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Jüdisches Familienblatt · 1886-01-01 · 13 (1886) · p. Seite 50

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1886
Issue
13 (1886)
Date
1886-01-01
Page
Seite 50 (sequence 2)
Language
German
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50 — schließlich ausfindig, und hier dieser Brief, der in meinem Büreau für Ihren Gatten abgegeben wurde", — er zog ein ziemlich großes, schwarzgerändertes Briefcouvert aus der Tasche und warf es nachlässig auf den Tisch, — sollte mir den willkommenen Vorwand zu einem effectvollen Entrse bieten, eine 8oi.-di.8ant geschäftsmäßige Einleitung. Es handelt sich nur noch darum, eine Stunde zu finden, wann Nou8isur 6srdsrn8 nicht anwesend wäre, und dieser hat leider, in Folge seiner Beschäftigungslosigkeit, eine ganz außerordentliche Vorliebe für die stillen Freuden der Häuslichkeit. Zum Behufe der Constatirung dieses verhängnißvollen Umstandes, hielt mein Wagen von Zeit zu Zeit nicht weit ab von Ihrer Behausung, und diese pure Zufälligkeit mochte den Argwohn des Herrn Gemahls erregt und mir das Vergnügen seines Ueberfalles verschafft haben. Seine heftigen Vorwürfe angesichts meiner, weiß Gott, unverschuldeten Ün« schuld, legte mir das heiße Verlangen nahe, machte es mir quasi zu meiner Ehrensache, dessen man mich da bezüchtigte, auch wirklich schuldig zu sein", fuhr er mit behaglicher Breite fort. „Ich heuchelte demnach eine gutgespielte Verlegenheit und bestärkte durch meine schwach vorgebrachte Verwahrung Ihren Gatten in seinem, allerdings etwas voreilig gefaßten Verdacht. Ich dachte im Stillen, wie die Leidenschaft doch den Vernünftigsten verblende, denn ginge der Rasende jetzt schnurstracks nach Hause, so würde er zweifelsohne sein charmantes Weibchen, als die treue Pflegerin der Penaten wiederfinden. Um dieser eventuellen Wiederkehr des gesunden Menschenverstandes, vor der mir bangte, vorzubeugen, so ließ ich mich, scheinbar dem Zwange weichend, zu dem Geständniß herbei, daß ich wirklich auf der Lauer gewesen, daß ich, in der Abenddämmerung, den flatternden Vogel eingefangen und in den vergoldeten Käfig meines Landhauses in Neuilly gebracht habe, wo ich ihn zur Zähmung, bis auf weiteres, in sicherem Gewahrsam hielte. Ich wollte, wir wären schon da angelangt", fügte er mit einem pathetischen Stoßseufzer hinzu. „Und mein Mann, wo ist er jetzt, um Himmels willen?" rief Lea die Hände ringend. „Beruhigen Sie sich, schönes Kind, Ihrem Manne kann kein Leid widerfahren sein, so fern er nicht von Mördern oder Weglagerern überfallen wurde, was doch in solcher Näh der Metropole kaum denkbar ist. Da er nämlich Wuth und Rache schnaubte und durch seine geballte Faust und bürgerliches Rasen mich einschüchterte, so bezeichnete ich ihm schließlich den Weg zu meiner Villa, und jetzt eilt der Arme auf Windesschwingen, respective in einem elenden Cab mit einem lendenlahmen Gaul, über die holprige Landstraße, während ich mich flugs hierher begab, um zu meinem Entzücken, meine Vermuthung bestätigt, das heißt Sie zu Hause und allein zu finden. Ist das nicht ein herrlicher Spaß?" Er rieb sich vergnügt die Hände. Dann fuhr er, ihrer Entrüstung nicht achtend, gemächlich fort: „Sie wohnen elend genug in dieser Mansarde und das muß anders werden. Wenn schon nicht Ihretwegen, so doch Ihres Kindes wegen — denn ich vermuthe, daß der kleine Engel da, Ihr Sprößling ist, wirklich ein rosiges Gesichtchen, ganz die Mama; — also seinetwegen werden Sie sich ein bischen Comfort schon leidlich gefallen lassen. Wenden Sie mir nur ein klein wenig Ihre Huld zu, gestatten Sie mir nur, mich zeitweise in dem Strahlenglanz Ihrer Schönheit zu sonnen, und Sie sollen sehen, wie wohl cs Ihnen Allen werden wird, wie behaglich es sich ruhen läßt, auf den schwellenden Polstern des Luxus. Kommen Sie, mein scheues Täubchen, und