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Jüdisches Familienblatt · 1886-01-01 · 12 (1886) · p. Seite 47

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1886
Issue
12 (1886)
Date
1886-01-01
Page
Seite 47 (sequence 3)
Language
German
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Tomptoirzimmer, da man ihr sagte, daß der Onkel bereits da sei. Er wareben damit beschäftigt, die eingegangenen Briefe durchzulesen. „Gut, daß ich Dich sehe, Jlka," sagte er, ihr herzlich die Hand bietend; „ich habe gestern nach Haus telegraphirt, daß Du angekommen; Leah schreibt mir soeben, daß Du zu ihr kommen mußt; sie erwartet Dich morgen Wie denkst Du darüber?" Jlka überlegte nur eine kurze Zeit, dann sagte sie: „Onkel, das geht nicht! Ich bin der Mutter nöthig; sie ist ja hilfloser wie ein Kind, und dann — dann —" „Was dann?" forschte der Onkel. Sie erzählte ihm die Affaire mit Marie Dinray. „Sag selbst, Onkel, muß ich der armen Person, die durch meinen Bruder unglücklich geworden, nicht helfen?" „Er ist wirklich ein elender Mensch," rief Braun unwillig. „Scheint sich einen ganzen Harem angelegt zu Haben! Das ist nun die dritte Liaison, von der ich höre, so lange ich hier bin!" „Soll ich reisen?" fragte Jlka zögernd. „Wenn Dich Dein Pflichtgefühl hier zurückhält, so bleibe," sagte der Onkel ernst; „Du hast Recht, die Mutter wirb einer Stütze bedürfen und ich sehe, Du bist ernster und selbstständiger geworden, als ich Dich seither gekannt!" „Ich werde Deine gute Meinung zu verdienen suchen, Onkel," entgegnete Jlka; „ich selbst glaube, daß ich in den wenigen Monaten um Jahre gereift bin. Doch nun sage mir, wie steht es nm Papa's Geschäft? Welcher Zukunft gehen wir entgegen?" „Liebe Tochter," entgegnete Leo Braun ernst, „die Sache ist verwickelter, als ich glaubte! Seine Gläubiger wollen nichts von einem Accord wissen; sie sind der Ansicht, daß er Geld beseitigt habe. — Kommt es nicht zum Ausgleich, so darf er nicht zurückkehren; man würde gegen ihn — und das weiß er — wegen betrügerischen Bankerotts klagbar werden! Es giebt allerdings einen Ausweg, sich mit den Gläubigern zu einigen und ihm dadurch die Möglichkeit zu geben, wieder —" „O sprich, Onkel," drängte Jlka; „ich kann den Gedanken nicht ertragen, daß der Vater in der Verbannung leben soll." „Nun, so mußt Du sowohl wie Deine Mutter zu Gunsten der Masse auf das Capital verzichten, daß Euch sicher gestellt ist!" „Ich mit Freuden," rief Jlka, „wenn ich dadurch dem Vater die Rückkehr ermögliche. — Die Mutter — ich weiß nicht, sie wird Bedenken haben, nicht wollen, ganz den Kopf verlieren!" „Das fürchte auch ich," entgegnete Leo Braun. „Aber Dir, mein Kind, rathe ich, zu überlegen, ehe Du Verzicht leistest. Du bist verwöhnt; kannst nichts leisten; wie wirst Du, wenn Du mittellos dastehst, Deinen Weg durch's Leben finden?" „Ich bin nicht gar so unwissend, wie Dü glaubst, Onkel," entgegnete Jlka. „Glaube mir, ich kann mich schon auf meine eigene Kraft verlassen! Wenn ich meinem Vater zu Liebe die Ehe mit dem Grafen einzugehen vermochte, werde ich auch ihm zu Liebe auf mein Vermögen verzichten können!" „Aber wovon wollt Ihr leben?" fragte der Onkel. „Ich habe noch meinen Schmuck," entgegnete Jlka, „dessen Erlös uns für das erste Jahr ein bescheidenes Leben gestattet; inzwischen, hoffe ich, dürfte der Vater rangirt sein, um wieder für uns sorgen zu können! Man wird ihn nicht fallen lassen, wenn man sieht, daß seine Familie Alles geopfert, um das Mißgeschick auszugleichen!" „Brav gesprochen, Jlka," sagte, eine Thräne zerdrückend, Leo Braun; „in Dir lebt noch der Muth und das Gottvertrauen unseres Volkes! Willst Du es nun auch übernehmen