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Jüdisches Familienblatt · 1886-01-01 · 8 (1886) · p. Seite 30

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1886
Issue
8 (1886)
Date
1886-01-01
Page
Seite 30 (sequence 2)
Language
German
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— 30 — willst Du mich zwingen, einem Weibe meine Hand zu bieten, das wie ein drohendes, Gespenst mir erscheint, das ich, als Zerstörerin meines Lebensglückes, schon jetzt hasse, glühend hasse und folglich auch unglücklich machen werde". „Auch handelt es sich hier nicht darum", sagte der Graf gleichmüthig, daß Du sie liebst, nur heirathen sollst Du sie, und wenn ihr die Ehe das erwartete Glück nicht bringt, so ist das ihre Sache". „Aber wie verträgt es sich mit der Achtung, die Du für die Fürstin-Mutter zu haben vorgiebst, daß Du ihr einen Sohn zuführen willst, der ein, von einer heftigen Neigung zerwühltes Herz und, im besten Falle, wenn die lodernde Flamme ersticken sollte — was aber nicht denkbar ist, — einen ausgebrannten Krater im Busen trägt". „Nicht weiter", schrie der Graf, auf dessen Stirn, geglättet durch den Appell an seine Liebe, bei der erneuerten Erwähnung der unseligen Verirrung des Sohnes, die Zornesader wieder zu schwellen begann. „Nicht weiter, wenn Du die ganze Wucht meines Grimmes nicht spüren willst. Entweder man reitet heute hinüber und es wird Alles perfect gemacht, oder Du bist mein Sohn nicht mehr, und Du kannst zusehen, wie Du mit dem väterlichen Fluche anstatt der väterlichen Erbschaft bedacht, Dir an der Seite Deiner plebejischen Angebeteten durch die Welt hilfst". Langsamen Schrittes, als ob nichts vorgefallen wäre verlieb er das Zimmer. Desto heftiger tobte es in Stefan's Brust. Wie ein Wahnsinniger rannte er hin und her und rang verzweiflungsvoll die Hände. Der Popanz dieser schrecklichen Ehe hatte das Maaß voll gemacht. Nun war er gekommen, der gefürchtete Moment, wo die drückende Fessel der Tyrannei endlich abgestreift, die herzlose Macht des kalten Despoten ein für allemal gebrochen werden sollte. — Er stürmte hinaus. Es war gerade die Stunde in der Lea ihn erwartete. Still befriedigt saß sie unter ihrem Baum, im Vorgenuß der kommenden Freude spielte ein warmes Lächeln um die schwellende Lippe und ein milder Glanz strahlte aus den dunklen Sternen. Stefan war eilendes Schrittes dahergekommen, die Pulse flogen, keuchend rang er nach Athem. Doch angesichts dieses heiteren, glücklichen Kindes hielt er plötzlich still. — Noch hatte er mit keinem Worte das Geheimniß seiner Liebe ihr verrathen; wußte er denn, ob sie dieselbe theilte, und wenn ja, wie sollte er nun in die glückliche Harmlosigkeit ihres Wesens den Kampf widerstreitender Empfindungen tragen, wie die spiegelglatte Oberfläche dieses reinen Gemüthes durch die trüben Fluthen seines eigenen verdunkeln? Lea hatte ihn nicht kommen sehen; er kehrte um, zwang im männlichen Ringen seinen kochenden Unmuth nieder und trat dann, ohne jedes äußere Anzeichen der gährenden inneren Erregung, vor die Geliebte hin. „Sie haben heute lange auf sich warten lassen", sagte Lea, ihm mit heiterem Lächeln die Hand reichend. „Ich weiß es" erwiderte Stefan in ernstem, fast feierlichem Tone, ihre Hand in der seinen behaltend. „Ich wallte mich vorbereiten, ich ging mit mir zu Rathe, ob ich es aussprechen sollte, was mein Herz mächtig bewegt und was von entscheidendem Einflüsse auf mein ganzes Leben, und vielleicht auch auf das Ihrige sein muß". Lea schaute erstaunt zu ihm auf und senkte dann in ahnungsvoller Scheu die Wimpern vor dem gluthvollen Blicke, der dem ihrigen begegnete. „Lea, länger kann ich nicht schweigen, es