Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1886
- Issue
- 12 (1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- Seite 46 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 46 „Ich will Ihnen was sagen, mein Kind. Dieser Unwissenheit, die als solche nichts Strafbares enthält, ist leicht abzuhelfen. Wenn Ihnen darum zu thun ist, so kommen Sie nächstens wieder in die Synagoge, wo Sie mich immer finden können, und da werde ich Ihnen ein kleines, gedrucktes Büchlein schenken, in dem Sie ein Verzeichniß aller Feier¬ und Gedenktage und sonst noch andere, für jüdische Frauen nothwendige, Anweisungen finden sollen. Nach denen brauchen Sie sich nur zu richten, wenn Sie den Vorschriften unserer Religion gemäß leben und handeln möchten". Sie waren bei diesen Worten gerade vor Lea's Behausung angelangt, so daß ihr nur Zeit erübrigte, ohne directe Entgegnung, mit warm ausgesprochenem Danke von ihrem gütigen Begleiter Abschied zu nehmen. Als Lea in's Zimmer trat, fand sie an der Wiege des Kindes, anstatt ihres Gatten, eine Nachbarin, die gutmüthige, geschwätzige, ein wenig bechränkte Lehrersfrau, die mit ihr auf einem Flur wohnte, und mit der sie kaum je ein paar Worte gewechselt hatte. „Wo ist mein Mann?" frug sie mit plötzlich aufsteigender Angst. „Ach. Ihr Herr Gemahl war so aufgeregt über Ihr langes Ausbleiben, er meinte, es müsse Ihnen was zugestoßen sein, und so kam er zu uns herüber und bat mich, bei dem Kinde zu bleiben, indeß er Sie suchen ginge. Na, hören Sie, ist dieser Mann aber in Sie vernarrt! Mein Alter ist ja auch eine gute Haut", fügte sie eifrig hinzu: „eher gäbe er seinen ganzen Wochenlohn her, bevor er den Muth fände, mir was abzuschlagcn, und so könnte ich jeden Sonntag von ihm auf's Land oder in's Theater geführt werden, wenn ich es wünschte. Aber so was ist doch noch ganz was anderes. Dieser arme Herr Stefan, bald wurde er kreideweiß, bald blutroth. da griff er sich an die Stirn, sehen Sie. so, — und dann wieder ballte er die Faust. Weiß Gott, ich war beinahe der Meinung, es sei nicht ganz richtig bei ihm im Kopfe." So plauderte sie unaufhaltsam weiter und entfernte sich erst dann, als sie merkte, welch peinlichen Eindruck ihre Worte auf Lea hervorbrachten. (Fortsetzung folgt.) Versöhnt'. Original-Roman von Jda Barber. X. Die brave Tochter. Es war früh 7 Uhr, als sie vor dem Haufe anlangte. Die Portierfrau schien gerade mit dem Putzen der Hausklinke beschäftigt. „Sagen Sie mir," fragte sie hastig, „wohnt hier eine gewisse Marie Dinray?" „Oben im ersten Stock," entgegnete die Frau. „Ist sie eine ordentliche Person?" „Nun, was man so ordentlich nennt!" „Man sagt, sie empfängt Herrenbesuche?" „Das eigentlich nicht! Sie hat einen Verehrer, der besucht sie öfters, sonst wohl Niemand." „Glauben Sie, daß Frl. Dinray Beziehungen zu leichtsinnigen —" „Gott bewahre! Sie hat seit Monaten das Haus nicht verlassen und Niemand bei sich gesehen; wir hatten alle Mitleid mit ihr, als sie so mutterseelen allein war, als das kleine Würmchen zur Welt kam, und sie ist noch so blutjung! Man kann es ihr gern glauben, daß sie nicht wußte, was sie that, als sie es gut mit ihrem Schatz meinte." „Ich danke Ihnen, liebe Frau," sagte Jlka, der redseligen Alten ein Geldstück in die Hand drückend, „würden Sie, wenn ich Sie gut entschädige, ich sehe ja außerdem, Sie haben Interesse für das Mädchen, nach D. auf einen Tag fahren und dem Vater des Mädchens ein wenig in's Herz reden, daß er sie wieder zu sich nehme?" „So wahr Gott lebt," rief die Alte, „das Hab' ich ja selbst thun wollen; Hab' mir nur denkt, was