Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1886
- Issue
- 12 (1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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M 12. Jüdisches 1886. —■■■* L^UlilkL-KtF// \^J Herausgegeben von Dr. Rahmer in Magdeburg. Die Prinzessin. Eine Erzählung von Agathe Meisels. (Fortsetzung.) — Versöhnt. Original-Roman von Jda Barber. (Fortsetzung.) — Kleine jüdische Characterzüge. Ein Preiscourant sür Leichenreden. Warum nicht zu Hause? — Fest-Lied zur Jnstallirung der Zion-Loge in Hannover am 14. März 1886. Von Seminar-Director Dr. Kroner. — Räthsel-Aufgaben und Räthsel-Lösungen. Die Prinzessin. 12 Eine Erzählung von Agathe Meise!-. (Fortsetzung.) Die Lichter unten waren zum Theil niedergebrannt, die Gasflammen verlöscht, kein Mensch mehr in dem feucht-kalten Raume. Fröstelnd rann es Lea durch die Glieder, als sie, durch die Berührung aufgescheucht, verstört um sich blickte. Dicht vor ihr stand ein Mann, dessen wettergebräuntes Gesicht einen mürrischen, fast harten Ausdruck zur Schau trug, während um die Mundwinkel, eigenthümlich widerspruchsvoll, ein Zug milden Wohlwollens spielte. Die hohe, an den Schläfen kahle, von eisgrauen Locken umrahmte Stirn trug das Gepräge einer ernsten, scharfen Denkthätigkeit. „Was machen Sie hier so lange, haben Sie zum Schlafen keinen passenderen Ort?" frug er in barschem Tone, der aber gleich in ein anderes Tempo umschlug, als sie ihm verwirrt in's struppige Antlitz blickte. Von dem Ausdrucke lieblicher Hilflosigkeit und einem Etwas in ihrem Wesen seltsam angemuthet, sagte er freundlich: „Sie müssen ja' hier in dieser feuchten Luft schon halb erfroren sein. Gehen Sie nach Hause, liebes Kind, oder besser kommen Sie mit mir. Ich begleite Sie, wenn es Ihnen recht ist, denn Sie sind jung und schön, wenn mich meine alten Augen hier in der Dunkelheit nicht trügen, und die Stunde ist zu vorgerückt für einsame Wanderungen". „Wie, Sie wollten wirklich?" rief Lea erfreut, „o, wie soll ich Ihnen dafür danken? „Ich habe mich verirrt, und könnte den Weg zu Hause jetzt unmöglich finden. Aber wird es Ihnen nicht zu viel sein?" frug sie, zaghaft ihre Adresse angebend. „Oho, diese alten Beine haben schon noch andere Strecken zurückgelegt. Ich bin Aufseher dieses Tempels und Lehrer und diese doppelte Charge erfordert, bei den großen Entfernungen unserer Residenzstadt, schon eine gewisse Rührigkeit. Also vorwärts, ohne weitere Skrupel und Zeitverlust" schloß er mit finsterem Stirnrunzeln, während das freundliche Lächeln nicht von seiner Lippe wich. Der alte Herr war ein Elsässer, eine grundgute, ehrliche Natur mit stark ausgeprägtem Jntellect, voll gediegenen Wissens und ernster Forscherbegierde, nur daß er diese auch auf alle möglichen kleinlichen Objecte und ganz abseits Liegende Gebiete erstreckte. Die Bosheit legt diesem ernstlosen Wissensdrang den unliebsamen Namen der Neugierde bei. und vindicirt selbe, mit einem gewissen Schein von Berechtigung, vorwiegend den Söhnen Israels. Wenn aber dieser Hang, im Allgemeinen, auf die geistige Regsamkeit der Orientalen zurückgeführt wird, so darf man nicht vergessen, daß er, speciell bei den Juden, noch überdies seinen Ursprung aus der reinen Quelle der Bruderliebe und jener Solidarität herleitet, die durch das gemeinschaftlich getragene Nationalleid ihnen aufgedrängt, zu den schönsten Blüthen des nationalen Gefühlsleben heraureiften. Im Glaubensgenossen, welchen Stammes und Landes er auch angehören mag, wurde und wird ein Bruder begrüßt, und können die Fragen, selbst intimer Natur, die man an einen solchen richtet, als Indiskretion oder aufdringliche Neugierde bezeichnet werden? Herr Lewy zum mindesten würde dies unbedingt verneint haben, und war sich auch gar keiner Indiskretion bewußt, da er, kaum daß sie sich in Bewegung setzten, die Projectile seiner Fragelust auf Lea abzufeuern begann. „Sind Sie aus Paris, liebes Kind? Ihrer Aussprache nach müssen Sie keine Hiesige sein?" Auf ihre verneinende Entgegnung, fuhr er fort: „Also nicht Französin, nicht einmal aus dem Elsaß? ich dachte es mir. Woher sind Sie denn eigentlich?" „Aus Polen?" O, eine böse, betrügerische Rotte, diese Polen; das heißt", ergänzt er in mildem Tone, „die Wenigen die hierherkommen; gewiß nur Glücksjüger und die Hefe des Volkes, wie es deren überall giebt. Im Allgemeinen werden dort, wie wo anders auch, die Elemente des Guten und Bösen so ziemlich gleich gemischt sein. Ich selbst kenne einige sehr brave, fromme Leute aus jener Gegend, freilich anders fromm wie hier zu Lande und eigenartig in ihrem Ritus, aber wenn's dem lieben Gott einerlei ist, in welcher Tonart die Vögel zwitschern, so sie nur ein Loblied seiner Herrlichkeit anstimmen, weshalb sollten wir uns darob unduldsam gebärden? — Und wie kommen Sie her? wohnen Sie mit Ihren Eltern hier?" wandte er sich wieder, ohne jede Vermittelung, an seine stumme Begleiterin. „Ich bin mit meinem Manne hergekommen". „Ihrem Manne? Ein so junges Blut? Na, mich wunderts nicht, wenn Jemand da so bald sich verstrickte", sagte er gutmüthig lächelnd. „Aber weshalb kommt Ihr Herr Gemahl nicht in die Synagoge? Ist er nicht so fromm, wie sein Weibchen?" „Mein Mann ist — mein Mann kann nicht", stammelte sie verlegen und brach mitten ab. „Nun, nun", sagte der alte Herr begütigend, „ddrob müssen Sie nicht gleich so in Verlegenheit gerathen; ich hab^ schon ähnliche und noch ganz andere Dinge in meinem Leben mitangesehu. „Es ist Alles schon dagewesen", sagte einst ein weiser Rabbi. „Die Frauen sind, zu allen Zeiten, in ihrer Schwäche, die stärksten Pfeiler des religiösen Baues gewesen, und oft mußten und müssen noch die armen Dingerchen mit ihren Prinzipien hinter dem Berge halten und ihrer Glaubenstreue geheime Opfer bringen, weil die gestrengen Herren der Schöpfung von dem antiquirten Zeug, wie sie es nennen, nichts wissen wollen. Na, der alte Kram hat sich doch durch die Jahrhunderte erhalten und wird sortbestehen, trotz aller Gegnerschaft und wortreichen Widerspruches. „Doch wie können Sie nur, solcher Tyrannei im Hause ausgesetzt", — er nahm das Faktum, das seine Phantasie ihm vorspiegelte, als wirklich vorhanden au, — „wie können Sie die vielfachen, religiösen Gebrauche beobachten? Wissen Sie auch nur, auf welche Kalendertage unsere Feier- und Festtage fallen?" Lea schüttelte traurig mit dem Kopse und hauchte ein schüchternes Nein.