bei der Mutter — Wie, Du zögerst. Ja, dann würde das Opfer, das Du zu bringen Willens bist, auch nutzlos sein!" „So werde ich's versuchen," sagte Jlka. „Sie hat ja den Vater gern, vielleicht sieht sie doch ein, daß sie, um ferner mit ihm vereint sein zu können, das Opfer bringen muß." Obschon Jlka selbst an dem Erfolge ihrer Mission zweifelte, begab sie sich doch zur Mutter. Frau Rachelle ließ sich eben von der Kammerjungfer ankleiden und schien erstaunt, die „Frau Gräfin", wie sie scharf accentuirte, schon ganz comme il faut zu sehen. Man reichte ihr ans silbernem Service ihren Kaffee, den sie langsam und bedächtig schlürfte. „Wollen wir heut eine Ausfahrt machen?" fragte sie die Tochter. ..Ich ziehe es vor, mich nicht zu zeigen," entgegnete Jlka; „die Leute würden, wenn sie uns in der Equipage, die nun bald nicht mehr unser eigen sein wird, sehen, allerhand Glossen machen!" „Nicht mehr unser eigen?" fragte die Mutter. „Glaubst Du, wir wären so ganz bettelarm, daß wir auf Alles verzichten müßten? Ich werde mein Haus ganz wie zeither weiterführen, das bin ich mir und meinen Kindern schuldig!" „Verfügst Du über Kapital?" forschte Jlka. „Du weißt," entgegnete Frau Rachelle, „daß der Vater mir 100,000 Gulden als mein Eingebrachtes hypothekarisch hat eintragen lassen; die Zinsen betragen circa 5000 Gulden; dazu die Zinsen des gleichen Dir gehörige Capitals, das auch unantastbar ist; Du siehst also, daß wir unsere Lage nicht gar so kritisch finden dürfen." „Ich würde mit Freuden," sagte Jlka, „mein Kapital der Masse zuwenden, wenn ich dadurch des Vaters Rückkehr zu ermöglichen wüßte!" „Sei keine Närrin!" entgegnete die Mutter; „der Vater wird so wie so, wenn es zu einem Accord gekommen, zurückkehren. Es wäre eine sündhafte Thorheit, in dieser Weise mit dem Gelde, daß er für uns sicher gestellt, schalten zu wollen!" „Verstehe mich recht, Mutter," sagte Jlka, „es handelt sich um mehr, als um das Geld, es gilt die Ehre unseres Namens! Soll es heißen, der Vater habe Geld bei Seite gebracht, seine Gläubiger müßten mit leeren Händen abziehen und wir lebten nach wie vor in Saus und Braus? Das kannst Du unmöglich wollen! Man würde mit Fingern auf uns zeigen, uns verachten und dem Vater den Ausgleich und damit die Rückkehr unmöglich machen!" „Laß die Angelegenheit ruhig ihren Weg gehen!" sagte abwehrend Frau Rachelle. „Ich habe mich nie um das Geschäftliche gekümmert, heut mag ich es gewiß nicht thun! Mögen sich die Herren Advocaten die Köpfe zerbrechen, wie sie die Gläubiger zum Ausgleich bewegen; ich verstehe absolut nichts davon!" „Aber soviel verstehst Du doch, Mutter, daß ohne Geld kein Ausgleich möglich?" fragte Jlka. „Die Gelder aus Alexandrien werden ja eingehen, wenn der Aufstand gedämpft ist," entgegnete Frau Rachelle; „die Leute müssen eben Geduld haben! — Was die Börsen- Differenzen anbelangt — Du mein Gott! Die zahlt man einfach nicht! Könnte sich Mancher arm geben, wenn er für das Börsenspiel aufkommen wollte!" „Und wenn nun der Vater nicht zurückkehren darf?" forschte Jlka. „Wärst Du damit einverstanden, daß er im fernen Lande unter Fremden, vielleicht gar mittellos —" „Mach' mir das Herz nicht schwer, Jlka," unterbrach die Mutter; „Du siehst zu schwarz! Man wird ihn nicht fallen lassen! — Ich für meinen Theil bin fest euschlossen, meinen Besitz zu wahren! Genug, daß ich dem Onkel bereits all' meine Bijoux überantwortet; ich bin fest überzeugt, daß ich eine große, eine unverzeihliche Dummheit begangen, doch ich ließ mich in Angst jagen; ein zweites Mal werde ich auf meiner Hut sein!" Tief bekümmert verließ Jlka die Mutter; sie sah nur

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