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Jüdisches Familienblatt · 1886-01-01 · 9 (1886) · p. Seite 35

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1886
Issue
9 (1886)
Date
1886-01-01
Page
Seite 35 (sequence 3)
Language
German
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— 35 — Versöhnt r Original-Roman von Jda Barber. THI. Nach Haufe? Mit Jlka war inzwischen eine Wandlung vorgeganqen. Sie war nicht mehr das jeder Einflüsterung zugängliche, Willensschwäche Mädchen, das sich von Jedem eine Meinung geben ließ; aus dem unselbstständigen, stets zwischen Extremen schwankenden Geschöpf war eine Willensstärke Frau geworden, deren Ernst in der Schule des Lebens gereift war. Schon während der Fahrt hatte sie ihre ganz bestimmten Pläne gefaßt, die durchzuführcn sie fest entschlossen war. Zurück zum Grafen — um keinen Preis! Lieber wollte sie, sie hatte ja etwas gelernt, ihren Lebensunterhalt als Lehrerin, als Erzieherin, als was immer suchen. Das machte ihr keine Sorge. Doch die Eltern! Wie würden sie den Schlag, der sie getroffen, hinnehmen? Die Mutter besonders? Und James und Claire, sie, die noch Kinder, wie konnte sich ihre Zukunft gestalten? Der so sehnsüchtig herbeigewünschte Schlaf floh ihre Augen. Die Fahrt schien endlos lang. Sie gab ihr Zeit, Einkehr bei sich selbst zu halten, ihr vergangenes Leben mit all seinen Fehlern und Jrrthümern zu prüfen. Die schönen Tage von Marienbad zogen vor ihren Blicken wie eine hellleuchtende Fata Morgana vorüber und mit ihnen das Andenken an jenen Mann, der sie doch wohl, obschon man ihn bei ihr verdächtigt, in reiner, selbstloser Liebe geliebt. „Nur ihn jetzt in meinem Unglück nicht Wiedersehen!" war ihr einziger Wunsch. „Er ist gerächt, er hat Grund, mich zu verachten! Vor ihm schäme ich mich meiner Niedrigkeit, meines Wankelmuths! Muß ich nicht in seinen Augen das elendeste Geschöpf sein, das die Welt trägt?" Einige Stationen hinter Wien nahmen einige Damen in dem Coupö, in dem Jlka saß, Platz, bte sich, nachdem sie vom Wetter, von der Mode, von ihren Dienstboten gesprochen, auch von dem neuesten Pester Fallissement unterhielten. „Man erzählt sich gar," sagte eine derselben, eine rothblonde Schöne, „daß Braun durch seinen Sohn und Schwiegersohn in's Verderben gestürzt worden!" „Das muß ich besser wissen, liebe Räthin," entgegnete die Andere, eine Frau von riesigem E.nvoupoint, die dem Raum nach sicher für zwei Plätze hätte zahlen müssen. „Mein Schwiegersohn hat gleich wie die Unruhen in Alexandrien ausbrachen, gesagt, daß Braun da große Verluste haben wird. Bis dahin hielt man ihn noch für einen reichen, sehr reichen Mann!" „Die Frau trieb ja einen wahnsinnigen Luxus," entgegnete die blonde Räthin. „Sie muß Unsummen zur Verfügung gehabt haben!" „Sie wissen ja," sagte im Flüstertöne die cvrpulente Dame, „diese Jüdinnen behängen sich mit allem Möglichen und glauben, dadurch was zu gelten." „Die Tochter soll einfacher sein!" sagte die Räthin. „Ob denn etwas Wahres an dem ganzen Roman ist, den man sich von ihr erzählt?" „Wohl kaum!" entgegnete die Andere. „Ein Mädchen von 18 Jahren, das den Muth hat, ohne Einwilligung der Eltern sich einem Manne zu vermählen, ist nicht gletch nachher so inconsequent, die Verbindung zu lösen!" „Ich weiß aber bestimmt, daß sie mit Graf Zandos verhetrathet ist und gegenwärtig in Venedig weilt!" entgegnete die Andere. „Unmöglich! Dieser Graf Zandos, so verschuldet er ist, wird keine Jüdin heirathen! Er ist Antisemit äs xur sauZ!" „So wissen Sie