Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Familienblatt · 1886-01-01 · 10 (1886) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1886
Issue
10 (1886)
Date
1886-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/6492351-9579404-9574227--0569-9574228
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

M l(h 188«. Jüdisches C/ Herausgegebcn von Dp. Rahmer in Magdeburg. Zur Untrrhaltung u. Kelehrung für die israelitische Jugend. Inhalte Die Prinzessin. Eine Erzählung von Agathe Meisels. (Fortsetzung.) — Versöhnt. Original-Roman von Jda Barber. (Fortsetzung.) — Rcminiscenzen. Von Max Weinberg. — L’chajim! Trinkspruch beim Stiftungsmahle der israelitischenMännerkrankenkasse zu Frankfurt a. M. 1845, ausgebracht von Rabbiner vr. Leop. Stein. — Räthsel-Aufgaben und Räthsel-Lösungen. Die Prinzesfin. Eine Erzählung von Agathe Meisels. (Fortsetzung.) Zwei Jahre sind nach den oben erwähnten Erlebnissen verstrichen. In eirem der belebtesten Winkel des Quartier Latin, das von dem lustigen Gejohle der Studenten und Grisettcn, von dem Gekreische der Zeitungsvcrkäufcrinnen, von d<m Pfeiffcn hungriger Cavoyarden, von allen möglichen Tönen, tagsüber widerhallt, steht ein sechsstöckiges Haus das seinem Aussehen nach sich nicht im mindesten von allen anderen, neben ihm in langer Zeile ausmarschircnden, bis in die Wolken hineinragcnden Zinscitadellen unterscheidet. Die mannigfachen, großen und kleinen, über- und nebeneinander ausgeschlagencn Tafeln an der breiten Eingangspforte, die den Weg auswärts weisen, zu einem Zeicheneinem Sprach-, einem Tonzmeistcr, dem Redoctionsbüreau eines Winkelblattes, einem Kalligraphen, etlichen eben aus dem Ei geschlüpften Doktoren sämmtlicher Fakultäten, künden die Bewohner als Angehörige des geistigen Proletariats an, jener großen Genossenschaft, die immer weitere Kreise ziehet und an Boden und Ausdehnung gewinnt. Mit Ausnahme der Bewohner des ersten Stockwerkes, eines reichen von den Früchten des aufgegebenen Kohlenhandels lebenden Auvergnaten sammt Frau und Tochter, die allsammt eine bedenkliche Tendenz zur Breite im Patois, wie in den Hüften und Wangen bekunden, mit Ausnahme dieser wohlgenährten Breitspurigkeit des kleinbürgerlichen Wohlstandes, bezeugen die bleichen, abgehärmten Gesichter der übrigen Einwohner, daß sie zur Kategorie der verschämten Armuth gehören, die unter allen Nothlagen die drückendste, weil ihr, nebst allen realen Nebeln, noch das ideale einer Lüge anhastet. ' Wie drückend dieselbe in dem Mißverhältniß zwischen Wollen und Können, in dem grellen Kontrast zwischen der im Schweiße des Angesichtes erhaltenen Äußerlichkeit und der inneren, hohläugigen Noth, in dem gleißnerischen, erbärmlichen Scheindasein zu Tage tritt, — ein Blick in die vielen, kleinen Wohnungen würde genügen, um uns eine anschauliche Vorstellung davon zu verschaffen. Wieviel echte, geräuschlose Tugend, neben der in Lumpen noch sich breitmachenden Eitelkeit, welche stille Ergebung in das harte Geschick würde uns da nicht entgegentreten und welch' ein erschütterndes Kapitel aus dem europäischen Sclavenleben könnten wir aus den Runzeln der sorgenschweren Stirn des Familienvaters, aus den arbeitsmüden, rothgeränderten Augen der blaffen Mutter nicht entziffern! Wir steigen hinauf, höher und immer