Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1886
- Issue
- 9 (1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- Seite 34 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/6492351-9579404-9574222--0565-9574224- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 34 — nicht, was es heißt Tag und Nacht von dem Wahnsinn des einen, ausschließlichen Gedankens beherrscht zu sein, wenn Du noch erwägen und abwägen kannst". „Stefan", rief Lea und eine Thräne perlte ihr im Auge, „ich sollte Dich nicht lieben? Dich, meinen Schöpfer im eigentlichsten Sinne des Wortes, denn was war ich und was bin ich ohne Dich? Du hattest Mitleid mit der unbeholfen auf der Kindheitsstufe Stehenden, liehest ihr Deinen starken Arm für die ersten, schwankenden Schritte, empfingst mit gütigem Wohlwollen das zaghafte Stammeln des erwachenden Geistes, das unter Deiner Leitung erst zur deutlichen Sprache werden sollte. Ein Sonneublick aus Deinem Auge und die unscheinbare, in der Knospe ruhende Blüthe durfte sich entfalten und ihre Blätter dem heimischen Elemente, dem Lichte zuwenden. Du riefest mein Denken und Empfinden erst in's Leben und Dir gehört es, lange, lange schon, von dem ersten Moment an, wo Du, wie eine höhere Lichtgestalt, mir in den Weg tratst. Und nun kommst Du, und setzest Deinem Werke die Krone auf und bietest mir, der Niedriggeborenen, Dein Herz an, Dein großes Herz, das einer Königstochter werth wäre", — „Und", unterbrach sie Stephan sich über sie beugend und einen Kuß auf ihre Stirn drückend, „und meine Spröde weist dies große Herz zurück, das keiner Königsnoch Fürstentochter zu eigen sein will, nur Dir allein, bis zum letzten Pulsschlag". Lea schmiegte sich, in überwältigendem Entzücken, einen Augenblick an seine Brust, bald aber wand sie sich aus seinen Armen und sagte sehr ernst: „Du wirst jetzt nicht mehr glauben, und zu all' dem Unglück noch das des Mißverständnisses fügen, das ich aus mangelhafter Schätzung die kostbare Gabe von mir weise, die unter anderen Umständen, mich unendlich reich und glücklich machen würde. Aber von mir weisen muß ich sie doch und Du mußt mir recht geben, wenn Du mich ruhig anhören wirst. Ich will von den Pflichten, die ich meinen Eltern gegenüber zu haben glaube, von der tödlichen Verletzung die ich ihren Ansichten, Gefühlen, Vorurtheilen beibringen würde, gar nicht reden, auch der Verachtung und Schmach nicht gedenken, die ich. durch die heimliche Flucht, auf mich laden würde. Siehest Du, Stefan, Du kennst Deine Macht über mich noch nicht. Wenn Du willst, so hast Du nur ein Wort zu sagen, und ich bin Dein mit Leib und Seele". — Sie stockte, eine hohe Gluth röthete ihr Wangen und Nacken, dann lispelte sie kaum hörbar: „So Du, der Edle, Großherzige, den Gedanken ertragen kannst, ein schwaches Geschöpf, das sich willenlos Dir hingiebt, gebrochen zu haben, so sei es darum — was ich aber niemals zugeben kann", — „Halt ein", rief Stefan erschrocken, „welch' absonderliche Gebilde bewegen Dir Herz und Hirn? Wie magst Du nur glauben, daß ich Dich, auch nur mit dem Hauch meines Mundes beflecken wollte. Nein, als meine Gattin, meine ebenbürtige Gefährtin sollst Du mit mir ausziehen, um da draußen, in dem Weltgetnebe, ein Heim mir erobern zu helfen, das von den kleinlichen Vtorurtheilen und beengenden Anschauungeil uns nicht verkümmer werden darf Draußen giebt es noch Menschen, die nach Religion und Herkommen nicht fragen, die nicht nach der, vom Zufall aufgepickten Etiquette, einer Waare gleich, ihre Nebenmenschen taxiren. Du kannst Jüdin sein und bleiben, ich Christ oder Mohamedaner oder Heide, wen kümmert das? Wenn wir nur der von der Moral und dem Gesetz geforderten Formel uns fügen und durch die bürgerliche Behörde unsere Hände ineinander geben lassen, können wir, erhobenen Hauptes, unseren Platz in der Gesellschaft einnehmen und den uns gebührenden Antheil an allgemeiner Achtung beanspruchen. Durch das Institut der Civilehe sind wir nicht