Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1886
- Issue
- 14 (1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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M14. Jüdisches 188k. Herausgegeben von Dr. Rahmer in Magdeburg. Zur Uutrrhultuug«. Kelehrung für die israelitische Jugend. Die Prinzessin. Eine Erzählung von Agathe Meisels. (Fortsetzung.) — Versöhnt. Original-Roman von Jda Barber. (Fortsetzung.) — Zur Geschichte der Familie Meyerbeer. Von Max Weinberg. (Schluß.) — Kleine jüdische Charakterzüge. Ein guter Grund. — Wie man den Sabbath umgeht. — Scherzfrage. — Ein guter Vorbehalt. — Räthsel-Aufgaben und Räthsel- Lösungen Die Prinzessin. 14 Eine Erzählung von Agathe Meisels. (Fortsetzung.) Doch der Platz, wo der Fabrikherr eben gestanden, war leer. Der Moment, der ihm das unwillkommene Schauspiel des Glückes der wiedervereinigten Gatten bot, genügte, um ihm das Mißliche und mehr ncch die Lächerlichkeit seiner gegenwärtigen Situation vor Augen zu führen. Dem schnell gefaßten Entschluß sich zu eclipsiren, war die Thal auf dem Fuße gefolgt; in einem Nu halte er die Thür und von da, mit einem Sprung, den Treppenabsatz erreicht. Stefan wollte ihm nacheilen, wurde aber von Lea, fast gewaltsam zurückgehalten. „Wenn Du mich liebst, so wirst Du die Sache auf sich beruhen lassen. Denn hängest Du sie an die große Glocke, so verfallen wir nicht nur der Rache dieses Mächtigen, sondern auch dem Fluche der Lächerlichkeit, da Du selbst doch heraufbeschworen hast, was sie, in der sogenannten „guten" Gesellschaft, ein kleines, picantcs Abenteuer nennen". Und dann berichtete sie in kurzen Worten von ihrer Angst um ihn, den fürchterlichen Ueberfall und Alles was sie aus dem Munde des Abscheulichen vernommen. „Der zwiefache Schurke" brauste Stefan auf, „Dich so zu erschrecken und zu martern! Wie muß er nur über meine Tölpelei sich in's Fäustchen gelacht haben! Doch was war es nur, das Dich, diese tödlich langen Stunden, vom Hause fern hielt?" Lea fühlte wie ihr eine Purpurwelle die Wange färbte. Die Lüge kam ihr, der Reinen, nicht glatt von den Lippen und doch vermochte sie, von einer ihr selbst unerklärlichen Scheu befangen, die Wahrheit nicht einfach zu enthüllen. So erzählte sie denn stockend, daß sie im Magazin, wo sie die Arbeit ablieferte, länger, als sie vermuthete, zurückgehalten, auf dem Heimwege in der Dämmerung sich verirrte — und nichts mehr. Stefan schaute ihr forschend in's Auge, ein Zug der Trauer flog wie ein Schatten über seine schöne Stirn, dann sagte er mit einem kaum hörbaren Seufzer: „Was es auch sei, so viel steht fest, daß Du keiner unwürdigen Handlung fähig bist. Und nun soll, Deinem Wunsche gemäß, von dem heute Vorgefallenen nicht weiter die Rede sein. Das nächste was zu thun uns obliegt, ist, hier unser Zelt abzubrechen, damit der Elende die Spur, die zu uns führt, verwischt finde". „Wie, Du wolltest ausziehen?" frug Lea erschrocken, „wie ist dies mit unserem zur Neige gehenden Kapital zu ermöglichen?" „Es muß gehen", sagte Stefan achselzuckend und trat zerstreut an den Tisch. Da fiel sein Blick auf das dort liegende, vergessene Briefcouvert. „Was ist das?" Mil nervöser Hast erbrach er das Siegel. Lea trat hinzu und über seine Schulter gebeugt, lasen sie beide die folgenden, lakonischen Worte: „Der Herr Graf Wieclogorski ist gestern, mit den Sterbesakramenten versehen, seelig in dem Herrn entschlafen. Da die Plötzlichkeit seines Todes ihn an sein oft geäußertes Vorhaben hinderte, testamentarische Verfügungen zu treffen, so fallen sümmtliche Liegenschaften und das gesammte Baarvermögen, gesetzlich dem einzigen, legitimen Erben zu. Ein Notar hat, unter meiner persönlichen Aufsicht, die Siegel angelegt, und bitte ich nun um Ihr persönliches Erscheinen oder eventuelle schriftliche Bestimmungen, behufs Ordnung des sehr bedeutenden Nachlasses". Hier folgte die Unterschrift des Dieners der Kirche, der ob dieses herben Verlustes „trauernden Kirche", des Kaplanes und Hausfreundes vom Grafen. Der Brief entfiel den Händen Stefans, der laut aufschluchzend sein Gesicht in die Kissen des Sopha's barg. Lea blickte tief bekümmert auf den Trauernden. Sie empfand an dem eigenen, unruhigen Herzschlag, daß es Wunden giebt, für die die Zeit selbst keinen heilenden Balsam hat, daß der mit dem bitteren Ingredienz des Selbstvorwurfes versetzte Schmerz auch von der weichen Hand der Liebe nicht gelindert werden kann. Sie versuchte kein Wort des Trostes. Still begab sie sich zur Wiege ihres wieder entschlummerten Knäbleins und einen Kuß auf die rosigen, halbgeöffneten Lippen drückend, murmelte sie leise: „Der da, der Reine, Unschuldige, wird die Früchte des Gutes genießen, das uns unverdient in den Schooß gefallen ist". So empfingen sie, still und freudlos, die reiche Gabe Fortuna's, eine Gabe, die den Ansprüchen des Verwöhntesten genügen und ihnen, in ihrer gegenwärtigen Lage, als eine wahre Hilfe in der Noth erscheinen durfte. — Stefan, der die Seinen nicht verlassen mochte, um die weite Reise nach Polen anzutreten, schickte eine schriftliche Vollmacht dahin, und nach Ablauf weniger Wochen sah er sich im Besitz eines nahezu fürstlichen Vermögens. In ciner vom sinneverwirrenden Getriebe der Weltstadt entlegenen, durch die vornehme Pracht seiner stolzen Paläste bekannten, Straße, fällt ein einfaches, schmuckloses Haus auf, dessen einzige Zierde ein großer, die Rückseite begränzender Garten bildet. Dort finden wir unser junges Paar wieder. Die innere Ausstattung der lichten, weiten Räume verräth wenn auch Comfort und eine gewisse gediegene Eleganz, doch nicht im Entferntesten den kolossalen Reichthum der Inhaber. Nirgends wird das Auge durch schrille Farbentöne und aufdringliches Gold beleidigt. Dunkle Wandtapeten und in ähnlichen Tinten gehaltene Möbel, dicke Teppiche und Portiören, die jedes Geräusch auffangen und dämpfen, die ganze Einrichtung, bis auf das ruhige Wallen des Dienstpersonals, bekundet die ernste schweigsame Art der Bewohner. Und in der That, das elastische Frohgefühl des Daseins, die jugendlich-sprudelnde Lebenslust haben in diese Behausung nicht ihren Einzug gehalten. Stefan blickte ohne inneren