Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Familienblatt · 1886-01-01 · 14 (1886) · p. Seite 54

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1886
Issue
14 (1886)
Date
1886-01-01
Page
Seite 54 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/6492351-9579404-9574247--0590-9574249
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Antheil, ja mit einer Regung der Erbitterung, auf die Vor« theile, die der vom Zufall gewährte und nicht durch eigene Kraft eroberte Reichthum ihm bot. Wenn er dem unerwarteten Besitz nicht völlig gleichgültig gegenüberstand, so war es Lea's wegen, die nicht länger den Bedrängnissen des Geschickes ausgesetzt zu sehen, ihm allein einige Genugthuung gewähren konnte. Für Lea dünkte ihm auch nichts zu gut und zu prächtig, ihr Boudoir sollte mit allen Herrlichkeiten, die Luxus und Kunst nur zu ersinnen vermochten, ausgeschmückt sein, ihrethalben der Salon für nunmehr sich einstellende Freunde eröffnet werden, ihr sollten die zu lange vorenthaltenen Gaben des Glückes, mit verdoppelter Fülle, in den Schooß fallen. Lea lehnte sanft, aber bestimmt ab. „Was bedarf es dieses Glanzes", sagte sie, „der mein ungewohntes Äuge nur blenden, ' was dieses glatten Salontreibens, das mir nur Langweile und unerträglichen Zwang verursachen würde? Haben die guten Freunde zur Zeit der Roth sich fern gehalten. so können wir auch jetzt leicht ihrer entrathen, und sind wir uns, heute wie vormals, nicht genug, wir Beide und unser Kind zwischen uns?" Da Stefan, im Grunde von gleicher Ansicht und Neigung beherrscht war, so richteten sie ihre Häuslichkeit demgemäß ein. Die ungestörteste Ruhe umgab sie. Eine auserlesene Bibliothek, ein kleines Laboratorium für die naturwissenschaftlichen Studien Stefan's, ein prachvoller Flügel, der dem Bedürfnisse seines musikalisch-durchgebildeten Geistes entsprach, der in den seltensten Gewächsen prangende, vom Duste der Rosen und Mangolien durchwürzte Garten, dies genügte vollauf ihrem Hunger nach seelischer Nahrung und ihrem feinfühligen Schönheitssinne. (Fortsetzung folgt.) versöhnt! a Original-Roman von Jda Barber. (Fortsetzung.) Die Sitzung, in welche der Onkel gegangen war, nahm einen ungemein stürmischen Verlauf. Einige Kausleute hatten den Antrag gestellt, Braun steckbrieflich verfolgen zu lassen; sie wurden lebhaft von denjenigen Gläubigern, die man als geschworene Antisemiten kannte, unterstützt. Aktiva und Passiva sollten dem Staatsanwalt überantwortet, die Klage auf betrügerischen Bankerott erhoben werden. Gerade in diesem Augenblick betrat Leo Braun den Saal und brachte ein Schriftstück zur Verlesung, das allgemeine Sensation hervorrief. Es war die Verzichtleistung der Gräfin Zandos auf das ihr vom Vater festgesetzte Vermögen. Im Nu machte sich ein Umschwung der Stimmung geltend. Man schlug ihren Verzicht um so höher an, als ja Niemand denselben beansprucht hatte, da Alle der Meinung waren, ihre Mitgift sei dem Grafen Zandos überantwortet worden. „Den Entschluß," sagte ein Antisemit, „hätte Gräfin Zandos als Jüdin nie gefaßt, man sieht doch, daß der Uebertritt zum Christenthum auf ihre Gesinnung Einfluß geübt!" „Gräfin Zandos," sagte Leo Braun mit Stolz , „hat diesen Entschluß heut gefaßt, nachdem sie ihrem Religionslehrer Dr. Ritter die Mittheilung gemacht, sie sei fest entschlossen, zum Judenthum zurückzukehren!" Diese, wenngleich berechtigten, doch gerade jetzt wenig klug gebrauchten Worte beeinträchtigten die Stimmung, die sich bereits zu Gunsten Brauns geltend gemacht. „Auch die Frau soll," nahm einer der Gläubiger das Wort, „thun, was die Tochter gethan! Ich schlage vor, ihr ein Ultimatum zu