nicht, daß Braun sammr Frau und Kindern zum Ehristenthume übergetreten?" „Das ändert die Sache nicht, meine Liebe; Jud' bleibt Jud'! Ueberdies scheint der Glaubenswechsel ihm wenig Glück gebracht zu haben! Man munkelt so allerhand." „So? Was denn?" fragte neugierig die blonde Räthin. „Bitte, erzählen Sie mir doch! Mein Mann ist nämlich," setzte sie, ihre Neugierde erklärend, hinzu, „mit jenem Ehr. Sanders befreundet, der ein Verhältnis zu Jlka Braun hatte." Die beiden Damen rückten dichter an einander und flüsterten, doch nicht leise genug, daß Jlka, die sich schlafend stellte, aber auf jedes Wort achtete, nicht Alles hörte. „Braun soll," begann die Corpulente, „unter Mitnahme bedeutender Summen nach Amerika sein; man spricht davon, daß im Hause bereits Alles gepfändet und verkauft sei und die Familie ihm nachgehen würde!" „Herr des Himmels," rief, ihre Fassung verlierend, die junge Frau; „das ist ja nicht möglich! Ich beschwöre Sie, sagen Sie mir, von wem Sle jene Nachricht haben, ob nicht etwa —" Sie taumelte, sank in die Kissen des Wagens zurück und schien einer Ohnmacht nahe. Beide Damen waren um sie bemüht, suchten sie zu beruhigen und sprachen ihr Bedauern aus, sie durch ihre wenig discret geführte Unterhaltung erschreckt zu haben. „Sind Sie eine Verwandte des Braun'schen Hauses," fragte die Räthin theilnehmend. „Die Tochter! Die unglückliche Tochter!" rief Jlka, in einen Thränenstrom ausbrechend. Und nun erzählte sie, um ihrem gepreßten Herzen Luft zu machen, die Geschichte ihrer Leiden und schien sichtlich ruhiger zu werden, da sie jetzt wenigstens Gelegenheit hatte, zu mitfühlenden Menschen von ihrem Utiglück zu sprechen. „Werden Sie erwartet, Frau Gräfin?" fragte die corpulente Dame, als man schon eine Station vor Pell war. „Bitte, nicht Gräfin!" entgegnete die junge Frau; „ich mag nicht und durch Nichts an jene Zeit erinnert werden!" Am Bihnhof angelangt. führten die beiden Damen die fast vollständig Erschöpfte zu einem Wagen und geleiteten sie bis vor das elterliche Haus. Kein Portier, der ihr entgegensprang, den Wagenschlag zu öffnen, kein gallonirter Diener, der diensteifrig nach dem Koffer griff, kein erleuchtetes Portal. Tief traurig stieg sie, nachdem sie sich von den Damen verabschiedet, die halbdunkle Treppe hinan. Auf derselben begegnete ihr ein Mann, der erschrocken, als traue er seinen Äugen nicht, stehen blieb, da er sie erkannte. Sie wollte an ihm vorbei; doch die Kräfte versagten ihr den Dienst. Bewußtlos sank sie, ohne den ihr Entgegenkommenden gesehen zu haben, auf der Stiege zusammen. Mit kräftigen Armen umfaßte er die fast Leblose und trug sie hinauf in das Privat - Comptmr, das er soeben verlassen. „Onkel," rief er, seiner Singe kaum mächtig, „sehen Sie, welchen Fund ich gemacht!" Langsam drehte sich Leo Braun, der in seine Bücher vertieft dasaß, um. ~~ „Sehe ich recht?" rief er. „Jlka? Wie — wo—" „Ich sah sie eben, als ich hinausging, auf der Treppe zusammenbrechen," entgegnete, den Blick von den durch das Leiden noch verschönten Zügen der jungen Frau nicht abwenden könnend, 1)r. Sanders. „Und gerade Du mußtest ihr begegnen, Ellimar," sagte Leo Braun. „Was kann sie nur herführen?" „Sicher nlchts Gutes," entgegnete Sanders. Er rief nach der Dienerin, die alsbald mit Oelen und Essenzen herein kam. Auch Frau Rachelle wurde verständigt. „Die Gräfin hier? Der Graf auch mit?" hörte man sie schon auf dem Corridor. Bei dem Klange ihrer Stimme schlug Jlka die Augen auf.

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