Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1886
- Issue
- 13 (1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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utUifi-l/#// Herausgegeben von Dr. Rahmer in Magdeburg. Inhalte Die Prinzessin. Eine Erzählung von Agathe Meisels. (Fortsetzung.) — Versöhnt. Original-Roman von Jda Barber. (Fortsetzung.) — Unsere Tobten des Jahres 1885. Von Max Weinberg. — Allerlei für den Familientisch: Der Einfluß Mendelssohns auf die politische Emaneipation der Juden. — Räthsel-Aufgaben und Rnthsel-Lösungen Die Prinzessin. Eine Erzählung von Agathe Meisels. (Fortsetzung.) Weshalb hatte sie auch, in ihren eigenen Gedankenkreis gebannt, bis nun gar nicht daran gedacht, wie sehr ihre unerklärlich lange Abwesenheit den Gatten ängstigen mußte? Quälende Selbstvorwürfe ob ihrer Rücksichtslosigkeit wechselten nun mit ganz anderen, fern liegenden Empfindungen ab. Ihre Phantasie von dem eben Gehörten und Gesehenen mächtig ergriffen, zeichnete ihr längst vergessene Bilder aus den ersten Tagen der Kindheit mit plastischer Deutlichkeit vor die Seele; sie sah jedes einzelne Vorkommniß ihres Lebens in consequenter Folge und scharfer Beleuchtung vor sich aufmarschiren und unmerklich schwammen die Gränzen von Einst und Jetzt ineinander bis die zwischenliegende Kluft, die Vergangenheit von Gegenwart trennte, dahinschwand und die schielenden Farbentöne in eine lieblich abgestufte Harmonie sich auflösten. Dann wieder trat die Gegenwart mit ihrem anerkannten Rechtsspruch in den Vordergrund und zerriß mit brutalem Griff das luftige Traumgewebe. Wie konnte sie nur einer derartigen Pflichtvergeffenheit sich schuldig machen und ihren Gatten so lange mit seinen finsteren Grübeleien allein lassen? Und wo war er nun jetzt und zu welch' gewaltsamen Schritten mochte die Verzweiflung ihn nicht antreiben? Brühheiß und fröstelnd fuhr es ihr abwechselnd durch die Glieder, ihre Schläfen hämmerten, es litt sie nicht länger auf dem Platze. Erregt lief sie im Zimmer umher, horch, kam da nicht Jemand die Treppe hinauf? sie hörte ganz deutlich das Knarren der Stiefel, doch das Geräusch verhallte schon im ersten Stock, — eS war der selbstzufriedene Kohlenhändler aus der Auvergne, der von des Tages Nichtsthun im Schooße der Familie auszuruhen kam. Und jetzt wieder dieser zögernde Schritt, er kam näher, näher, bis an ihre Thür, dann aber weiter hinauf, sicherlich der arme, über ihnen wohnende, mit sechs Kindern gesegnete Zeichenlehrer, der den hungernden Seinen gewiß die trostlose Botschaft einer Zurückweisung seiner Zeichnungen von diesem und jenem illustrirten Blatte, eine peue Enttäuschung brachte, die sie nebst so vielen anderen statt des Brodes, zu verschlucken hatten. Und immer wieder hörte sie hallende Tritte in dem weiten, öden Hause, langsame, schleichende, hastige, knirschende, schlürfende, feste; den kurzen Hundetrab des Geschäftigen, den stillhaltenden, bedächtigen Gang des Meditirenden, das eilige Vorbeihuschen des Uebelgesinnten, die zuversichtlichbreiten Fußtritte des Hoffenden, — doch alle mündeten in andere Häfen, hielten vor anderen Thüren still. Zuletzt verstummte alles Leben im Hause, sie konnte bei der sie umgebenden, unheimlichen Ruhe das Picken der im Nebenzimmer hängenden Uhr und den Pulsschlag ihres Herzens vernehmen, — bis auch dieser Ton verklang und sie in eine Art lethargischen Zustandes, einen unerquicklichen, durch wüste Träume Beunruhigten Halbschlaf verfiel. Da ward sie durch ein in ihrer unmittelbaren Nähe verursachtes Geräusch jäh erweckt. Sie sprang auf, von der nächsten Thurmuhr schlug es zehn — und da war er endlich, der Heißersehnte. Gewiß, es war Jemand in's Zimmer getreten, doch nicht ihr Gatte war es, der jetzt ihrem wirren Blick begegnete. Ein eleganter, ältlicher Herr, einen Ambraduft wie eine Salondame ausstrahlend, schaussirt, behandschuhet, in knapp anliegendem Paletot, ein wandelndes Modejournal stand vor ihr, und wer malt ihren Schrecken, als sie in dem fünfzigjährigen. von der heitersten Weinlaune beseelten Don Juan, den Fabriksbesitzer erkannte, dessen unverhohlene Bewunderung ihr schon einigemal die Röthe des Unwillens in's Antlitz getrieben hatte. „Was verschafft uns die Ehre?* frug sie mühsam nach Fassung ringend. „O, ich wollte mir endlich das langentbehrtc Vergnügen einer Unterhaltung mit Ihnen gönnen, meine Schönste", schnarrte er. sie durch das Binocle unverwandt anstarrend. „Und dann bin ich auch beiläufig, so zu sagen, in geschäftlicher Absicht gekommen". „Zu dieser unpassenden Stunde", stammelte sie, „mein Mann" — „Ist nicht zu Hause, ich weiß es", unterbrach er sie mit einem unverschämten Lächeln, indem er sich behäbig auf einen Sessel niederließ. „Sie gestatten doch, meine Gnädige, diese verwünschte Treppe hat mich beinahe außer Athem gebracht". „Aber woher wußten Sie. daß mein Mann abwesend ist?" frug Lea völlig fassungslos. „Nun, das ist bald erklärt; kommen Sie nur her und setzen Sie sich zu mir, meine Holde;" er versuchte ihre Hand zu fassen. „Wie, Sie wollen nicht? auch gut, stehend kann ich all Ihre Reize, die Formvollendung ihrer deliziösen Gestalt noch besser würdigen. Also, die Sache verhält sich so: Vor circa-einer Stunde ward mir die Ehre eines Besuches seitens Ihres, wie soll ich nur sagen, etwas rabiaten Herrn Gemahls, zu Theil. Mit wirren Haaren, Zorngluth auf der edlen Stirn, wie's im Buche heißt, stürzte er in mein Boudoir, ich saß gerade bei meinem verspäteten Souper, der bärenbeißige Seladon wollte sich aber durchaus nicht abweisen lassen. Er sprang also auf mich zu, mit der verblüffenden Behauptung, daß ich der schnöde Entführer seiner Frau sei. Man hätte ihm seinen Schatz geraubt und ich sollte partout der Räuber sein, was er aus dem zufälligen Umstande ableitete, daß er meine Equipage in der Nähe seiner Wohnung halten sah. Sie begreifen meine sittliche Entrüstung. Ich, ein Pater familias, ein Mitglied der Chambre des Deputes, empörend! Um so empörender, als ich tatsächlich bis nun nicht die Gelegenheit fand, dies haarsträubende Verbrechen zu verüben. Wohl habe ich bis nun meine Zeit nicht ganz vergeudet, denn ich machte, trotz der unaufhörlichen Weigerung Ihres argusäugigen Hüters, mir den Weg zu Ihrer Behausung zu weisen, diese doch