Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1886
- Issue
- 10 (1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- Seite 39 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 39 — ' haben ," sagte, die Mutter; „er. der so viele Freunde und Gönner hat, hätte sich helfen können, ohne —" -D Ein leises Klopfen an der Thür unterbrach'Hre Rede. „Wer da?" fragte sie. Ein tief verschleiertes junges Mädchen trat ein und bat, daß Frau Braun ihr einige Augenblicke Gehör schenken möge. „Mit wem habe ich die Ehre?" fragte Frau Rachelle stolz. „Ich heiße Marie Dinray," sagte die Fremde, ihre Hand auf den ihr gebotenen Fauteuil stützend. — Die Roth, die Verzweiflung treibt mich zu Ihnen, der Mutter meines Norbert, den ich —" ' „Ich bitte, sich jede fernere Auseinandersetzung zu ersparen!" sagte kalt Frau Rachelle. „Ich kenne Sie nicht und habe nie durch meinen Sohn von Ihnen gehört!" „Haben Sie Mitleid, Erbarmen!" rief die Fremde, sich vor der stolzen Frau niederwerfend; „ich bin ein anständiges, ehrliches Mädchen gewesen, ehe ich ihn kennen lernte; er hat mich in's Unglück geführt; er versprach, für mich und unser Kind zu sorgen, uns standesgemäß zu erhalten! Heut hat man mw meine ganze Einrichtung gepfändet, nur ein Bett und die Wiege meines Kindes ist mir geblieben! Norbert wird sich ein Leid anthun! Wie ein Verzweifelter verließ er mich, als er sah, wie die Gläubiger bei mir eindrangen; ich bitte, ich beschwöre Sie," rief sie unter Thrünen, „erbarmen Sie sich meines Elends!" „Ich werde mit meinem Sohne sprechen," erwiderte kalt Frau Rachelle. „Wann darf ich um Antwort kommen?" fragte, ohne sich zu erheben, Marie Dinray. „Bemühen Sie sich nicht, ich werde Ihnen Nachricht senden/' entgegnen sich abwendend Frau Braun. „Uebrigens," fuhr sie fort, da die Fremde immmer noch nicht Miene machte, das Zimmer zu verlassen, „kann ich Ihnen keinerlei Hilfe zusagen. Es ist Ihre Schuld, wenn Sie sich mit einem jungen Mann, der keinerlei Selbstständigkeit hat, eingelassen! Aber so sind diese leichtfertigen Mädchen! Erst locken sie die jungen Leute durch allerhand Verführungskünste an sich, hernach beklagen sie sich bitter, wenn —" „0, rechnen Sie mich nicht zu jenen Verworfenen, die aus ihrer Schande ein Geschäft machen," unterbrach weinend die blonde Schöne. — „Ich war ehrlicher Leute Kind! Mein Vater ist Förster auf den Gütern des Grafen D.; dort lernte mich Norbert, da er mit dem jungen Grafen befreundet war, kennen. Ich war 16 Jahr, zeither nicht unter Menschen gekommen; ich kannte die Welt nicht: kein Roman war in meine Hände gekommen; Verführungen und Jntriguen waren mir unbekannt. Nur zu gern glaubte ich Norbert, da er mir bei seinen öfteren Besuchen von seiner Liebe sprach. Der Vater war tagelang abwesend, die Mutter seit 2 Jahren gestorben; ich war mit einer alten Haushälterin -allein im Forsthause; er wußte die Gelegenheit zu nützen und ich" — Thrünen entquollen ihren schönen Augen — „ich liebte ihn und glaubte ihm keine Gunst versagen zu dürfen! — Zu spät erfuhr ich, daß ich gethan, was ich nicht hätte thun sollen. Als der Vater von meinem Fehltritte erfuhr, schlug er mich, tobte und schimpfte, daß ich mich vor ihm fürchtete. Ich floh, lief 3 Tage lang, ohne Speis' und Trank zu mir zu nehmen, im Walde umher; — noch war ich mir kaum meiner Schuld bewußt, da traf ich Norbert, der mich aufklärte, mich, da ich, meinen Zustand erkennnend, vor Schreck und Schmach bewußtlos zusammensank, in seinen Wagen hob und zur nächsten Station führte. Zum Vater durfte ich nicht zurück, das wußte ich, er Hütte mich getödtet; so willigte ich ein, mit ihm nach Pest zu reisen, nur ihm in Zukunft anzugehören. Er richtete mir eine hübsche Wohnung ein, umgab mich, so sehr ich mich dagegen sträubte, mit allerhand Luxus. — Wenn unser