Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1886
- Issue
- 7 (1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- Seite 27 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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„So lange man jung und kräftig ist, braucht man sich micht als Bettler zu fühlen," entgegnete verweisend der Onkel. „In der ernsten Arbeit liegt ein Capital, das gehoben, sein will!" „Habe ich je arbeiten gelernt?" entgegnete trotzig der junge Mann. „Du wirst es lernen!" erwiderte der Onkel. „Schöne Zuversicht das!" rief Norbert, mit dem Stock in der Luft herumfuchtelnd. „Immerhin eine bessere, als Schulden machen," entgegnete der Onkel. Wz Während er sich daran machte, weiter zu arbeiten, schien der junge Mann ein Opfer der bittersten Vorwürfe. Den Kopf in beide Hände gestützt, saß er rathlos da. „Ich schieße mir eine Kugel durch den Kopf," rief er, „wenn ich meine Schuld nicht einlösen kann." Die Wirkung dieser Worte auf den Onkel abwartend, schien er nicht wenig verstimmt, zu sehen, daß dieser that, nls habe er sie gar nicht gehört. Spornklirrend verließ er das Zimmer, eilte wieder zur Mutter, um ihr seine Noth zu klagen. Leo Braun, dies vermuthend und fürchtend, daß die Willensschwäche Frau ein unnöthiges Opfer brächte, ging ihm nach. Die Portieren waren herabgelassen; er hörte, obschon er nicht gesehen wurde, was im Nebenzimmer gesprochen wurde. „Ich beschwöre Dich, Mutter," hörte er den jungen Mann, „bei Allem, was Dir heilig, hilf mir nur noch diesmal aus der Verlegenheit. Um elender 2000 Gld. willen darf ich doch nicht —" „Wenn ich Dir aber sage, daß ich nichts, gar nichts habe," unterbrach Frau Rachelle; „der Onkel war so liebenswürdig. mir Alles zu nehmen, selbst die großen Gemälde aus dem Speisesalon sind verkauft!" „Wenn Du mir nur auf einige Tage die Hypothek, die Dir der Vater auf das Landhaus eintragen ließ, leihen wolltest, Mutter," bat der gewissenhafte Sohn; „ich würde mir Geld darauf verschaffen, das Haus bliebe ja immer Dein; es ist nur um momentan —" „Wo denkst Du hin!" unterbrach Frau Rachelle. „Ich darf jetzt Nichts aus Händen geben, wir wissen nicht, welscher ernsten Zeit wir entgegen gehen!" „Nur auf einige Tage, Mutter," flehte der Sohn; „bis dahin ist der Vater vermutlich zurück; er muß ja kommen, er wird Rath schaffen, unmöglich kann er uns doch in dieser Verzweiflung zurücklassen." „Wende Dich an den Grafen," entgegnete Frau Rachelle; .„er hat erst in den letzten Tagen eine bedeutende Summe erhalten; er am ersten dürfte in der Lage sein, Dir zu helfen!" „Was er bekommen, war er längst schuldig," entgegnete Norbert, „ich weiß es von dem Juden, den er mit Papa's Sendung bezahlt." Wieder bat und bettelte der junge Mann, ihm die Hypothek, seine letzte Hilfe, auszufolgen und schon wollte rau Rachelle, seinen Betheuerungen, daß es sich nur um einige Tage handle, Glauben schenkend, ihm das Schriftstück .ausfolgen, als Leo Braun zornfunkelnd hervortrat. „Das ist ja eine ganz erbärmliche Gemeinheit, Norbert," rief er, „daß Du es wagst, Deiner Mutter Gut, das einzige, was ihr bleibt, anzutasten! Kannst Du es verantworten, sie hernach vollständig mittellos —" „Ich wollte ja nur leihweise, nur für einige Tage —" „Du wolltest die Hypothek versilbern," unterbrach der Onkel, um damit, wie ich nur zu wohl weiß, die Schulden, die Du für Deine Maitresse gemacht, zahlen zu können!" Der junge Mann stand sprachlos. Er wagte nicht, die Augen aufzuschlagen, noch weniger, sich zu vertheidigen. So hatte noch Niemand mit ihm gesprochen. Der Onkel imponirte ihrn. Doch weit entfernt, in sich zu gehen und angesichts der drohenden Lage gute Vorsätze