Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1886
- Issue
- 9 (1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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M A. Jüdisches 1886. Herausgcgeben von Dr. Rahmen in Magdeburg. Zur Unterhaltung u. Belehrung für dir israelitische Jugend. * f, Prolog zum Stiftungsfeste der „Fraternitas-Loge" zu Dresden. Von Alphonse Levy. — Die Prinzessin. Eine Erzählung von Agathe Meisels. (Fortsetzung.) — Versöhnt. Original-Roman von Jda Barber. (Fortsetzung.) — Allerlei für den ' Famili entisch: Gehüpft oder gesprungen. — Biblische Ursprünge. — Räthsel-Aufgaben und Räthsel-Lösungen. Prolog zum Stiftungsfeste der ,Iraternit-s-Loge« z» Dresden. Von Alphonse Levy. Verehrte Brüder! Nun ein Jahr entschwunden, Versunken in das Meer der Ewigkeit, Seitdem wir uns einst feierlich verbunden Und edlen Zielen uns vereint geweiht, Gedenken froh wir all' der schönen Stunden, Da wir, zu einer Kette eng gereiht, Den Zauber wahrer Frundschaft warm empfunden, Den Unser Bund den treuen Gliedern leiht! „Benai Beriß," die Söhne eines Bundes, Der Jakobs Kinder inniger umschlingt, Die an so manchem Ort des Erdenrundes Verkennung noch und Vorurtheil umringt; Hier leuchtete Euch stets in frischer Schöne Des alten Glaubens wunderbarer Glanz, Hier schlang sich um des Bundes treue Söhne Der Brudersinn gleich einem duft'gen Kranz! Nichts kann in unsrer Zeit, wo viel des Trüben Die Menschheit trifft, wohl größ're Lust verleih'n, Als wie auf schöue Art das Wohlthun üben Und Gutes thun mit Edlen im Verein! Der Einzelne erlahmt; der beste Wille Giebt böchstens sich durch kleine Thaten kund; Doch Herrliches geschieht, wenn in der Stille Vereinigt wirkt ein echt humaner Bund! Den Kindern Israels war immer eigen Ein mild barmherz'ger Sinn, ein weiches Herz, Mitfühlend zu den Armen sich zu neigen, Zu theilcn brüderlich so Lust als Schmerz. Sie fühlen so für alle Erdenkinder Und harren hoffnungsvoll bis man erkennt, Daß Sie von Anderen nicht mehr noch minder Als nur die Form, nicht die Gesinnung trennt! Wenn sich der Föhn erhebt aus seinen Gründen, Löscht man die Feuer aus; zum Hafen eilt Der Schiffer; während rings die Blitze zünden Und Sturm erbraust, im sichern Port er weilt. Es blühen des Familienglückes Rosen Dem Bundesbruder und der Freundschaft Glück; Bis sich gelegt der wilden Stürme Tosen Zieht er in diesen Kreis sich still zurück! Im stillen Zelt verweilten einst die Väter Und als einst Bileam von Bergeshöh'n Solch' ruhig Wirken dann bewundert später Rief er: „Die Zelte Israels sind schön:" Stets hat sich Fluch in Segen so verwandelt; Frei ward der Blick, den Vorurtheil getrübt. Der Haß verstummt dort, wo man edel handelt, Wo man als Mensch und Bruder Gutes übt! „Des Bunds mit Jakob muß ich wohl gedenken. Mit Isaak, Abraham, doch auch dem Land" — Steht in der Schrift — „will ich Erinn'rung schenken!" So schlingt das Gotteswort ein festes Band Um unser Vaterland und um den Glauben Und lenkt den Blick auf eine beff're Zeit. Nichts kann die Hoffnung darauf jemals rauben Dem Bruder, der dem Bunde sich geweiht! So laßt uns hoffnungsvoll Zusammenhalten Von treuen Menschen ein geweihter Ring, Wo Bruder sinn und Bruderliebe walten Ist Gottes Vatersegen nicht gering. Laßt uns'ren Eifer nimmermehr erkalten, Dann wird auch immer herrlicher gewiß Das Werk, an dem wir schaffen, sich gestalten: Glück auf und Heil dem Bunde „B'nay Beriß!" Die Prinzessin. 91 Eine Erzählung von Agathe Meisels. (Fortsetzung.) „Was kümmern uns die tausendfachen Vorurtheile des Standes, der Religion, der Convenienz, all' die Fesseln, die Geburt und Erziehung uns auferlegen? Vergessen wir,, daß der Zufall Dich Jüdin und mich Christ und adelig werden ließ, seien wir vor allem Menschen, nichts als Menschen, freie, glückliche, die Einer dem Anderen Alles, und denen die Welt nichts ist. Die Welt", fuhr er bitter fort, „immer dies hohläugige, bleiche Gespenst, das mit seinem knöchernen Finger die Daseinsfreude aus dem Herzen und das klare Bewußtsein aus dem Hirn scheucht, das so lange wühlt und wühlt bis das letzte Atom der Lebenskraft unterwühlt ist, und uns, dem zertretenen, zermalmten, fratzenhaften Werk dieser Welt nicht einmal den Muth erübrigt, mit ihr Abrechnung zu halten. Und was bietet sie uns dafür, wenn wir ihren kalten Berechnungen uns fügen und die gradlinige Richtung einschlagen, die sie uns vorzeichnet? Welchen Ersatz giebt sie uns für den Verlust von Jugend und Schönheit und Glück, wenn wir ihren grausamen Moralprincipien folgen und unter das Joch ihrer steifen Pyilistermaximen unseren Nacken stecken?" „Ich weiß nicht, ob Sie recht haben", lispelte Lea traurig; „mein Kopf sagt nein, mein Herz ja. Aber ob wir nun, ja oder nicht verpflichtet sind, den Anforderungen zu gehorchen, die die Gesellschaft an uns stellt, so ist es doch gew.ß, daß die höher stehenden Pflichten gegen Familie, Eltern nicht verletzt werden dürfen, gegen Eltern, denen wir das Dasein schulden und soviel Güte und Liebe, durch die sie den Werth des Geschenkes noch erhöhen". „So meinst Du", unterbrach sie Stefan heftig; „Eltern, die uns nichts gegeben als das nackte Leben, eine Gabe, um die wir sie nicht ersucht, die wir, wenn im Zustande der Zurechnungsfähigkeit uns geboten, vielleicht entrüstet von uns weisen würden; Eltern, die durch ihre Härte und ihren Unverstand uns das bischen Menschseiu, das Bessersein wie viele Andere, nach Möglichkeit erschwert und verkümmert haben, die jede Regung des jugendlich-reinen Gemüthes im Keime zu ersticken suchten, die uns zu kraft- und marklosen Phantomen, zu blinden Werkzeugen ihrer tyrannischen Willkühr erniedrigen wollten, solchen Eltern wären wir Rücksicht schuldig? Ihnen sollten wir unsere heißesten Wünsche, unsere Ueberzeugungen, unser ganzes Sein, und gar unsere Liebe, die das Leben des Lebens ist, zum Opfer bringen? Doch Du liebst mich nicht", rief er schmerzlich aus, „Du weißt