb 1825, seine Gattin fuhr fort, über ihre Kräfte hinaus: Arme und Nothleidende zu unterstützen. Ihr Haus war außerdem stets offen für Leute wie Holtei, Jenny Lind u. A. Aus der Beerschen Ehe waren vier Söhne hervorgegangen. Der zweite, Wilhelm, geb. 1797, machte die Freiheitskriege mit, übernahm später die Geschäfte des Vaters und ist der bekannte Astronom, der Freund Mädlers, Ritters und Humboldts. Er starb 1850. Der dritte, Michael, 1800 geboren, ist der Dichter des Struensee. Ein Nervenfieber raffte ihn 1833 in München hinweg. Der jüngste, Heinrich, war Maler, aber nicht gerade von hervorragendem Talent. Er spielte gern Karten und hatte dabei häufig zum Partner — den Philosophen Hegel. Der älteste der vier Brüder, am 5. September 1791 geboren, trat schon als 5jähr. Knabe in Gesellschaftsconcerten auf und er debutirte zuerst öffentlich 1800 in einem Patzig'schen Concerte. Von Weber und Zelter in der Theorie weiter gebildet, in Darmstadt ein Schüler Vogler's, fühlte er sich nicht befriedigt von seinen geistlichen Compositionen; ein unüberwindlicher Hang zog ihn zur dramatischen Musik. Aber seine ersten Opern „Jephta's Gelübde" und „Alimelex" fanden geringen Beifall. Er mußte zuerst Italien sehen, ehe er zur Meisterschaft gelangte. In Venedig schrieb er nach fast einjähren Studien zwei Opern, die ungetheilten Beifall fanden. Die Mutter theilte seinen Ruhm und wie ein Triumphator durchzog er mit ihr die Städte Italiens. Jetzt verwandelte er auch seinen Namen in Gigeomo Meyerbeer. Aber in Berlin, wo Gluck, Mozart, Weber, Spohr und Spontini herrschten, wollte man noch nichts von dem Dante und der Musik, wie die Italiener ihn nannten, wissen. Er mußte erst nach Paris gehen, um sich Weltruhm zu erwerben und dann auch allmählig in seiner Vaterstadt anerkannt zu werden. Sein „Robert der Teufel", zuerst in Paris am 22. November 1831 aufgeführt, mußte erst die Reise um die Welt machen, ehe er 1832 in Berlin einen zweifelhaften Erfolg errang. Es folgten 1836 in Paris seine „Hugenotten". In Berlin erklärte man das Stück für eine Blasphemie auf den christlichen Glauben und fürchtete davon Zwietracht zwischen Katholiken und Protestanten. Das wurde erst anders, als König Friedrich Wilhelm IV. den Componisten nach Berlin zurückberief, wo die Prinzessin von Preußen (die jetzige Kaiserin) sofort den vierten Act der „Hugenotten" in ihrem Palais aufführen ließ. Jetzt wurde der Componist mit Ehren und Aemtern überhäuft. Im Jahre 1846 ging er mit seiner Schülerin Jenny Lind nach Italien und vollendete 1848 seinen Propheten, der am 28. October 1850 zuerst in Berlin aufgeführt wurde. Im Sommer 1854 hatte er die Pflicht, seine Mutter, die in ihrem 87. Lebensjahre gestorben war, zur letzten Ruhestätte zu begleiten. Sie wurde wie eine Fürstin begraben und Männer wie Humboldt folgten ihrer Bahre. Giacomo aber schuf nun seinen „Nordstern", seine „Dinorah" und hatte kaum seine „Afrikanerin" beendet, als der Tod ihn 1864 an die Seite der Mutter rief. Er hinterließ drei Töchter, von denen die älteste an den Baron von Korff und die jüngste an den nunmehr auch Heimgegangenen Maler Professor Richter verheirathet war. Ich möchte bei dieser Gelegenheit einer literarischen Notiz Erwähnung thun, die ich jüngst in einem angesehenen Berliner Blatte gelesen habe. In einem „Erinnerungsblatt voll Ludwig Spohr" von dem bekannten Musikschriftsteller Ludwig No.il in der Sonntags-Beilage den „Voss. Ztg." Eine weitere Bekanntschaft Spohr's war der dreizehnjährige Meyer Beer. „Der talentvolle Knabe eregte schon damals durch seine Virtuosität auf dem Pianoforte solches Aufsehen, daß seine Verwandten und Glaubensgenossen nur mit Stolz auf ihn blickten", berichtet Spohr. „Man erzählte sich, daß einer von ihnen, von einer Vorlesung über Astronomie zurückkehrcnd, den Seinen voll Freude zurief: Denkt euch, man hat unseren Beer schon unter die Sterne versetzt! Der Professor zeigte uns ein Sternbild, das ihm zu Ehren der „kleine Beer" genannt wird". „Er mar so klug, den jungen Virtuosen zur Mitwirkung in seinem Concerte einzuladen, was dem Besuche desselben sehr zu statten kam denn es war das erste öffentliche Auftreten des Knaben und seine Glaubensgenossen wußten den Augenblick zu würdigen." Diese Notiz, die auch Heinr. Heine für gekannt und für wahr gehalten zu haben scheint, oder wenigstens zum Schein dafür nimmt, hat bei dem Bildungsgrade der vorgenannten, doch wenig Glaubwürdigkeit für sich und dürfte wohl nur auf einen billigen Witz Spohrs oder Heine zurückzuführen sein. Mit Fräulein v. Mantalban ist wohl die letzte dieser schönen Tafelrunde zur ewigen Ruhe eingegangeu.

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