zu fassen oder sich nützlich zu machen, verließ er unwirsch das Haus, 'fest entschlossen, so lange der Herr Onkel da das Regiment führe, nicht zurückzukommen. „Sie haben zu scharf mit ihm gesprochen," sagte die Schwägerin im Tone des Vorwurfs. „Norbert ist es nicht gewöhnt, daß man ihn derart behandelt." „Ich finde es empörend," sagte Leo Braun, „daß er es wagen kann, das, was für alle Eventualitäten ihr Eigenthum bleiben muß, anzutaften. Selbst wenn das Geschäft nicht fortzuführen ist, bleibt Ihnen ja durch die Ihnen zugeschriebenen Hypotheken eine kleine Rente, von der Sie sorglos leben können! Keine Gläubiger, kein Gesetz kann Sie zwingen, sich dieses Eigenthums zu entäußern und Ihr eigner Sohn ist ehrlos genug —" „Schmähen Sie ihn nicht," unterbrach Frau Rachelle; „er ist eben in einer ganz verzweifelten Lage!" „Und wissen Sie auch, wieso?" entgegnete Leo Braun. „Heut früh war der Pferdehändler Lew hier und verlangte 2000 Gld. Zahlung für die Pferde, die er ihm für die blonde Jeanne, seine Maitresse, geliefert! Darf solch ein Bursche eine Maitresse haben? Ich begreife wirklich nicht, wo mein Bruder seine Augen hatte!" „Poltron!" sagte Frau Rachelle, als der Schwager hinaus gegangen. „Glaubt wirklich, er sei hier Herr im Hause und dürfe 8an8 gene mich und meine Kinder beleidigen! Werde mir aber Schutz zu schaffen wissen," fügte sie selbstbewußt hinzu. „Den Grafen wird er hoffentlich respectlren, ich schreibe sogleich, daß ich feines Schutzes bedarf — er ist ein Cavalier und wird mir hoffentlich —" Sie vollendete den Satz nicht, da sie wohl überlegte, daß sie nicht so unklug sein dürfe, den Grafen in diese Familien- und Geschäftsmissre einzuweihen. „O Gott, bin ich denn ganz verlassen," rief sie wieder in Thränen ausbrechend. Noch hatte sie sich kaum beruhigt, als von Jlka ein Brief eintraf, der ihr die ganze Schwere des Unglücks, das die junge Frau betroffen, kund that. „Er ist rabiat, ja roh," schrieb Jlka unter Anderem; „seine Wuth gegen Sanders und damit gegen alle Juden kennt keine Grenzen. Täglich muß ich seinen Zornesausbruch mit an hören. Keine Magd würde diese Behandlung ertragen! — Wenn seine Wunde geheilt, bin ich fest entschlossen, ihn zu verlassen. Ein Zusammenleben mit ihm ist zur Unmöglichkeit geworden! Ich habe an seine Mutter geschrieben, sie möge sobald als möglich kommen, um seine Pflege zu übernehmen! O, Mutter, was ich in den 8 Wochen seit jener unseligen Trauung erduldet, ist mehr, als ein Mensch ertragen kann! Nicht eine Stunde echten Seelenfriedens! Nicht eine beglückende Aussprache! — Ein Glück, daß ich consequent geblieben und ihm nie eine Gunst gestattet. — Der Stolz des Weibes hat sich in mir empört, so oft er, als er noch glaubte, heucheln zu müssen, mir nahte. — A propos! Da las ich gestern in einem Wiener Blatte vom Sturz eines großen Pester Hauses, das mit Alexandrien in Verbindung steht. Ist Papa betheiligt? Eure Depesche heut hat mich sehr beunruhigt; ich weiß nicht, ist Papa auf dem Wege zu mir? O, wie würde ich mich freuen, wenn er mich aus meiner Knechtschaft zu erlösen käme!" — „Er wird nicht kommen," seufzte Frau Rachelle, als sie bis hierher gelesen, „armes Kind! Konnten wir ahnen, daß diese Ehe Dein Unglück werden sollte." Tief seufzend las sie Weiler: „Wenn ich jetzt von Dagmar fortgehe, mag ich, um jeden Eclat zu vermeiden, und um neidischen Menschen nicht Gelegenhelt zum Medisiren zu geben, nicht zu früh zurückkehren. — Ich möchte zur Cousine Leah, nach der sich mein ach so verwaistes, einsames Herz sehnt. Sie ist brav und lieb und wird mich in meinem Unglück verstehen. — Schreibe mir umgehend, ob Du mit meinem Plan einverstanden bist."