nur vor den Augen Gottes, — der, wo zwei Herzen in ehelicher Neigung sich finden, wohl jeder conventionellen Formel entrathen kann, — sind wir auch vor den Augen der buchstabendüftelnden Menschenkinder, ein legitimes Ehepaar, kein Tadel kann unser durch den Maire sanetionirtcs Bündniß treffen, nicht der leiseste Hauch der zischenden Verleumdung, die Heiligkeit desselben beeinträchtigen. Jetzt weißt Du, was ich im Sinne hatte, als ich Dir eine gemeinschaftliche Flucht vorschlug, und wirst, ohne mir fürder das Unrecht zuzufügen, an die Ehrlichkeit meiner Absicht zu zweifeln, Deine Zukunft vertrauensvoll an die meine anknüpfen". Lea schüttelte traurig den Kopf. „Es ist zu schön, eS darf nicht sein", sagte sie mit dem letzten Aufgebot ihrer wankenden Kraft. „Nimmermehr kann ich es zugeben, wenn ich schon mit allen anderen mich abfinden wollte, daß Du diesen tödtlichen Stoß Deinem Vater versetzest und den harten Mann so reizest und zum Aeußersten treibst. Wie könnte ich es je vor mir selbst verantworten, Deine stolze Lebensbahn durchkreuzt, Deine Zukunft untergraben zu haben? Du, der zu einer dominirenden Machtstellung berechtigt bist, darfst der Tochter des verachteten Volkes nicht die Hand reichen, Du darfst aus Deiner lichten Höhe nicht zu ihr in den Staub sinken, denn Du wirst sie nicht zu Dir hinauf, sie aber Dich hinabziehen in das schmutzige Gewühl des Alltagslebens. Und das darf nicht sein, nie und nimmer, wenn mir das Herz auch bräche". Ein heftiges Schluchzen erstickte ihre Stimme. „Gut denn", rief Stefan in aufwallender Leidenschaft, „es sei, wie Du es haben willst". Ich werde in dem Kreise verharren, in den ich gebannt bin, werde dem unbeugsame« Willen meines Vaters mich fügen und die Fürstin Theodosia zum Traualtar geleiten. Denn wisse, dies ist der feste Entschluß meines Vaters, — ich muß an der Seite der kleinen, häßlichen, dreißigjährigen Fürstin standesgemäß in den Hafen der Ehe einlaufen". — Ein bitteres Lachen dämpfte die zornige Aufwallung: bald aber fuhr er in gesteigertem Affecte fort. „Ja dort soll ich wie eine Waare gegen eine andere verschachert werden und wer kümmert sich darum, ob das Object leblos oder lebend, ob es ein Herz im Busen und ein heißes Verlangen im Herzen trügt — sei es darum. Ich werde mich, da es D i r so gefällt, nicht länger wehren gegen das frevle Würfelspiel, dessen Elnsatz mein Glück ist. Das aber sage ich Dir, daß ich Dich als die Urheberin meines Elendes betrachte, Dir den ganzen Jammer dieser Existenz zur Last legen werde, und so ich unter der unerträglichen Bürde unterliege, so wird es Dein Werk sein, — und dann sieh' zu, wie Du mit Deinem Gewissen Dich abfindest". Lea hatte mit einem an Erstarrung grenzenden Schrecken die Kunde von der geplanten Heirath vernommen; thränenlosen Blickes schaute sie in den Abgrund der sich plötzlich, klaffend vor ihr aufthat. Sie hatte die Möglichkeit, den Heißgeliebten zu verlieret!, wie in dämmernder Ferne, in's Auge gefaßt, aber ihn an eine Andere zu verlieren, und so bald, — die entsetzliche Nähe des Gefürchteten versetzte ihr den Athem, drückte sie nut bleierner Schwere zu Boden. Leichenbläffe wechselten mit Purpurröthe auf ihren erregten Zügen, ihr Busen hob und senkte sich in stürmischer Wallung, sie kämpfte schwer, sehr schwer, da mit einem lauten Aufschrei stürzte sie an die Brust des Geliebten. „Thu' mit mir was Du willst", rief sie. „ich folge Dir bis an's Ende der Welt. Ich habe gekämpft und gerungen, so lange es menschenmöglich war. nun ist meine Kraft zu Ende. Ich kann alles ertragen, alles, nur nicht den schrecklichen Gedanken, Dich in den Armen einer Andern zu wissen". Wie von einem Taumel erfaßt, drückte sie Stefan an sein wildpochendes Herz; sie hörte kaum was er ihr von den Einzelheiten seines Planes zuflüsterte und merkte sich, wie im Traume, nur die Stunde, Die sie am nächsten Tage hier zusammenführen und die ihrem Leben eine neue Richtung geben sollte. _(Korlsetzung folgte