Kind erst das Licht der Welt erblickt haben würde, versprach er mir, mich zu seiner Gattin zu machen. Ich setzte keinen Zweifel in seine Worte. Seit 8 Tagen werde ich von Handwerkern aller Art belästigt, die -die mir gelieferten Sachen zurückverlangen, da Norbert sie nicht bezahlt habe. Ich schreibe ihm, erhalte keine Antwort. Gestern endlich stürzt er verstört zu mir in's Zimmer und ruft: Marie! Ich bin ruinirt! Fliehe mit dem Kinde zu Deinem Vater; morgen schon wird man, da ich nicht zahlen kann, Deine Wohnung räumen, das Mobiliar ist nicht gekauft, sondern auf Accord genommen! Ich suche ihn zu beruhigen, er weist mich barsch zurück, sagt, daß ich ihn nie wiedersehe, daß er sich ein Leids anthun werde!" Weinend vergrub sie ihr Antlitz in beiden Händen. „Fassen Sie Muth, armes Kind," sagte Jlka bewegt. „Er wird sich kein Leid anthun, wie ich ihn kenne, gehen Sie heim und sorgen Sie für Ihr Kind; ich selbst werde morgen zu Ihnen kommen und —" „Jlka, Du wolltest, Du, die Gräfin Zandos, zu einer solchen Person —" „Liebe Mutter!" unterbrach Jlka; „das Unglück macht uns gleich. Ja, ich werde ihr beistehen, wenn Alles so ist, wie sie gesagt!" „Tausend, tausend Dank!" rief Marie Dinray, der jungen Frau Hand ergreifend und sie mit Küssen liebkosend. „0 wie das wohlthut, in so grenzenlosem Elend ein theilnehmendes Herz zu wissen, das sich unserer annimmt." „Viel werde ich nicht für Sie thun können," sagte Jlka bewegt, „aber vielleicht gelingt es mir oder meinen Bekannten, Ihnen die Rückkehr in's Vaterhaus zu ermöglichen. Mein Bruder ist leider, wie wir Alle, vollständig mittellos; trachten Sie, sich mit Ihrem Vater auszusöhnen, er wird —" „Nie wird er mir verzeihen," entgegnete abwehrend Marie. „Von ihm habe ich keine Hilfe zu erwarten!" „Sei keine Thörin, Dich in Versprechungen einzulassen," flüsterte Frau Rachelle der Tochter zu; „sie ist eine Comödiantin, die Deine Güte mißbraucht, und sich zu der Fremden wendend, fuhr sie in strengem Tone fort: „Es wäre besser gewesen, Sie hätten sich uns, ehe Sie mit meinem Sohne ein Verhältniß anknüpften, vorgestellt, jetzt bitte ich, uns allein zu lassen, da ich mit der Gräfin Zandos zu reden habe!" So peinlich die ganze Situation, so unangenehm ihr die Nennung ihres Namens, konnte sich Jlka, da die Fremde sich entfernt, doch eines ironischen Lachens nicht erwehren. „Mutter," bat sie, „kannst Du Dich nicht gewöhnen, mich einfach Jlka zu nennen? Glaubst Du wirklich, Du imponirst den Leuten, indem Du mich mit dem hochtönenden Titel einer Gräfin beehrst und, wenn selbst, erspare mir den Schmerz, an jene Zeit erinnert zu werden , da ich als des Grafen Frau galt!" „Viel Freude habe ich von meinen Kindern!" entgegnete Frau Rachelle vorwurfsvoll. „Die Tochter verläugnet^ihre legitime, mit schweren 0pfern erkaufte Verbindung, der Sohn schickt mir eine illegitime Frau in's Haus, die mir mitthellt, daß ich, ohne es zu ahnen, Großmuttecfreuden erleben soll. — Ist es nicht, als ob Alles sich verschworen hätte, mich unglücklich zu machen?" „Das Gebäude unseres Glückes bricht zusammen, Dn hast Recht, Mutter, wir dürfen nicht weiter die Bmde vor den Augen tragen," sagte wehmüthig Jlka. * (Fortsetzung folgt.) Reminiszenzen Von Max Weinberg. I. Die jüngsthin erfolgte Ernennung des Herrn Bischofs Kopp von Fulda zum lebenslänglichen Mitgliede des Herrenhauses ruft mir ein bei ähnlicher Gelegenheit gesprochenes Wort des verstorbenen Reichstags - Abg. Redecker ins Gedächtniß zurück, was in diesen Blättern eine kurze Erwähnung verdient. Im ehemaligen Königreich Hannover konnte eine solche Ernennung nicht wie in Preußen durch Königl. Entschließung geschehen, sondern bedurfte der Zustimmung der Kammern. Als nun König Georg die Absicht halte, den damaligen Bischof von Hlldesheim zum Mitgliede des Land-^