Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1886
- Issue
- 8 (1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- Seite 31 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 31 — „Leider," unterbrach sie verächtlich der Graf. „So im Unglück zu sehen?" „Schmerzen nachfühlen," erwiderte der Graf höhnend, ^,ist ein sehr undankbares Geschäft; ich ziehe es vor, ihnen -aus dem Wege zu gehen und damit wir nicht auch vor einem finanziellen Ruin stehen, mußt Du wohl oder übel, nie ich Dir schon vorhin sagte, nach Hause reisen und den Vater bestimmen, bei der Einigung mit seinen Gläubigern darauf Bedacht zu nehme«, daß er mir, wenn auch nicht die 300 000 Gld., so doch mindestens die Zinsen dieses Capitals jährlich zahlen kann, sonst —" „Sonst?" fragte die Frau, ihn scharf anblickend. „Sonst," entgegnete der Graf, „würde ich auf die Ehre verzichten müssen, sein Schwiegersohn zu sein!" Ohne ihn eines Wortes zu würdigen, in ihrem innersten Herzen zu Tode getroffen, verließ die junge Frau das Zimmer. Eilig einen kleinen Handkoffer packend, vergaß sie in reger Geschäftigkeit die Größe ihres Unglücks, und als sie eine halbe Stunde später reisefertig zu ihrem Gatten eintrat, -um sich von ihm zu verabschieden, schien dieser selbst erstaunt, -daß sie so schnell auf seinen Vorschlag eingegangen. „Es hätte ja nicht gleich zu sein brauchen, Jlka," sagte er verblüfft, „so war es nicht gemeint!" „Besser heut' als morgen," entgegnete die junge Frau. „Deine Wunde ist ja leidlich geheilt, ich habe mit der Wirthin gesprochen, die Dir, bis Deine Mutter kommt, eine gewissenhafte Pflegerin sein wird!" ' „Die Mutter?" fragte der Graf erstaunt. „Ja, die Mutter!" Ich habe sie vor 8 Tagen eingeladen, uns zu besuchen; sie dürfte bereits auf der Tour sein!" „Das ist mir aber höchst fatal," sagte der Gras. „Weshalb?" Der Graf zögerte. „Du weißt, die Mama verfügt nur über eine bescheidene Pension," entgegnete er nach einigem Zögern; „wenn sie kommt, wird sie von mir die Reisespesen ersetzt verlangen; ich habe Dir verschwiegen, daß, daß — daß meine Kasse vollständig reducirt ist und ich kaum so viel habe, Dir Deine Fahrkarte zu zahlen." Gräfin Zandos biß sich auf die Lippen, um nicht Vorwürfe zu machen, die jetzt doch nichts fruchten würden. „Ich werde meinBracelet verkaufen," sagte sie schnell gefaßt, „und wohl erhalten, was ich zur Reise brauche." „Und an mich denkst Du nicht?" fragte vorwurfsvoll der Graf. „Du kannst doch unmöglich all das Geld, das Dir Papa jüngst gesandt, verlhan haben?" fragte unwillig die junge Frau. „Und wenn ich es hätte?" erwiderte trotzig der Graf, „will die Tochter des Bankerotteurs mir deshalb Borwürfe machen?" „Leben Sie wohl, Herr Graf," sagte Jlka kurz und verließ das Gemach. „Sie wird doch wiederkommen?" fragte sich der Graf. Jndeß Stund' auf Stund' verging; Graf Zandos war in banger Erwartung; eine convulsivtsche Aufregung bemächtigte sich seiner. Jlka kam nicht. Er läutete nach dem Kellner und erfuhr von diesem, daß er soeben den Koffer der Frau Gräfin zur Bahn geschafft habe und diese mtt dem Abendzuge abgereist sei. Das hatte der Graf doch nicht erwartet. Gewohnt, seit seiner Erkrankung die junge, wehrlose Frau ganz nach Laune mit spitzen Worten maltraitiren zu können, wußte er schon nicht mehr, was er redete und wie tief seine Redensarten sie verletzten. Jetzt erst erkannte er, was sie ihm gewesen. Er war gewöhnt, die ruhige, duldende, schöne Frau an seiner Seite zu haben, jeden feiner Winke von ihr befolgt zu sehen. Oed' und leer war es in seinem Zimmer; er hätte ihr Nacheilen