muß einmal gesagt sein, daß ich Dich liebe, mit der ganzen Kraft meiner Seele, Dich vom ersten Moment unserer Begegnung geliebt habe, und daß von Dir das Glück oder das Elend meines Daseins abhängt". Lea fühlte es wie einen electrischen Strom durch die Glieder rieseln; von Wonneschauern durchbebt, mußte sie die Augen schließen, dann erhob sie sie in Hellem Jubel zu dem jungen Mann. „Ist es möglich, täuscht mich nicht ein Trugbild meiner kranken Einbildungskraft? Sie, der Große, der Geistesheros, sollten sich herablassen, ein armes, unbedeutendes Geschöpf mit Ihrer Liebe zu begnaden, ihm die reichen Gaben eines solchen Herzens in den Schooß zu schütten? Wie habe ich nur dies große Glück verdient und was soll ich thun, um mich dessen würdig zu machen?" „Indem Du mit mir fliehest, Geliebte", sagte er sie an sich ziehend, „fliehest aus der engen Begrenzung der kleinlichen Verhältnisse, die uns, jeden in seiner Art, hier umringen und zu ersticken drohen". „Fliehen", rief sie erschreckt aus, „was würden die Eltern, was die Welt dazu sagen; wie würde man von der Jüdin denken, die an der Seite des hochgeborenen Grafen, heimlich das Haus ihrer Väter verläßt? (Fortsetzung folgt.) Versöhnt! * Original-Roman von Jda Barber. (Fortsetzung.) VI Die Abreise. Als der Graf wenige Tage später die Zeitung zur Hand nahm und eine Notiz, den bevorstehenden Concurs des Hauses Alois Braun betreffend, sah, schlug er auf den Tisch, daß die auf demselben stehenden Gläser sprangen. „Tod und Teufel," rief er, „wer hätte das gedacht! Solch' eine Schande! Bei Gott, ich überlebe es nicht!" „Was hast Du?" fragte Jlka, aus dem Nebenzimmer herbeieilend. „Schöne Nachrichten das!" rief der Graf, ihr ohne jedes vorbereitende Wort das Zeitungsbtatt hinhaltend. „Der Vater! Unmöglich!" rief die junge Frau, erblassend. „Hat doch noch zu guter Letzt ein gutes Geschäft gemacht und für das Fräulein Tochter die Grafenkrone eingehandelt," sprach, sich an ihrem Schmerze weidend, der Graf. „Frevle nicht!" rief ihm erzürnt die junge Frau zu; „mein Vater ist, welch Unglück ihn auch betroffen haben mag, ein Ehrenmann! Ich werde nicht dulden, daß Du —" „Der Stolz steht Dir gut, Täubchen," unterbrach sie höhnend der Graf. „Der Concurs äubert aber doch die Situation ein wenig. — Mein Herr Schwiegerpapa schuldet mir noch 300 000 Gld., eine Summe, die er jetzt wohl kaum wird zahlen können! Man kauft keine Grafenkrone um eine Lappalie! Du selbst mußt nach Hause fahren, Jlka — ich bin leider durch meine Wunde verhindert — und de» Herrn Papa zu bewegen suchen, Deine Zukunft sicher zu stellen. Ich werde ihm schreiben und thm mein allerhöchstes Mißfallen zu erkennen geben, daß er mich so — in die Tinte geführt." „Der Vater fallirt!" Halte sie das je für möglich gehalten! Sie wußte jetzt, weshalb der Onkel Leo in Pest war, weshalb man um den Vater depeschirt hatte. „Arm! Arm!" rief sie, verzweiflungsvoll die Hände ringend. O Gott, was wird die Mutter, was werden die Geschwister anfangen?" „Und was wir?" unterbrach sie den Graf. „Für das eigene Unglück hast Du, wie es scheint, keine Empfindung? Glaubst Du, es ist mir angenehm, meine Frau, wenn wir wieder in die Gesellschaft zurückkehren, als die Tochter des bankerotten Juden Braun v^rzustellen? Ich wähnte, so lange im Auslande zu bleiben, bis ihm wenigstens eine Standeserhöhung —" „Narrenspossen," unterbrach ihn unwillig die junge Frau; „mein Herz hängt nicht an all diesen Oberflächlichkeiten, die ich als leere Phantome erkannt! Kannst Du mir nu,t den Schmerz nachfüylen, den Vater, dessen yochfllegende Pläne Du ja kennst —"

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