höher, bis wir im fünften Stock vor einer schlecht schließenden, vom Winde bewegten Thür halt machen und durch die Spalte derselben hineinzulugen uns gestalten. Am Fenster des ärmlichen und doch nett gehaltenen Zimmers sitzt eine junge Frau tief über eine Handarbeit gebeugt, ihr zur Seite steht eine Wiege, die sie mit dem Fuße leise hin und her bewegt. Sie scheint <s sehr eilig zu haben mit ihrer feinen Weißstickerei, denn kaum gönnt sie sich auf den kleinen Schläfer neben ihr einen Blick zu werfen, der ihr doch erneuerte Kraft und Frische zuführt, wie das leise Roth andeutet, das sich auf die bleiche, magere Wange stiehlt, so oft sich das Auge zu ihrem Schatz in der Wiege senkt. Es ist aber auch ein wunderholdes Knäblein, das jetzt die großen, dunklen Augen öffnet und mit strampfcnden Füßchen und Händen nach der Mutter verlangt. Diese blickt ängstlich auf die in regelmäßigem Ticktack pickende Uhr, während sie mit einem leisen Seufzer die Arbeit bei Seite legt, um dem mit gehöriger Lungenkraft geäußerten Willen des kleinen Haustyrannen sich zu fügen und ihn auf den Arm zu nehmen. „Mein Gott ich werde nicht fertig", murmelte sie vor sich hin, „und wenn Stefan heute wieder unverrichteter Sache heimkehrt, so können wir zusehen, wie wir in den nächsten Tagen Milch für den Kleinen bekommen". Leise ging die Thür auf und der eben Genannte trat in's Zimmer. Ein Blick in sein gramerfülltes Angesicht und Lea wußte, — denn daß sie es war, wird der Leser wohl bereits errathen haben dürfte, — daß ihre bängliche Vorahnung nur zu begründet war. „Du hast den schweren Gang wieder vergebens unternommen", sagte sie kaum hörbar. „Ja", erwiderte er dumpfen Tones, „der Unmensch besteht auf seine Bedingung, doch ich erwürge ihn eher mit diesen meinen Händen, ehe ich ihm nachgebe". „Das darfst Du auch nicht", flüsterte Lea, mit ihrer weichen Hand über seine feuchte Stirn fahrend. „Armer Stefan, was hast Du meinethalben schon alles erdulden müssen". „Aber welche Welt voll Wonne, welchen Himmel hast Du mir nicht auch erschlossen", rief er, sie an sich ziehend und einen Kuß auf ihre Lippe drückend. „Du hast gewiß keinen Grund zu quälendem Selbstvorwurf, wohl aber ich, der ich die arme, schwächliche Blüthe aus dem heimischen Boden riß und zerknickte, ich der ich gerne mein Leben hingegeben hätte, um meine holde Blume mit Hellem Sonnenschein zu überfluthen und ihr doch nur fröstelnden Schatten und dürres Erdreich verschaffen konnte". „Du hast mir mehr gegeben, als alle Schätze der Welt aufzuwiegen vermöchten, denn Du hast mir mit Deinem Namen, das kostbare Recht verliehen, Gutes wie Böses mit Dir gemeinschaftlich tragen zu dürfen", sagte sie, sich liebevoll an ihn schmiegend. „Dieser Name sollte Dir aber, wie ich hoffte, eine, wenn nicht prunkvolle so doch behagliche Heimstätte, einen Kreis tüchtiger, geachteter Menschen, eine Deiner würdige Stellung schaffen". „Was kannst Du dafür", entgegnete sie eifrig, „wenn die falschen Freunde, die in den Tagen des Wohllebens mit Dir gezecht und Dein Geld verpraßt haben, Dir nun, wo Du ihrer Hülfe bedarfst, als einen völlig Unbekannten, den Rücken kehren; was kannst Du dafür, daß Deine gelehrten Schmeichler, die ehedem Deinen Worten entzückt lauschten,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.