stellen! Cedirt sie bis übermorgen die ihr zugeschriebene Summe abzüglich der ihr rechtmäßig zukommenden 5000 Gld. den Gläubigern, so nehmen wir von jeder steckbrieflichen Verfolgung Abstand, thut sie es nicht, so > mag sie 3 Tage später den Steckbrief ihres G atten in allen Zeitungen lesen." Vergeblich machten Brauns Advocat und auch der mitanwesende Dr. Sanders Einwendungen, mahnend, daß der großmüthige Verzicht der Gräfin anzuerkennen sei, es geradezu unritterlich wäre, ihn, selbst wenn Frau Braun nicht einwilligte. mit einem Steckbrief zu beantworten, — alle Mahnungen blieben unbeachtet. Man glaubte sich im Recht, eine Pression ausüben zu können, und wollte von diesem Rechte Gebrauch machen. Dr. Sanders wurde beauftragt, mit Frau Braun diesbezüglich zu unterhandeln. Er lehnte den Auftrag ab, da er sich am Wenigsten geeignet halte, das erwünschte Resultat zu erzielen, so sehr ihm auch daran gelegen sei, eine Einigung zu bewirken. Jlka war gerade beschäftigt, den Brief ihrer Schwiegermutter, die sie zur Rückkehr ermahnte, zu lesen, als Onkel Leo bei ihr eintrat, um ihr das Resultat der Sitzung rnitzutheilen. „Morgen," sagte er, „werden zwei Herren des Gläubiger-Cornits's kommen, um die Mutter in dieser Angelegenheit zu sprechen." „Sie wird sie einfach nicht empfangen," sagte Jlka. „So wird man ihr schreiben," entgegnete Leo Braun. „Bis jetzt weiß sie noch nichts von Deinem Verzicht, wenn sie aber —" „O, wie wird sie außer sich sein," sagte Jlka, „wenn sie davon hört; indeß ich fürchte ihre Vorwürfe nicht, ich that, was ich thun mußte." „Brief aus Venedig?" fragte der Onkel, die Postmarke erkennend. „Mein liebe Schwiegermutter mahnt zur Rückkehr," sagte Jlka, dem Onkel den Brief reichend. „Ich denke, ich brauche ihr nur mitzutheilen, daß ich soeben meinem Vermögen zu Gunsten der Masse entsagt und sie wird vergessen, daß sie eine „liebe Schwiegertochter" hat, deren Anwesenheit sie so „sehnlichst" herbeiwünscht." Gleich nachdem der Onkel sich entfernt, schrieb auch Jlka in diesem Sinne: „Verehrte Frau Gräfin! Es dürfte Ihnen nicht unbekannt sein, zu welchem Zwecke Ihr Herr Sohn mich nach hier gesandt. Nicht nur konnte ich das von ihm begehrte Kapital nicht retten, ich fand mich sogar angesichts der drohenden Krisis veranlaßt, auf das mir zustehende Vermögen zu Gunsten der bei dem Concurs meines Vaters Geschädigten zu verzichten. — Ich bin bettelarm, habe Nichts gerettet, als meinen ehrlichen Namen. Mit dem Fluch beladen, ein Vermögen usurpirt zu haben, das mir nicht gehört, mochte ich nicht durch's Leben gehen. Ihren Sohn bedaure ich aufrichtig; er hat schlecht speculirt; ich mag ihm nicht als lebender Vorwurf vor Augen sein und willige gern in die Scheidung, die er mir schon in Venedig proponirt, falls der Zweck meiner Reise sich nicht erfüllt. — Er hat sich nicht erfüllt; ich erkläre ihn somit jeder Verpflichtung gegen nach frei und werde unverzüglich die Scheidung, die er gewünscht, beantragen. Mit gebührender Hochachtung Jlka Braun." Als sie dem Onkel den Brief zur Durchsicht gab, sagte er: „Er wird Dich trotz alledem nicht frei geben!" „Er wird es müssen," sagte Jlka. „Ich werde Nachweisen, daß er mich nicht standesgemäß erhalten kann, daß er mit meinem Vermögen seine Schulden bezahlt, in Venedig —ich erfuhr es nur zu spät — eine Maitresse gehabt und —" „Du wolltest wirklich all' diese unlauteren Sachen durch die Gerichte zum Austrag bringen lassen?" fragte der Onkel. „Was bleibt mir übrig? Glaubst Du, ich ertrage es noch 2 Monate wie die letzten hinzubringen. Ich würde physisch und moralisch zu Grunde gehen!"

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.