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Jüdisches Familienblatt · 1886-01-01 · 10 (1886) · p. Seite 38

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1886
Issue
10 (1886)
Date
1886-01-01
Page
Seite 38 (sequence 2)
Language
German
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— 38 — Deine Aussprache bewunderten und Dich für würdig erklärten, auf einen der leergewordenen Stühle der Academie zu aspiriren, so Du nur Franzose wärest, nun wo es hieß. Kapital aus dem Wissen zu schlagen, es zu wiegen begannen und zu leicht befanden, plötzlich bemerkten, daß Dein Accent ein harter, fremdländischer. Deine Aeußerungen Gemeinplätze, Deine Aufsätze und Essays, die unentgeltlich in allen Redactionen Ausnahme fanden, nun Du um Lohn arbeiten solltest, die Druckerschwärze nicht werth wären; daß eine Anstellung ohne gerichtlich beglaubigte Documente der Tüchtigkeit gar nicht zu erlangen, daß das Lehramt dem Fremden so unendlich erschwert ist. Und dennoch hast Du. trotz aller Hindernisse, Enttäuschungen. Demüthigungen unentwegt weiter gestrebt, bis es Dir schließlich gelang, den unglückseligen Sekretairsposten in der Fabrik zu bekommen, und ist es Deine Schuld". — eine hohe Gluth überzog hier ihre bleiche Wange, — daß diese letzte rettende Planke Dir unter den Händen weggeschwemmt wird". „Freilich ist es nicht meine Schuld, wie es auch mein Verdienst nicht ist, daß ein so schönes Weib mir zu eigen gehört", sagte er, ihre brennende Wange streichelnd. „Der Fabriksbesitzer hat Geschmack, das muß ihm der Neid lassen", fügte er mit einem Anfluge bitteren Humors hinzu, der aber bald dem Zorne wich. „Wenn Du nur Zeugin jener Scene sein würdest. Noch heute kocht mir das Blut in den Adern bei der Erinnerung der bodenlosen Arroganz, mit der er mir nach Auszahlung der Arbeiter zuwinkte, ein wenig länger zu bleiben, da er über einen Gegenstand privater Natur mit mir zu verhandeln hätte. Und wie er dann das Binocle auf die weinrothe Nase setzend, in schleppend-nachlässigem Tone sagte, „Sie, mein Lieber, ist die junge Frau, die Sie manchmal hier abholt, Ihre Gattin oder was sonst? — Ein herrliches Weibchen, beim Bacchus, solch' ein Wuchs, solch' ein Glanz der feucht-schwarzen Augen und ein Füßchen" — er schmunzelt dabei in einer Weise, daß ich ihn zu Boden schlagen könnte, wie einen tollen Hund, — „solch ein Füßchen gehört in die Carosse und nicht in den Staub der Heerstraße. Wie kommen Sie zu dieser Perle, die einer anderen Fassung werth ist, als Sie, Aermster, ihr zu geben vermögen? Glauben Sie, eine derartige Treibhauspflanze muß über kurz oder lang in der Stickluft Ihrer engen Verhältnisse zu Grunde gehen. Retten Sie sie aus denselben so lange es noch Zell ist, übergeben Sie sie meinen Händen", — er legte hier eine dieser breiten Hände vertraulich auf meine Schulter, „und sie wird es gut haben, wie eine Fürstin und Sie werden bei dem Handel auch Ihre Rechnung finden". — Und als ich, wie von einer Natter gestochen, zurückwich, flüsterte er mir in begütendem Tone und mit einem breiren Lächeln auf dem gemeinen Antlitz zu: „Nun, nun, Sie müssen ja nicht gleich einen Entschluß fassen, überlegen Sie sich die Sache und Sie werden einsehen. daß ich Ihr Bestes beabsichtige und daß Sie sich selbst fördern, wenn Sie meinen Rath befolgen". — Ich behielt gerade noch Geistesgegenwart genug, um den millionenbesitzenden Schurken nicht meine Entgegnung vermöge eines Schlages auf den Kopf zu appliciren, konnte aber nicht soweit an mich anhalten, um ihm nicht jene Grobheiten in's Gesicht zu schleudern, die Dir damals so ungeheuerlich dünkten. Ich erwartete dazumal meine sofortige Entlassung, doch weit entfernt davon, erhielt ich vielmehr eine Gehaltszulage und unbekümmert um meine schroffe Haltung kroch und scherwenzelte der Elende vor mir und ward mit jedem Tage freundlicher und lästiger. Täglich versicherte er mir, wie er jene, wahrscheinlich im Rausche gesprochenen Worte, bereue, wie er sehnlichst