kümmerst Di um anderer Leute Kinder! Wirst Undank davon haben und hernach, wenn der junge Herr, ihr Verehrer, wieder Geld hat, wird er Di schön anschaun, daß Du ihm sein Schatzi wegescamotirt hast!" „Nein, liebe Frau," entgegnete Jlka, „Sie thäten ein Gott wohlgefälliges Werk, wenn Sie sich der Armen annehmen würden. Sie hat auf ihren Schatz nicht zu rechnen, seine Familie kann sie nicht anerkennen; ihre einzige Rettung besteht darin, daß sie sich mit ihrem Vater aussöhnt! Ich gehe jetzt zu ihr und werde sie veranlassen, einen Brief zu schreiben, in dem sie dem Vater ihr Unglück klar legt; wollen ,und können Sie heut nach D. fahren, um —" „Natürli kann iunterbrach seelensfroh die Hausmeisterin, „und das kleine Würmli das nehme i mit und leg's Großvätern an's Herz und müßt' der nit a Stein da haben, wenn er's nit glei da behält und ihm a Pussexl giebt und für's sorgt, als ob's sein Herzpinkerl wäre!" Als Jlka oben anklopfte, hörte sie von innen Kindergeschrei. Marie kam ihr mit dem weinenden Kleinen auf dem Arm entgegen. „Tausend Dank," sagte sie, ihr die Hand küssend, „daß Sie Wort gehalten! Ich bin heut so von Allem entblößt daß ich nicht einmal Milch für das Kind habe!" Jetzt erst sah sich Jlka in dem vollständig geräumten Zimmer um. Eine trostlose Leere gähnte sie von überall an. „Mein Schmuck, meine Kleider sind längst," sagte sie ihr, „zum Pfandleiher gegangen; ich bin tatsächlich dem bittersten Elend preisgegeben und nur dadurch fand ich den Muth. mich gestern^an Ihre Frau Mutter zu wenden!" Jlka gab der Armen, was sie bei sich hatte, dann nahm sie das Kind in ihre Arme, küßte es, indem sie sagte: „Wahrlich, ganz seine Züge!" Auch die Hausmeisterin war bald an der Thür, um zu hören, ob man ihrer bedürfe. „Holen sie dem Kinde Milch, gute Frau," sagte Jlka. „hernach wollen wir weiter sprechen!" Marie Dinray schrieb auf Jlka's Verlangen den Brief an ihren Vater; ihre Thränen stoffen dabei reichlich. Jlka suchte inzwischen das Kind zu beruhigen. „Ein süßes kleines Geschöpf!" sagte sie und still für sich dachte sie: „Dir wird das Glück versagt sein, je ein Kind, dem Du das Leben gegeben, in den Armen zu wiegen." — Thränen traten auch ihr in die Augen; die ganze Schwere ihres Unglücks erkennend, senkte sie das Haupt tief auf die Brust. — Bald kam Marie mit dem geendeten Brief. — Jlka raffte sich auf, ihre Bewegung zu bemeistern. „Hatten Sie keine Wärterin bei dem Kinde?" fragte sie, um doch etwas zu sagen. „Ja, in der ersten Zeit. Als hernach Norbert's Geldsendungen ausblieben und die herzlose Person wohl vermuthete, sie werde nichts erhalten, verließ sie mich, ohne auch nur gekündigt zu haben! Man gilt ja leider nichts, wenn man kein Geld hat," setzte sie weinend hinzu. Inzwischen war die Hausmeisterin mit der schnell abgekochten Milch zurückgekehrt und wurde nun von Jlka instruirt. wie sie dem Förster das Unglück seiner Tochter klar legen sollte. „Ich wer spreche wie ein Advokat," sagte sie, „oder besser wie ein Prediger, daß ihm 's Herz im Leibe wackelt! Und wenn i seh, daß er so recht mudeweich ist, da pack ich ihn am besten gleich mit iu'n Wagen ein und bring' ihn her, gelt Freilein Marie, dann fallen's ihm um 'n Hals und zeigen ihm 's Burscherl, und er wird nit nein sagen, dafür laffen's die Frau Goderl sorgen!" Der jungen Frau ward cs sichtlich leicht um's Herz, als sie jetzt den Heimweg antrat. War sie sich doch bewußt, einer Armen, die noch unglücklicher als sie selbst war, hilfreich gewesen zu sein. Zu Haus angelangt, fand sie Frau Rachelle noch im Bette; sie wollte nicht stören und ging hinüber in das