mögen, sie zurückführen, ja selbst ihr Abbitte thun! „Bin zu weit gegangen," sagte er sich, „werde dafür zu leiden haben!" „Wie, wenn sie ganz fort bliebe?" der Gedanke durchzuckte ihn mit Blitzesschnelle. „Sie wird doch nicht? Jndeß die frostige Art ihres Abschieds? Ich weiß selber nicht, wie ich mir ihr Wesen deuten soll! Bin doch wohl zu hart gewesen! Jndeß soll Einer da nicht die Laune verlieren, wenn man so genarrt wird! Denkt einen reichen Schwiegervater zu haben, der eine unerschöpfliche Goldquelle ist und erfährt nach kaum 2 Monaten, daß, daß er ein ruinirter Mann! — Solch ein Unglück kann auch nur mir zustoßen! Es ist wirklich, seitdem ich mit dieser Juden - Bagage angebunden, als ob mich das Schicksal auf Tritt und Schritt verfolgt! — Ich heiratye eine Frau und habe keine — muß zufrieden sein, daß ihr Galan mir eine Kugel durch die Rippen jagt, daß das Täubchen entwischt und pour comble de malheur womöglich noch ihren Schmuck mitnimmt, den ich nöthigenfalls noch hätte, um wenigstens die Hotelrechnung zahlen zu können." Unfähig aufzustehen und Jlka's Kästen zu durchstöbern, läutete er nach Jean und befahl ihm, den braunen Schrank, in dem dre Gräfin gewöhnlich ihre Bijoux zu verschließen pflegte, hereinzuschaffen. Verwundert staunte ihn der Diener an. „Der Schrank ist verschlossen," sagte, den Zweck dieses Transports wohl errathend, der Bediente. „So bol' er einen Schlosser und laß er öffnen," entgegnete unwillig der Graf. Der Schlosser kam, der Schrank ward herübergeschafft, im Beisein des Grafen jedes Stück herausgenommen, — keine Spur von einem Schmuck. Eiskalt überlief es den Grafen. Wenn sie ihn mitgenommen! — Der andere Schrank wurde herübergeschafft, geöffnet, durchsucht, auch der große Reisekoffer — die vorsichtige Frau hatte gethan, was ihr gut dünkte. — „Ich suche ein Papier," sagte, als er die fragenden Blicke der beim Durchstöbern Beschäftigten auf sich gerichtet fühlte, der Graf, „und finde es nicht; die Gräfin vergaß es mir zu geben; sie wird es wohl bei sich führen!" Jean wußte bereits am nächsten Tage, als er mit des Grafen Brillant-Knöpfen zum Juwelier ging, um sie zu veräußern, was der Herr Graf gesucht. VII. Seine Mama. Gegen Abend traf die Frau Mama ein. Sie war sichtlich erstaunt, Jlka nicht mehr da zu finden. „Du hast einen faux-pas gemacht, mein Herr Sohn," sagte die Mutter, bedächtig das weiße Haupt schüttelnd. — „Jlka war damals in Dich vernarrt, in Deinem eigenen Interesse hättest Du suchen müssen, sie in dieser Gefühlsseligkeit zu erhalten. — Daß sie jetzt von Dir gegangen , Dich in diesem Zustande allein lassend, sagt mir nur zu deutlich —" „Liebe Mutter. verschone mich mit Vorwürfen," antwortete verstimmt Graf Zandos. „Ich kann Dir nicht alle Details erzählen, nur so viel weiß ich, daß ich durch sie keine glückliche Stunde gehabt habe!" „Aber Du bist rangirt?" forschte die alte Dame. „Und werde mich von Neuem in Schulden stürzen müssen," entgegnete finster der Graf. „Das sind allerdings traurige Zustände," sagte die alte Dame. „Um so trauriger, wenn man krank ist und Tag und Nacht, wie ich. keinen Schlaf findet!" Die alte Gräfin schüttelte wieder das weiße Lockenhaupt. „Hätte nicht gedacht, daß die Affaire so schief gehen könnte," sagte sie. „Wäre ich nur einen Tag früher gekommen, es hätte mir ein Leichtes sein können, Jlka zum Bleiben zu bestimmen, von ihr selbst zu erfahren — ob Dagmar etwa wieder —" Sie ließ ihren Gedanken, ohne ihnen Worte zu geben, freien Lauf. Kannte sie ja den Herrn Sohn nur zu gut. Was hatte sie seinetwegen Alles erlitten in der langen Reihe