wünsche, sie in Vergessenheit zu bringen — er wolle uns besuchen, um mir in näherem Umgang eine bessere Meinung von sich zu verschaffen, und erst als ich auf diese Ehre rundweg verzichtete, wurde er zuletzt ungeduldig und erklärte mir in kategorischer Weise, daß er mir, wenn ich ihm den Weg zu Dir nicht öffnete, die Thür weisen würde. Ich that, was ich schon längst gethan haben sollte, nur daß der Arme den MUH der Initiative mcht. hat, ich schnürte mein Bändel und hoffte an einer anderen Pforte bald Einlaß zu finden. Aber wehe über diese Reichen, diese feftgegliederte, engbrüstige Raffe! Sie schmausen behäbig an dem wohlbeftellten Bouquette des Lebens und mißgönnen dem Armen seine« kärglichen Brocken, und erhebt sich dieser Arme einmal zur Abwehr empörender Uebergriffe und ungerechter Ansprüche, so sieht er nicht den Einzelnen, sondern die ganze vom Corpsgeist beseelte Ritterschaft des Geldbeutels geharnischt gegen sich anrücken. An wieviele Thüren ich seither gepocht, wieviele vergebliche Versuche ich gemacht, weißt Du. Ueberall fand ich die Kunde von meiner Unverträglichkeit und Untauglichkeit verbreitet, wohin immer ich mich wendete, das grausame Vorurtheil, die blinde Voreingenommenheit an den eisernen Pforten Wache haltend und mir den Eingang wehrend. Immer wieder werde ich höhnisch nach meinem letzten Zeugnisse gefragt, und da der harte Mann, trotz wiederholter Erweichungsoersuche, es mir nicht ausstellen wollte, es mir auch heute wieder schnöde verweigerte, da ich aus seine unerhörte Forderung nicht eingehen konnte, so sehe ich jede Hoffnung auf einen ehrlichen Erwerb schwinden. Beim besten Willen und in der Vollkraft der Jugend muß ich die Hände feiernd in den Schooß legen, gelassen und widerstandslos zusehen, wie die Woge des Elendes über meine einzigen Güter, Dich und unser Kind, unbarmherzig zusammenschlägt." (Fortsetzung folgt.) Versöhnt! .1 Original-Roman von Jda Barber. IX. Mutter uud Tochter. Die beiden Frauen waren allein. Frau Rachelle bot trotz alledem, was sie gehört, ihren ganzen Einfluß auf. die Tochter zur Rückkehr zu ihrem Gatten zu bewegen. „Eher fordere von mir," entgegnete Jlka, „daß ich mich lebendig begraben lasse!" „Denk'," gab die Mutter ihr zu erwägen, „daß die Dir gewordene Standes-Echöhung noch die einzige Errungenschaft ist, die wir von der Zeit unseres Glanzes her aufzuweisen hätten! Daß Du es Deinem Vater schuldig bist, die Position, die er mit schweren Opfern errungen, fest zu halten!" „Mutter," entgegnete Jlka, „spare Deine Worte; „mein Entschluß steht unwandelbar fest! Lieber willige ich ein. zu irgend einer respectablen Familie als Lehrerin zu gehen, als noch einmal diese unwürdige Rolle zu spielen! Doch nun kein Wort mehr davon. Aber laß uns denken, wie wir auf die Spur des Vaters kommen! Ec wird sich doch nicht, was Gott verhüte —" Die Mutter, ihre Gedanken ercathend, sagte: „Mein Kind! Darüber sei beruhigt! Zwei Tage, ehe man ihn vermißte, wir fuhren gerade im Stadtwäldchen spazieren, er schien mir ungemein erregt, sagte er urplötzlich: „Rachelle! Versprich mir dies! Ich habe eine werte Reise vor; Du wirst vielleicht erst nach Wochen von mir hören, forsche nicht und verliere den Muth nicht!" Ich dachte damals, daß er nach Alexandrien hinüber wollte, um zu retten, was zu retten möglich und fragte nicht weiter. — Heute weiß ich bestimmt, daß er nicht nach Alexandrien ist. Vor wenigen Stunden erhielt ich von meinem Vetter aus Hamburg einen Brief, daß er ihm bei der Einschiffung nach Califocnien behilflich gewesen. Ich habe es dem Onkel nicht gesagt, weil ich überhaupt keinen Verkehr mit ihm will; er hat sich rabiat gegen mich benommen!" „Der Vater flüchtig!" rief Jlka, wieder in Thränen ausbrechend. „O Gott, wer hätte das gedacht!" „Ob er nur drüben festen Fuß fassen wird," sagte die Mutter bedenklich; „er kannte weder Land noch Leute, kaum die Sprache. „Nur die Verzweiflung kann ihn dazu getrieben

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