überlegen Sie sich die Sache", — er versuchte es, sie an sich zu ziehen. Lea riß sich gewaltsam los, stürzte zur Wiege und ergriff das eben erwachte Kiud, das sie wie zum Schutz an ihre klopfende Brust preßte. So stand sie hochaufgerichtet, mit zorngeröthetem Antlitz, vor dem Eindringling. „Mein Herr", sagte sie jetzt in ruhig-würdevollem Tone, „Sie haben mir einen Einblick in den Abgrund Ihrer dunklen Seele verschafft, und nun habe ich genug daran. Gehen Sie und beflecken Sie nicht länger durch Ihre Gegenwart eine wenn auch niedrige, so doch ehrliche Behausung, oder Sie würden mich zwingen, um Hülfe zu rufen und Ihr abscheuliches Vorgehen öffentlich zu brandmarken. Gehen Sie". „Oho, welch' stolze Handbewegung, eine königliche Entlassung! Dieses sanfte Gesichtchen und diese Majestät des Ausdruckes! Das girrende Täubchen in eine zürnende Juno verwandelt! aber, bei jden ewigen Sternen, Sie sind noch hundertmal schöner und Sie müssen es sich schon gefallen lassen, daß ich einen Kuß auf diesen zorngeschwellten, entzückenden Mund drücke". Entsetzt wich sie bis zur Thür zurück, doch er folgte ihr mit einer Behändigkeit, die man seiner Wohlbeleibtheit gar nicht zutrauen würde, und wollte eben, die sich Sträubende durch eine geschickte Schwenkung einfangen, als die Thür von außen her heftig eingedrückt wurde, und die hohe, biegsame Gestalt Stefans im Rahmen derselben erschien. „Gottlob, daß Du da bist", rief Lea sich stürmisch an seine Brust werfend, „nun ist Alles wieder gut". Stefan drückte sie leidenschaftlich an sich, schob sie dann sanft zur Seite und mit den Worten: „erst laß' mich Abrechnung halten mit diesem da", wandte er sich zornsprühend an den galanten Fabriksinhaber. (Fortsetzung folgt.) Versöhnt! 44 Original-Roman von Jda Barber. H. Die Rückkehr. Kaum eine Stunde später trat Dr. Ritter, ein alter, würdiger Mann, zu ihr ein. Sie ging ihm bewegt entgegen und sagte, ihn zum Divan führend: „Werther Herr Doctor! Sie sind an mir irre geworden, ich weiß es; es ist mir ein wahres Herzensbedürfniß, mich in Ihren Augen zn rehabilitiren! — Deshalb bat ich Sie, zu mir zu kommen!" Sie schwieg, da sie den vorwurfsvoll auf sich gerichteten Blick des würdigen Mannes bis in's Herz dringen fühlte. „Sie haben mir durch Ihren Uebertritt zum Christenthum," entgegnete vr. Ritter, „ein schweres Herzeleid zugegefügt. Ich, der ich in Ihnen stets eine gläubige, begeisterte Schülerin gefunden, vermochte es nicht zu fassen, daß Sie doch, den Einflüsterungen Ihrer Familie Raum gebend, Ihrem Glauben entsagen konnten!" „Fasse ich es doch selbst kaum," rief die junge Frau, in Thränen ausbrechend; „ich war schwach, krank, damals jeder Einflüsterung zugänglich, in der Pflege und Obhut einer Pietistin, die von früh bis spät auf mich eindrang, meine Genesung als ein Werk des Heilandes pries, zu dem sie für mich gefleht, da, als ich meine Einwilligung gab, Christin werden zu wollen, war mein Sinn noch halb umnachtet; wochenlang lag ich, von jedem Verkehr abgeschnitten, nur der Frömmlerin lauschend — ich weiß selbst nicht, wie ich mein Thun entschuldigen soll, — klagen Sie mich an, Doctor, verurtheilen, schelten, verachten Sie mich, wie mir gebührt, nur sagen Sie mir, wie ich es wieder ermöglichen kann, zum Gott meiner Väter zurückzukehren! Ich bin zur Einsicht gekommen, daß ich gesündigt, meine Strafe war härter, als Sie glauben; ich schwöre es Ihnen, daß ich gelitten, wie die —" „Genug, mein Kind," unterbrach tiefbewegt der alte Mann; „jetzt erkenne ich Dich wieder." Segnend legte er beide Hände auf das Haupt der jungen Fraui Als sie sich erhob, leuchtete ihr Blick. „Glauben Sie mir," sagte sie, „ich war nie eine bessere Jüdin, als zu der Zeit, da ich dem Glauben unserer Väter untreu zu sein schien! Das Gewissen mahnte mich, ließ mir keine Ruhe;

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